Auf noch französischere Art war es zweifellos auch kein Zufall, dass der Mörder zum 50. Jahrestag der Verträge von Évian zur Tat schritt, die den Algerienkrieg beendet hatten. Dieser Krieg, seit so vielen Jahren dorthin entsorgt, was die Psychoanalytikerin Anne-Lise Stern die »Mülleimer der Geschichte« nannte, er wütet noch immer im nationalen Unbewussten, was insbesondere für die jungen Franzosen algerischer Herkunft gilt. Das ist die ewig gültige Lektion des Psychoanalytikers Jacques Lacan: Was ins Symbolische verbannt ist, kehrt im Realen wieder. Und schließlich, aber die Liste ist nicht erschöpfend, sind diese Verbrechen ein Symptom der radikalen Krise der gesamten westlichen Paideia, unserer Kunst also, unsere Kinder in einer Zivilisation des Bildes und der virtuellen Realität zu erziehen. Mohamed Merah war von gewaltsamen Videospielen und von der Kinofigur des Terminators fasziniert, und in diesem Punkt steht er den Mördern der Massaker von Columbine oder Winnenden näher als dem patentierten Terrorismus.

Kurz, in dem klinischen Bild zeigen sich die Krankheiten des Islams, Frankreichs, Europas, der westlichen Kultur und der weltweiten Geopolitik, aber nicht als ein Ganzes. Insofern bleibt es unlesbar, ist eher eine Quelle der Verwirrung als der Klarheit. Die einzige Erkenntnis, die sich im Moment gewinnen ließe, ist die der Schwäche einer politischen Klasse in Frankreich und Europa, die sich, mangels eines großen politischen Projekts, wieder einmal der »mitfühlenden Demokratie« und dem Diktat der kriminellen Aktualität hingibt.

Was schließlich die Geste Mohamed Merahs selbst betrifft, ist sie zu grauenhaft und zu komplex, als dass man ihre Erklärung sofort und umstandslos den politischen Kommentatoren überlassen sollte. Da wird man warten müssen, bis sich ein Künstler ihrer annimmt, in der Art von Martin Scorcese in Taxi Driver oder Gus van Sant in Elephant, damit wir ein wenig besser begreifen, was sich rund um diesen Punkt der Unmöglichkeit zusammenbraute, den man auf alle Zeit nur zum Teil erklären können, aber niemals verstehen wird: den Mord an Kindern.

Aus dem Französischen von Gero von Randow