PolitrockPunk gegen Putin

Eine Frauenband mischt Moskau auf und wird zum Symbol des Protestes. Drei Mitglieder sind schon verhaftet. Was wollen sie? von Diana Laarz

Sie tragen neonfarbene Strumpfhosen, machen Punkmusik, nennen sich Pussy Riot und sind auf der Flucht vor der russischen Polizei. Erst hat sie zwei geschnappt, dann noch eine, nun sitzen die drei in Untersuchungshaft, und der Rest versteckt sich irgendwo in der Nähe von Moskau . Es sind fünf bis zehn Frauen, so genau kann man das nicht sagen bei einer Band, die nur anonym auftritt, und dennoch werden sie von der Opposition zu massentauglichen Heldinnen hochgejubelt, die sie nie sein wollten.

Die Moskauer Ermittlungsbehörden jagen Pussy Riot, was so viel heißt wie »Mösen-Aufstand«, wegen ihres vorerst letzten Auftrittes Ende Februar. Fünf Bandmitglieder schleichen sich in die Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale, die größte und wichtigste Kirche Russlands . Patriarch Kyrill hält hier die Messen zu Ostern und Weihnachten. Die Frauen von Pussy Riot tragen wie immer ihre bunten Kleider und gehäkelte Hauben über den Kopf gezogen. Sie tanzen vor dem Kaisertor des Altars und knien auf dem Boden, als beteten sie. Nach ein paar Minuten werden sie vom Kirchenpersonal hinausgeworfen.

Anzeige

Wenig später taucht auf YouTube ein typisches Pussy-Riot-Werk auf. Die Bilder aus der Kirche sind mit E-Gitarren-Riffs unterlegt. Die Frauen grölen ihren Hass auf das Regime hinaus. Der Refrain klingt wie ein Chorus: »Muttergottes, Jungfrau Maria, vertreibe Putin

Der Staat reagiert verzögert. Zwei Frauen, die in der Kathedrale dabei gewesen sein sollen, werden Anfang März festgenommen. Es sind keine guten Tage für die russische Protestbewegung. Wladimir Putin ist wieder einmal mit absoluter Mehrheit zum Präsidenten gewählt worden. Und auch wenn bei der Wahl betrogen wurde, ist klar, dass er die Zustimmung einer breiten Mehrheit der Bevölkerung hat. Zur Großdemonstration nach der Wahl kommen statt der erwarteten 50.000 nur 25.000 Menschen. Den Führern der Bewegung fällt nichts Besseres ein, als mit zu wenig Anhängern eine Besetzung des Puschkinplatzes zu versuchen. Doch dann übernehmen Pussy Riot die Schlagzeilen.

Vor Gericht wie Tiere vorgeführt

Bei nicht genehmigten Protestaktionen verurteilen Moskauer Gerichte die Angeklagten normalerweise zu ein paar Tagen Gefängnis oder einer Geldstrafe. Aber dieses Mal ist es anders. Vorerst bis zum 24. April sollen die verdächtigten Frauen in Untersuchungshaft bleiben, verfügt ein Gericht. Ermittelt wird wegen Artikel 213 des Strafgesetzbuches – schweres »Rowdytum«. Darauf steht eine Gefängnisstrafe von bis zu sieben Jahren.

Auf den Plakaten, die die frisch politisierte Internet-Community bei Facebook hochlädt, steht nun nicht mehr »Putin, hau ab«, sondern »Free Pussy Riot«. Der kritische Radiosender Echo Moskwy berichtet fast ohne Unterlass. In russischen Gerichtssälen ist es üblich, dass Angeklagte, egal ob der Oligarch Michail Chodorkowski oder eine illegale Gastarbeiterin, in einem Glaskasten oder Käfig sitzen. Die Empörung in der Presse ist dennoch gewaltig. Da würden Frauen, junge Mütter noch dazu, »wie Tiere« vorgeführt. Vor allem eine Frau fällt auf. Sie hat schulterlange braune Haare, in ihren Augen liegt ein winziger Vorwurf. Sie heißt Nadeschda Tolokonnikowa , 22 Jahre alt. Ihr Leben taugte noch nie für die Opferrolle.

Sex im Biologischen Museum, Kuss für eine Polizistin

Als Tolokonnikowa 18 Jahre alt war, ließ sie sich mit ihrem Mann beim Sex im Biologischen Museum filmen, vier Tage vor der Geburt der gemeinsamen Tochter, die sie – einer spontanen Eingebung folgend – Hera nannte. Später erklomm sie mit anderen jungen Russen johlend den gusseisernen Zaun vor dem Weißen Haus, damals noch Sitz des Ministerpräsidenten Wladimir Putin, auf die Mauer hatten sie einen Totenschädel projiziert. Eines der letzten veröffentlichten Videos zeigt sie mit zerzaustem Haar in einer Moskauer Metrostation. Sie stürmt auf eine Polizistin zu und küsst sie auf den Mund. Sie lächelt, als die Ohrfeige der Polizistin sie trifft. Diese Frau ist denkbar ungeeignet, um die auseinanderstrebende Masse von Unzufriedenen hinter sich zu vereinen. Aber wer sonst könnte diese Position in Russland gerade einnehmen?

Nadeschda Tolokonnikowa verweigert jede Aussage über Pussy Riot, aber im Internet kursieren ausreichend Beweise dafür, dass sie Teil der Gruppe ist. Die Frauen kennen sich aus einer Zeit, als Protest in Moskau noch Sache Hunderter, nicht Zehntausender war. Sie nennen sich »Kater«, »Serafima« oder »Blondi«. Tolokonnikowa verbirgt sich vermutlich hinter dem Pseudonym »Tjurja«.

Im Oktober 2011 tauchen Pussy Riot erstmals in Moskau auf. Sie sind eine Art Kunstguerilla. Gitarren um den Hals und bengalische Feuer in den Händen, brüllen sie den Passanten ihre Botschaft in die Ohren, verurteilen Russlands patriarchalisches System und den Macho Putin. Sie singen auf Bussen, auf einem Gerüst in einer Metrostation und auf dem Dach neben einem Gefängnis, in dem festgenommene Demonstranten einsitzen. Mitte Januar erklimmen acht Mitglieder von Pussy Riot eine Mauer auf dem Roten Platz, auf der früher der Zar seine Erlasse verkünden ließ, und singen: »Aufruhr in Russland – Putin pisst sich in die Hose.« Sie werden von der Polizei verhaftet und müssen eine geringe Geldstrafe zahlen. Danach folgt der Auftritt in der Erlöser-Kathedrale.

Leserkommentare
    • Gyros
    • 01. April 2012 18:19 Uhr
    1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Kommentar oder konstruktive Kritik beizutragen haben. Danke, die Redaktion/jz

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hab mich auch erst köstlich amüsiert... dann aber wieder aufgeregt... und jetzt bin ich einfach nur traurig und enttäuscht.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

  1. Hab mich auch erst köstlich amüsiert... dann aber wieder aufgeregt... und jetzt bin ich einfach nur traurig und enttäuscht.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Danke, die Redaktion/jz

    Antwort auf "[...]"
  2. 3. 23434

    Entfernt. Bei Fragen oder Kritik an Moderationsentscheidungen können Sie sich gerne an community@zeit.de wenden. Danke, die Redaktion/jz

    • Gyros
    • 01. April 2012 18:34 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie beim Artikelthema und bitte vermeiden Sie Beiträge, die als beleidigend verstanden werden. Danke, die Redaktion/au

  3. und wenig Substanz. Was soll dieser merkwürdige Politprotest denn bewirken?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/au.

    hätte man tucholsky auch stellen können. die antwort finden sie, wenn sie sich mit kunst theoretisch beschäftigen. wenn sie der ansicht sind, kunst soll hübsche bilder für die wand zu hause und im museum produzieren, dann werden sie politische kunst nicht verstehen. wenn sie beuss schon immer für einen scharlatan hielten, werden sie avantgardistische kunst nie verstehen.
    was daran kunst ist? kunst überspitzt die realität, bis der sehgestörteste in der lage ist, das thema zu erkennen. wer aber das sehen verweigert, dem ist da auch nicht zu helfen.

  4. 6. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/au.

    Antwort auf "Viel heiße Luft"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • xpeten
    • 01. April 2012 19:20 Uhr

    Freiheitshasser, Friedenshasser, Intellektuellenhasser, sonstige Hasser, alle sind sie zu einem solchen Thema wieder oben auf.

    Da kann man nur sagen: Es steht jedem frei, sich dort zu informieren, wo er sich mit seiner Meinung zu Hause fühlt.

  5. Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • hakufu
    • 01. April 2012 21:53 Uhr

    Meine Empfehlung deshalb, weil Meinungsfreiheit zu den höchsten Gütern in unserem Staatswesen gehört.

    Sie halten sich sicher aus gutem Grund aus der Diskussion über Syrien raus.

    Die Welt war auf einem guten Weg zum Käßmann Islam ( gegenseitige Akzeptanz verschiedener Weltanschauungen ), bis Chomeini die Gelegenheit gegeben wurde, um den wahren Islam Geltung und Wirkung zu verschaffen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service