GrüneFritz und seine Greatest Hits

Bislang schrieb er Strategiepapiere, jetzt soll er Bierfässer anstechen: Der grüne Vordenker Fritz Kuhn will in Stuttgart OB werden.

Wer bei YouTube den Namen »Fritz Kuhn« eingibt, stößt auf ein Video, das einem die Sprache verschlägt. Es scheint aus einer anderen, untergegangenen Welt zu stammen. Es ist das Jahr 1984, Elefantenrunde in Stuttgart vor der Landtagswahl. Die Grünen sind gerade fünf Jahre alt. Die Spitzenpolitiker der Etablierten, darunter CDU-Ministerpräsident Lothar Späth, starren den zarten Jüngling in ihrer Mitte an wie ein lästiges Insekt, können aber irgendwie auch nicht die Augen von ihm lassen.

»Wer sind Sie eigentlich?«, herrscht der Moderator den 29-jährigen Grünen aus dem Tübinger Kreisvorstand an. »Sind Sie ein Grüner oder ein Roter? Wer hat Sie hierhergeschickt?«

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So redet heute niemand mehr mit Fritz Kuhn, schon gar nicht bei der CDU. Dieser Tage hat die Partei, der das Regieren im Süden ein halbes Jahrhundert lang einfach immer zustand, eine Heidenangst vor der fat cat aus Berlin. Er will ihnen das Amt wegnehmen, das im politischen Organigramm Baden-Württembergs gleich unter dem König kommt, den jetzt ja verrückterweise auch schon die Grünen stellen: Fritz Kuhn will Oberbürgermeister von Stuttgart werden. Und seine Chancen stehen nicht schlecht.

Aber warum will er das eigentlich? »Heimkehr«, sagt er und lächelt aus einem frisch gebräunten Skifahrergesicht, »das ist doch ein schönes Wort.« Er will das von der CDU zubetonierte, im Talkesselverkehr erstickende Stuttgart endlich wieder zur »Stadt am Fluss« machen, den Zugang zum Neckar freilegen. Dass man atmen kann!

"Ökologie und Ökonomie zusammenführen"

Auf seinen vielen Strategiepapieren ist Fritz Kuhn aus Bad Mergentheim in den letzten zwanzig Jahren bis in die Partei- und Fraktionsspitze geklettert, denn es waren meist gute Strategiepapiere. Aber die Schuhe, die seine Partei ihm hingestellt hat, waren letztlich immer ein bisschen zu klein für Fritz Kuhn. Man hat ihn respektiert, aber nie so recht geliebt und gefeiert. Manche fanden ihn autoritär. Außerdem kann er rechnen. Er erfand die Arbeitsgruppe »Ehrlich machen«, die grüne Forderungen auf ihre Bezahlbarkeit prüfen soll. So was gefällt nicht jedem.

Jetzt will Kuhn endlich einmal für sich selbst glänzen, als Solitär, nicht nur die Ideen liefern, mit denen dann andere weiterkommen. So sagt der Vater zweier Söhne auch jetzt wieder, er wolle in Stuttgart »Ökologie und Ökonomie zusammenführen«, »mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben« – seine Greatest Hits halt, mit denen die Grünen seit einigen Jahren den Mittelstand umwerben und bei denen ihm das harte »R« aus dem Allgäu nur so von der Zunge perlt.

Alles, was die baden-württembergischen Grünen zu solchen Exoten in ihrer Partei gemacht hat – die Liebe zum Land, den Grünen Aschermittwoch in Biberach, das Ökolibertäre, Volksparteihafte –, »das hat eigentlich alles Fritz Kuhn erfunden«, wie sein alter Freund Rezzo Schlauch noch heute generös sagt. Einmal, 1992, hatte Kuhn Schwarz-Grün schon praktisch fertig ausgehandelt – dann reichte es nicht, und die CDU rettete sich in eine Große Koalition.

"Wenn, wenn. Wenn mei Onkel kei Schwänzle hätt ..."

Aber kann so ein Konzeptkünstler auch Bürgermeister? Also Urkunden verleihen, Bierfässer anstechen, Witwen streicheln? »Die Leute hier, die wollen einen Rommel«, sagt ein SPD-Abgeordneter, »jemanden mit Charisma, nicht mit Konzepten. Der wird hier das gleiche Problem haben wie die Künast in Berlin.« Rezzo Schlauch aber, dem noch niemand einen Mangel an süddeutschem Hedonismus vorgeworfen hat, warnt alle davor, Kuhn in dieser Beziehung zu unterschätzen. »Der ganze Heimatwitz in unseren Wahlkämpfen hier früher – das war alles er.« Wer Kuhn fragt, was er tun wird, wenn es nicht klappt mit dem OB-Amt, kann davon eine Portion mitbekommen: »Wenn, wenn. Wenn mei Onkel kei Schwänzle hätt, da wär’s meine Tante.« Geht doch!

Stuttgart ist jetzt, ein gutes halbes Jahr vor den OB-Wahlen im Herbst, Schauplatz gleich mehrerer Bruderkämpfe. Der zwischen Grün und Rot hat schon Tradition, man hat sich da gegenseitig Wunden geschlagen, die keine der beiden Seiten vergessen hat – auch jetzt nicht, da man im Landtag zusammen regiert. Das Urtrauma wurde damals auch bundesweit registriert: wie 1996 der grüne OB-Kandidat Rezzo Schlauch (»Zwei Zentner für Stuttgart« – Kuhns Slogan) mit sensationellen 39 Prozent im zweiten Wahlgang knapp hinter dem eher farblosen CDU-Mann und heutigen Amtsinhaber Wolfgang Schuster landete. Das Amt wäre seins gewesen, wenn die SPD nicht an ihrem völlig aussichtslosen Gegenkandidaten Brechtken festgehalten hätte.

2004 war es dann umgekehrt: Der Grüne Boris Palmer zog seine Kandidatur zurück und rief zur Unterstützung des CDU-Mannes Schuster auf, weil der ihm in Sachen Stuttgart 21 Zusagen gemacht hatte. Im Kern geht es immer um die gleichen Affekte: Ihr seid Latte macchiato!, sagt die SPD, und die Grünen entgegnen: Ihr seid Kohlenstaub von vorgestern! Kuhn will jetzt Dampf aus dem Erbkrieg rausnehmen: »Meine Botschaft an die Roten«, sagt Kuhn, sei: »Wir sind doch quitt. Wir können das jetzt bis zu den Enkeln und Urenkeln weiter ausfechten. Oder wir sagen: Jetzt ist mal Schluss. Jetzt wird vernünftig agiert und geschaut, dass nicht wieder ein Schwarzer drankommt.«

Leserkommentare
  1. Der Fritz Kuhn schafft es!

    Claudia Roth als Bundeskanzlerin wäre dann der krönende Abschluss und der Beginn einer besseren Zeit...

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    • joG
    • 01.04.2012 um 12:51 Uhr

    .....wäre eine bunte, neue Zeit. Eine schöne Vorstellung: Roth als Vorsitzende der Deutschland AG.

    Naja, schlechter als damals Reuther das Vorzeigeunternehmen der D AG geführt hat, wird sie nicht sein. Und lustiger aussehen tut sie allemal.

    • joG
    • 01.04.2012 um 12:51 Uhr

    .....wäre eine bunte, neue Zeit. Eine schöne Vorstellung: Roth als Vorsitzende der Deutschland AG.

    Naja, schlechter als damals Reuther das Vorzeigeunternehmen der D AG geführt hat, wird sie nicht sein. Und lustiger aussehen tut sie allemal.

  2. "Diese Technologie beinhaltet enorme technische, öknomische und soziale Risiken." - Fritz Kuhn in den 1980er-Jahren über ISDN-Telefonie.

    Und so ein Fortschrittsgegner soll OB von Stuttgart werden?

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    • joG
    • 01.04.2012 um 12:53 Uhr

    ....die Risiken ausgeräumt. Wir haben eine neue Technologie eingesetzt.

    • joG
    • 01.04.2012 um 12:53 Uhr

    ....die Risiken ausgeräumt. Wir haben eine neue Technologie eingesetzt.

  3. Stuttgart braucht weder einen CDU nahen Alt-Werbefuzzi - "Wir können alles außer hochdeutsch", noch einen von der Berliner Grünenfraktion aufs Altenteil abgeschobenen Ex-Fraktionsprecher, der das Stuttgarter Rathaus zu einer "grüngefilzten" Außenstelle des Staatsministeriums umbaut.
    Wir Stuttgarter wünschen uns eine(n) kompetente(n) Kandidatin/Kandidaten, der unbelastet von der S21-Geschichte in der Lage ist, eine wohlhabende Großstadt mit einem hohen Bevölkerungsanteil an Migranten und "Besitzstandsalten" sowie einflussreicher Wirtschaftskreise und Kulturcliquen (Lösch, Schretzmeier, Sittler, u.a.) so zu organisieren, dass mit einer diskursiven und transparenten Politik ein neues Klima in der Stadt entsteht. Dafür eignen sich weder Kuhn nnoch Turner. Bleibt zu hoffen, dass die SPD eine bessere Kandidatin präsentiert und den Aufbruch wagt.

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    • joG
    • 01.04.2012 um 12:51 Uhr

    .....wäre eine bunte, neue Zeit. Eine schöne Vorstellung: Roth als Vorsitzende der Deutschland AG.

    Naja, schlechter als damals Reuther das Vorzeigeunternehmen der D AG geführt hat, wird sie nicht sein. Und lustiger aussehen tut sie allemal.

    Antwort auf "Grün wirkt"
    • joG
    • 01.04.2012 um 12:53 Uhr

    ....die Risiken ausgeräumt. Wir haben eine neue Technologie eingesetzt.

  4. Mir brauchet in Stuttgart an rechte Schaffer un et so oin grüne Grasdaggl. Ohne die cdu würds hier ganz anderschd ausschaue.

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    ja, der der Herr Schuster von der CDU ist ein echter 'Schaffer':
    http://twitpic.com/8nc784

    Wer so eine Zerstörung in seiner Stadt zulässt, der mag viel 'schaffen', bzw. wohl eher Ab-Schaffen (von dem von den Bürgern einst sehr beliebten Mittleren Schlossgarten...) Auf solche 'Schaffer' , die nur ein Ohr für die Investoren haben, jedoch nicht für die Belange der Bürger kann ich gern verzichten.

    ja, der der Herr Schuster von der CDU ist ein echter 'Schaffer':
    http://twitpic.com/8nc784

    Wer so eine Zerstörung in seiner Stadt zulässt, der mag viel 'schaffen', bzw. wohl eher Ab-Schaffen (von dem von den Bürgern einst sehr beliebten Mittleren Schlossgarten...) Auf solche 'Schaffer' , die nur ein Ohr für die Investoren haben, jedoch nicht für die Belange der Bürger kann ich gern verzichten.

  5. So kurz vor der Pensionierung und angesichts der Tatsache, dass er in Berlin auf die Hinterbank geschoben wurde, kam Herrn Kuhn die Idee, er könne jetzt OB von Stuttgart werden.
    Das wäre doch noch ganz schön profitabel für ihn, nicht wahr?

    Allerdings hat er einen brisanten Brief veröffentlicht. Er nimmt darin auf Fragen der S21-Gegner Stellung und gibt buchstäblich zu, dass die Grünen bisher nur gelogen und betrogen haben.

    Zitat:“ Ihre Fragen, wie sich die Stadt Stuttgart gegenüber dem Projekt Stuttgart 21 verhalten soll, sind in gewisser Hinsicht theoretischen Charakters, da eine deutliche Mehrheit im Gemeinderat das Projekt Stuttgart 21 uneingeschränkt befürwortet.“

    War diese Sachlage eigentlich je anders? Das war doch schon VOR der Kommunalwahl 2009 so und das ist NACH der Kommunalwahl 2009 so.

    Trotzdem haben Wölfle und Konsorten ständig behauptet: „S21 kommt nicht“. Dann war das also eine – bewusste – Lüge der Grünen?

    Dasselbe gilt für den Landtag. Auch dort gab es IMMER eine Mehrheit für S21 (wie übrigens auch im Bundestag). Trotzdem wurde VOR den Wahlen von den Grünen (in Kenntnis der Mehrheitsverhältnisse) behauptet, man könne S21 stoppen.

    Dann war das also eine – bewusste – Lüge der Grünen?

    Teil 2 folgt sogleich

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  6. Herr Kuhn schreibt weiter: „. Selbst ein Oberbürgermeister kann sich nicht über diese Mehrheit hinwegsetzen.“ Ach was. Was wurde Herr Schuster angegriffen,
    obwohl jedem einigermaßen intelligenten Menschen klar sein musste, dass er nur EINE Stimme im Gemeinderat (60 Stimmen) hat. Trotzdem wurde von den Gegnern stets behauptet,
    Herr Schuster sei verantwortlich. Und nun plötzlich befürchtet die grüne Marionette, Grünocchio, dass der OB allein nichts ausrichten kann. Komisch.

    Herr Kuhn schreibt weiter: „Eine rechtliche Anfechtung der Mischfinanzierung durch die Stadt Stuttgart ginge nur durch einen Gemeinderatsbeschluss. Auch hierfür gibt es keine Mehrheit.

    Ei der Daus. Aber die Grünen haben doch extra ein Gutachten eingeholt und die Grüne Landtagsfraktion und Grüne Gemeinderatsfraktion haben doch stets (in Kenntnis der Mehrheitsverhältnisse) VOR den Wahlen erklärt, dass diese Mischfinanzierung nicht rechtens und deshalb S21 zum Scheitern verurteilt sei.

    Dann waren das – vor der Wahl – alles Lügen der Grünen? Und Herr Kuhn gibt das jetzt zu?

    Teil 3 folgt sogleich

    Eine Leserempfehlung

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