GesellschaftskritikÜber den Sidekick

Der Moderator Thomas Gottschalk wünscht sich für seine Sendung eine bessere Hälfte. Die soll ihn im richtigen Moment unterbrechen – und zuverlässig Stichworte liefern.

Thomas Gottschalk, heißt es, suche für seine notleidende Vorabendshow einen sogenannten Sidekick. Was ist das? Jemand, den man zuverlässig an der Seite hat, um ihn anrempeln zu können, oder umgekehrt jemand, der einen seinerseits von der Seite her anrempelt? Nun, so ungefähr. Man darf sich allerdings die Beziehung zwischen einem Star und seinem Sidekick nicht zu konfrontativ vorstellen.

Einer der berühmtesten Sidekicks der Literaturgeschichte war Eckermann, der sich bekanntermaßen Goethe gegenüber keine gröberen Rempeleien herausgenommen hat, Goethe ihm gegenüber allerdings auch nicht, höchstens Spuren von Herablassung. Im Ergebnis ist ein schönes Buch herausgekommen (Gespräche mit Goethe) , das vielleicht weniger gut zu lesen wäre, wenn Goethe so unterbrechungslos geredet hätte wie Gottschalk in seiner Show.

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Gottschalk braucht also einen Sidekick, um seine Monologe gelegentlich unterbrechen zu lassen, was gewiss hohen persönlichen Mut des Betreffenden voraussetzt. Manuel Andrack, der als Sidekick von Harald Schmidt bekannt geworden ist, hat diesen Mut immer wieder bewiesen, wenn auch mit wechselndem Erfolg. Nicht dass Andrack zu Schlagfertigkeiten gänzlich unbegabt wäre, aber es ist nun einmal so, dass Harald Schmidt in seiner Sendung traditionell nur einen schlagfertigen Menschen duldet – sich selbst.

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Ein Sidekick muss ein Dulder sein und ist im besten Fall seinem Meister bedingungslos ergeben, damit er zuverlässig die Stichworte liefert, die dem Meister munden. Der weltgeschichtliche Idealfall des Sidekicks war gewiss jener berühmte James Boswell, dem wir die Konversationen mit Samuel Johnson, genannt Dr. Johnson, verdanken. Dank Boswell weiß die gesamte angelsächsische Welt, was Mitte des 18. Jahrhunderts ein dicklicher Schullehrer im Ruhestand über – nun, sozusagen über alles gedacht hat. Gemessen an Johnson war Goethe ein Mann von höchst eingeschränkten Interessen.

Boswell’s Life of Johnson ist das meistzitierte Werk der Weltgeschichte. Es gibt nichts, worüber Johnson sich nicht geäußert hätte – woran man schon erkennen kann, dass er das wahre Vorbild von Thomas Gottschalk ist. Es ist deshalb mehr als berechtigt, wenn Gottschalk sich nun auch seinen Boswell wünscht. Möge er ihn finden! The Life of Gottschalk dürfte innerhalb weniger Jahrhunderte zum meistzitierten Werk der deutschsprachigen Literatur werden.

 
Leserkommentare
  1. ist immernoch der beste Sidekick, auch wie auf unglaublich kompetente Art und Weise die Lücke Sideshow Bobs gefüllt hatte.

  2. Der Artikel trifft absolut auch meine Sicht auf die Dinge.

    Seit Andrack weg ist, ist Harald Schmidt nicht mehr zu ertragen gewesen. Schmidt ohne Andrack ist wie nur Salz in der Suppe. Da gehören nämlich (unter anderem) auch Kräuter rein, damit's wirklich schmeckt.

    Hatte ich damals auch der Redaktion als konstruktiven Hinweis geschrieben, aber das "professionelle und gut ausgebildete Team" wusste es der Antwort nach besser. Tja, q.e.d.

    Tja, das aktuelle Gottschalk-Format finde ich langsam gut. Bislang war das ja nur irgendein zielloses Durcheinander. Es gab schlichtweg keinen Grund, sich die Sendung anzuschauen.

    Inzwischen wird das Ganze bei Gottschalk ja zielgerichteter, und man kann sich schon ab und zu mal überlegen: "Ja, das klingt interessant. Ich weiß, was mich erwartet. Durch den Inhalt der Sendung erhalte ich einen persönlichen Mehrwert. Das möchte ich mir anschauen."

    Ich könnte mir auch ganz gut vorstellen, dass ein "Störer" für Gottschalks Gäste gut ist, damit sie auch mal mehr als einen Satz am Stück reden können. Andererseits hetzt die Sendung bereits jetzt mit einem solch krassen Tempo durch den Inhalt, dass es mir persönlich schon zu hektisch wird.

    Na ja, mal abwarten, was draus wird...

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