Alles, was die beiden verbindet, ist eine gemeinsame Nacht vor vielen Jahren. Der Mann, 15 Jahre älter als die Frau, hatte sie eingeladen, der Abend hatte einen schönen Anfang genommen, mit teurem Wein und gutem Essen. Nach dem Ende dieser Nacht haben sich die beiden nie wiedergesehen. Die Frau, Johanna Koljonen , wundert sich bis heute darüber, dass sie an dieses Zusammentreffen noch immer denkt, aber nie wieder mit dem Mann gesprochen hat. Die Scham hielt sie davon ab, das eigene Unverständnis dafür, dass sie etwas zugelassen hatte, das sie gar nicht wollte. Sie stand vor einem Rätsel, und das Rätsel war im Grunde sie selbst.

Die Geschichte dieser Nacht wäre vermutlich nie aus dem Schlafzimmer nach draußen gedrungen, hätte die heute 33-jährige schwedische Journalistin Johanna Koljonen nicht vom Fall Julian Assange gelesen. Seit über einem Jahr versuchen schwedische Behörden, die Auslieferung des WikiLeaks-Gründers aus England zu bewirken , um ihn zum Vorwurf der Vergewaltigung zu befragen. Zwei Frauen aus Stockholm waren gemeinsam zur Polizei gegangen, die eine beschuldigte ihn, er habe gegen ihren Willen ohne Kondom mit ihr geschlafen, die andere sagte, er habe das Kondom absichtlich beschädigt. Assange bestreitet die Vorwürfe. Als Johanna Koljonen die Berichte las, hatte sie eine Art Déjà-vu. So ähnlich war auch ihr Zusammentreffen mit jenem Mann vor vielen Jahren gewesen.

Koljonen ist heute eine erfolgreiche Autorin, sie moderiert Radiosendungen und tritt im Fernsehen auf, gerade hat sie einen schwedischen Journalistenpreis bekommen. Sie trägt stets ein professionelles Lächeln im Gesicht und ist eigentlich nie um die richtigen Worte verlegen, das gehört zu ihrem Beruf. Ausgerechnet ihr hatte es in einem entscheidenden Moment die Sprache verschlagen. Sie war Anfang 20, als der Mann sie einlud, ein »ganz anständiger Typ«, wie sie sich erinnert. Sie mochte ihn. Nach ein paar Gläsern Wein sagte er ihr ganz direkt, dass er gerne Sex mit ihr hätte. Sie wollte auch, legte nur Wert auf ein Kondom. Am nächsten Morgen wachte sie in seinen Armen auf. »Etwas verkatert, aber ziemlich glücklich«, erinnert sie sich, »um präziser zu sein: Ich wachte auf mit ihm in mir.« Auch damit hatte sie kein Problem, sie wollte mit ihm schlafen – bis ihr klar wurde, dass er kein Kondom benutzte. Von da an kreisten ihre Gedanken nur noch darum.

Sie hat trotzdem nichts gesagt, sie hat ihn einfach gewähren lassen und so getan, als sei alles in Ordnung. Die Angst, ihn vor den Kopf zu stoßen, war größer als die Sorge um ihren Körper. Warum, das fragt sie sich bis heute. Ein schlichtes »Nein«, glaubt sie, hätte gereicht, und der Mann hätte sofort aufgehört. Was am Ende dieser Nacht geschah, war keine Vergewaltigung. Manchmal braucht es offenbar keine körperliche Gewalt, damit Menschen etwas tun, das sie eigentlich nicht wollen.

Johanna Koljonen hat ihren Körper hergegeben, anstatt ihren Kopf durchzusetzen. Vordergründig ging es um ein Kondom, aber gefühlt hat sie sich danach genauso wie eine Frau, die nicht will und trotzdem mit einem Mann schläft. Warum nur ist das Wort »nein« so schwer zu sagen? Wenn man dieser Frage nachgeht, merkt man schnell, dass die Geschichte von Johanna Koljonen alles andere als ungewöhnlich ist, fast hat man den Eindruck, jede Frau, die mehr als einen Liebhaber hatte, ist schon mal in eine ähnliche Situation geraten. Wenn man im Bekanntenkreis nachfragt, bekommt man Dutzende Geschichten zu hören. Eine Frau erzählt, wie sie nach einer Party in der Wohnung eines Bekannten mit ihm Sex hatte, obwohl sie nur schlafen wollte. Eine andere erzählt von einem ähnlichen Erlebnis in ihrer eigenen Wohnung, bei dem sie dem Mann anfangs noch widersprach, aber seinem Drängen schließlich doch nachgab. Sie hat nicht mal versucht, ihn vor die Tür zu setzen.

Und dann ist da noch die Bekannte einer Kollegin, eine Schauspielerin Ende 20. Man kann sie in diesen Tagen auf Plakaten in deutschen Städten bewundern. Man würde im ersten Moment nicht erwarten, dass eine Frau wie sie, die von anderen beneidet wird, Dinge tut, die sie nicht will. Man denkt, eine wie sie hätte das doch gar nicht nötig. »Ich bin immer überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit andere Frauen behaupten, sie würden natürlich Nein sagen, wenn sie etwas nicht wollten«, sagt sie. Sie selbst hat das schon einige Male nicht getan. Das waren Abende, die romantisch begannen, an denen sie vielleicht auch etwas angetrunken war und plötzlich aus irgendeinem Grund der Zauber verflogen war.

Im letzten Jahr, als so viel über Vergewaltigungsvorwürfe gegen Prominente geredet wurde, fiel ihr etwas auf. In vielen Gesprächen mit Freunden und Familie war das Thema präsent. »Da ging es immer nur um die Frage: Wahr oder falsch, lügt die Frau oder nicht? Aber die Realität ist nicht immer schwarz oder weiß. Kaum einer redet darüber, dass es beim Sex auch noch etwas zwischen einem Ja und einem Nein gibt.« Das ist die Grauzone.