Zitterpartien sind out bei den Grünen . Sie haben sich an zweistellige Wahlergebnisse gewöhnt. Deshalb denkt man sofort an eine Art Versehen, wenn die Partei nun im Saarland nur eine Punktlandung auf der Fünf-Prozent-Marke hinlegt, gerade mal ein paar Hundert Stimmen über dem Durst.

Im Saarland, heißt es nun, herrschten von jeher besondere Bedingungen und für die Grünen besonders schlechte. Die werden jetzt aufgezählt, um den kleinen Schreck des langen Wahlabends zu mildern. Erst viermal überhaupt ist die Partei ins saarländische Parlament eingezogen, früher litt sie unter Lafontaine , später unter ihrem eigenen Personal. Da können die Grünen doch froh sein, dass es überhaupt wieder geklappt hat.

Wohl wahr. Nur, was sagen eigentlich die führenden Grünen, dass es für die Partei auch im Bund seit dem Höhepunkt vor einem Jahr stetig bergab geht? Nichts.

Wer sehen will, wie sich Argumente in Ausreden verwandeln, wird in diesen Tagen bei den Grünen fündig . Auch um den zweiten Wahlschock kleinzuarbeiten, ist das Saarland ideal. Es ist nämlich so klein, dass es nicht repräsentativ sein kann. Damit beruhigen sich die Grünen angesichts der bedrohlichen Tatsache, dass die Piraten jetzt schon zum zweiten Mal in ein Landesparlament eingezogen sind und dieses Mal gleich auch noch die Grünen hinter sich gelassen haben. »Es gibt bei den Piraten den Genossen Trend«, analysiert der grüne Parteichef Cem Özdemir messerscharf und bleibt doch zuversichtlich: »Der Trend ist da, aber er wird nicht ewig halten.«

Wie im Brennglas zeigt der kleine Saarländer Wahlsonntag zwei für die Ökopartei gefährliche Entwicklungen: Der Boom des letzten Jahres, als die Grünen eine Weile lang über zwanzig Prozent rangierten, ist abgebrochen . Und: Obendrein bekommen sie nun unangenehme Konkurrenz auf ihrem ureigensten Feld, dem Alternativsein.

Mit der Dominanz ist es erst einmal vorbei

Seit drei Jahrzehnten präsentiert sich die Ökopartei als eine Art parlamentarische Avantgarde. Im seriösen Spektrum hatten sich die Grünen so viel Unangepasstheit bewahrt, dass vom gesellschaftlichen Protest auch in den Parlamenten noch etwas ankam. Nun macht die Piratenpartei den Grünen diese Funktion streitig . Und neben dem Verlust dieser exklusiven Rolle lässt seit einiger Zeit auch die Attraktivität der Grünen im bürgerlichen Milieu wieder nach. Mit der Dominanz, die sie eine Weile lang bis in die Mitte der Gesellschaft hinein ausspielen konnten, ist es erst einmal vorbei. Wie das geschehen konnte und wer aus der Führung dafür Verantwortung trägt, wird bei den Grünen nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert.

Genau vor einem Jahr, im März 2011, schien die Lage der Partei noch ganz anders. Damals, nach der japanischen Atomkatastrophe , waren die Grünen mit ihrem traditionellen Protestthema weit ins bürgerliche Spektrum vorgedrungen. Und in einem einzigartigen Augenblick gelang es ihnen, die gesellschaftliche Stimmung nicht nur in Wählerstimmen, sondern in die Führungsrolle einer Regierung zu verwandeln.

Nach dem Einzug in den Bundestag 1983 und der ersten rot-grünen Bundesregierung 1998 markierte die Bildung der grün-roten Landesregierung in Stuttgart die dritte bedeutsame Zäsur in der Geschichte der Partei. Ihr Protest war in der Mitte, ganz oben und ganz vorn angekommen. Die Grünen schienen über ihre frühere Rolle als oppositionell gestimmtes Korrektiv endgültig hinausgewachsen. Zum ersten Mal führten sie jetzt eine Koalition, zum ersten Mal trugen sie die Hauptverantwortung in einer Regierung. Die Grünen waren plötzlich eine Partei für das Ganze und für (fast) alle.