Personaldebatte : Die Grünen, das sind wir!

Roth, Trittin, Künast – sie sind das Gesicht einer Partei, die inhaltlich und politisch stagniert. Wann zieht die Führung Konsequenzen?

Zitterpartien sind out bei den Grünen . Sie haben sich an zweistellige Wahlergebnisse gewöhnt. Deshalb denkt man sofort an eine Art Versehen, wenn die Partei nun im Saarland nur eine Punktlandung auf der Fünf-Prozent-Marke hinlegt, gerade mal ein paar Hundert Stimmen über dem Durst.

Im Saarland, heißt es nun, herrschten von jeher besondere Bedingungen und für die Grünen besonders schlechte. Die werden jetzt aufgezählt, um den kleinen Schreck des langen Wahlabends zu mildern. Erst viermal überhaupt ist die Partei ins saarländische Parlament eingezogen, früher litt sie unter Lafontaine , später unter ihrem eigenen Personal. Da können die Grünen doch froh sein, dass es überhaupt wieder geklappt hat.

Wohl wahr. Nur, was sagen eigentlich die führenden Grünen, dass es für die Partei auch im Bund seit dem Höhepunkt vor einem Jahr stetig bergab geht? Nichts.

Wer sehen will, wie sich Argumente in Ausreden verwandeln, wird in diesen Tagen bei den Grünen fündig . Auch um den zweiten Wahlschock kleinzuarbeiten, ist das Saarland ideal. Es ist nämlich so klein, dass es nicht repräsentativ sein kann. Damit beruhigen sich die Grünen angesichts der bedrohlichen Tatsache, dass die Piraten jetzt schon zum zweiten Mal in ein Landesparlament eingezogen sind und dieses Mal gleich auch noch die Grünen hinter sich gelassen haben. »Es gibt bei den Piraten den Genossen Trend«, analysiert der grüne Parteichef Cem Özdemir messerscharf und bleibt doch zuversichtlich: »Der Trend ist da, aber er wird nicht ewig halten.«

Wie im Brennglas zeigt der kleine Saarländer Wahlsonntag zwei für die Ökopartei gefährliche Entwicklungen: Der Boom des letzten Jahres, als die Grünen eine Weile lang über zwanzig Prozent rangierten, ist abgebrochen . Und: Obendrein bekommen sie nun unangenehme Konkurrenz auf ihrem ureigensten Feld, dem Alternativsein.

Mit der Dominanz ist es erst einmal vorbei

Seit drei Jahrzehnten präsentiert sich die Ökopartei als eine Art parlamentarische Avantgarde. Im seriösen Spektrum hatten sich die Grünen so viel Unangepasstheit bewahrt, dass vom gesellschaftlichen Protest auch in den Parlamenten noch etwas ankam. Nun macht die Piratenpartei den Grünen diese Funktion streitig . Und neben dem Verlust dieser exklusiven Rolle lässt seit einiger Zeit auch die Attraktivität der Grünen im bürgerlichen Milieu wieder nach. Mit der Dominanz, die sie eine Weile lang bis in die Mitte der Gesellschaft hinein ausspielen konnten, ist es erst einmal vorbei. Wie das geschehen konnte und wer aus der Führung dafür Verantwortung trägt, wird bei den Grünen nur hinter vorgehaltener Hand diskutiert.

Genau vor einem Jahr, im März 2011, schien die Lage der Partei noch ganz anders. Damals, nach der japanischen Atomkatastrophe , waren die Grünen mit ihrem traditionellen Protestthema weit ins bürgerliche Spektrum vorgedrungen. Und in einem einzigartigen Augenblick gelang es ihnen, die gesellschaftliche Stimmung nicht nur in Wählerstimmen, sondern in die Führungsrolle einer Regierung zu verwandeln.

Nach dem Einzug in den Bundestag 1983 und der ersten rot-grünen Bundesregierung 1998 markierte die Bildung der grün-roten Landesregierung in Stuttgart die dritte bedeutsame Zäsur in der Geschichte der Partei. Ihr Protest war in der Mitte, ganz oben und ganz vorn angekommen. Die Grünen schienen über ihre frühere Rolle als oppositionell gestimmtes Korrektiv endgültig hinausgewachsen. Zum ersten Mal führten sie jetzt eine Koalition, zum ersten Mal trugen sie die Hauptverantwortung in einer Regierung. Die Grünen waren plötzlich eine Partei für das Ganze und für (fast) alle.

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Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Die Geis Analyse der Grünen-Führung

stimmt genau!
Joschka Fischer ist seit 27.09.2005 Geschichte.
Er hat die Rückkehr an die Spitze der Grünen verneint.
Das neue Führungsquartett hat den Boom in 2011 der Grünen in der Gesellschaft verschlafen.
Dieses Jahr hagelt es Insolvenzen in der Solarindustrie und spiegelbildlich ist der Boom der Grünen Geschichte.
Das Führungsquartett wirkt sehr müde.
Wer ist der 2. Joschka oder kommt der aus dem Untergrund oder gar nicht?

Grüne FDP

Die Wähler der FDP haben sich grün umorientiert.
Nicht umsonst haben die Grünen die prozentual meisten Gutverdiener in ihren Wählern. Es ist eben in, mit dem SUV mit "Atomkraft-Nein Danke"-Aufkleber morgens 200m zum Bäcker zu fahren.

Die Grünen sind schon lange in der konservativen Ecke angekommen. Sie sind keine wirkliche Alternative mehr, wie man sehr schön in Baden-Württemberg sehen kann.

Gerade weil sie kein wirklich aussagekräftiges Profil mehr haben, wird ihre Bedeutung in den nächsten Jahren zurückgehen. Das Saarland war ein sehr deutlicher Warnschuß und es wäre vermessen, diesen als unwichtig zu bezeichnen.

Ist das so?

"Die Grünen sind schon lange in der konservativen Ecke angekommen. Sie sind keine wirkliche Alternative mehr, wie man sehr schön in Baden-Württemberg sehen kann."

Alternative zu was?

Wie gut, dass Sie Ihre These mit verlässlichen Alltagsevidenzen belegen können. Ich habe in Gorleben keine SUVs gesehen, dafür viele Grünenwähler.
Schön, dass zumindest in der grünen Partei nicht in der Ihrigen sentimentalen Schnellschussmanier Politik gemacht wird.
Ich wähle grün.
Wen soll ich denn sonst wählen? Die Linke??? Die Piraten????
Nein, nein, da bin ich doch sehr zufrieden mit der grünen Partei.
Im Übrigen: Es ergibt keinen Sinn, nur Politik für eine, sagen wir, linksalternative Klientel zu machen. Wenn eine Partei auch außerhalb dieses Milieus, insbesondere bei jungen Paaren mit Kindern, auf Zustimmung stößt, kann eine Partei nicht einfach auf linksradikalen Konfrontationskurs umschalten. Sie trägt auch für diese Menschen eine gewisse Verantwortung. Das ist schon richtig so. Abgesehen davon, dass viele grüne Forderungen noch recht urtümlich sind.
Für die einen kriegstreibende Neoliberale, für die anderen enteignende Ökofaschisten: zwischen diesen Mühlen winden sich die Grünen meiner Auffassung nach noch ganz geschickt.
Der Artikel ist teilweise ein wenig dürftig: als ob Politik so einfach wäre. Es wird handfeste Gründe geben, warum die Grünen nicht mehr bei 20 Prozent stehen. Führungsrochaden zeitigen weder in der Bundesliga noch bei der FDP viel Wirkung.

Nur weil nach 40 Jahren die CDU ein Einsehen hatte,

und endlich grüne Positionen umgesetzt hat (in Worten: Ausstieg aus der Kernenergie), heißt es noch lange nicht, die Grünen hätten kein eigenes Profil mehr. Da gibt es noch viel zu tun: Die Ampelkennzeichnung auf Fett- und Zuckerpampe z.B., Agrar-/Gentech-/Pharmalobby und Billigfleischproduzenten an die Kette legen, verhindern, dass der Ausstieg vom Ausstieg vom Ausstieg kommt, dafür sorgen, dass die Energie- und Mineralölkonzerne nicht Staat und Bürger auf der Nase herumtanzen, u.v.a.m. Oder macht das sonst jemand?

Dass die Grünen in der "konservativen Ecke angekommen" seien, mag eine Frage der Definition von konservativ sein: Wenn Sie es für konservativ halten, die Lebensgrundlagen für die kommenden Generationen zu "konservieren", dann haben Sie wohl völlig recht.

Und nun zum Lieblingsfeind aller Grünenhasser: Ja, manche Grüne fahren SUV, die Grünen sind nämlich ganz normale Menschen und -anders als Sie denken- keine auf dem Fahrrad strickenden Körnerpicker.

Als (Realo-) Grüner der ersten Stunde

kann man den Eindruck der leicht abwärts gerichteten Stagnation nur zähneknirschend bestätigen,

es kommt einfach kein eindrucksvolles Personal nach, obwohl hier und da die Gesichter ambitioniert erscheinender -im wesentlichen- Damen auftauchen - und leider wieder verschwinden.

Künast sollte sich nach erfolgloser Ministerzeit (die Landwirtschaftslobby hat sie mal eben in die Tasche gesteckt)und dem Debakel in Berlin lieber nicht mehr für größere Aufgaben anbieten,

die omnipotente und leicht autoritär wirkende C. Roth kann die Flügel nicht zusammenhalten sondern nur exakt das Gegenteil bewirken, das ist sicher alles andere als eine Empfehlung für staatstragende Aufgaben, zudem erweckt die Dame stark den Eindruck, als würde sie jegliche Form von Konkurrenz lieber kräftig wegbeißen,

Trittin kann man sich durchaus auf einem höheren Posten vorstellen,

aber insgesamt ist das anderthalb Jahre vor der Wahl ein bisschen wenig.

Ich hätte mir gewünscht,

dass die Grünen offensiver auf die Piraten zugegangen wären. Klar hätte man die Forderung stellen sollen das Programm zu schärfen und zu verbreitern aber man hätte auch eine Zusammenarbeit anbieten sollen, schließlich gibt es große Schnittpunkte.

Die Themen IT-Gesellschaft und grüne Industrierevolution sind die Themen der Zukunft, weshalb sollten dann die beiden dafür prädestinierten Parteien nicht zusammenarbeiten?

schnittpunkte

Die Piraten kennen ja noch nicht einmal ihr eigenes Programm, wo soll es denn da Schnittpunkte mit den Grünen geben? Die Piraten sagen es bei jeder TV-Sendung, wo sie eingeladen sind, sie müssen sich erstmal schlau machen. Zwei Programm-Punkte sind bekannt, das ist bisher dürftig. Man kann ja nachvollziehen, dass manche jungen Leute und manche bisherigen Nichtwähler aus Frust über die etablierten Parteien
die Piraten wählen, aber irgendwie dennoch eine konfuse Entscheidung, eine Partei zu wählen, die noch ohne ein umfassendes Programm dasteht. Aber so scheinen sich die Wähler der Piraten mit der Piraten-Partei sehr viel gemein haben - ohne Vorstellung von einem Programm, welches in der Alltagspolitik angewandt werden kann. Frau Merkel freut sich.