HoteltestTräume in Sackleinen

Kleidsam, aber ein paar Nummern zu eng: Das Fashion-Hotel "The Exchange" von 

Mal Samt, mal Sack: Die 61 Zimmer des Hotels The Exchange wurde von Modestudenten des Amsterdamer Fashion Institute gestaltet.

Mal Samt, mal Sack: Die 61 Zimmer des Hotels The Exchange wurde von Modestudenten des Amsterdamer Fashion Institute gestaltet.  |  © Hotel The Exchenge, Amsterdam

Es war noch gar nicht eröffnet, da überboten sich die Hochglanzmagazine bereits mit Lobeshymnen. Die in Paris erscheinende Vogue beispielsweise erklärte das Hotel The Exchange schon 2010 zu einem Hotspot für 2011. Erst Ende vergangenen Jahres empfing das Hotel dann die ersten Gäste. Es liegt in der Nähe des Amsterdamer Hauptbahnhofs und ist ein Konglomerat aus drei winzigen historischen Gebäuden, und da es außen kein Schild gibt, das einem den Weg zur Rezeption weist, geistert man noch ein wenig in der Nachbarschaft umher, zu der Souvenirläden und Pommes-Buden, aber auch zwei Coffeeshops mit erlesenem Sortiment gehören.

Nachdem man den unscheinbaren Eingang des Hotels schließlich passiert hat, steht man vor einer weiteren Bude, die gerade einmal so groß ist, dass die smarte Rezeptionistin und ein Computer darin Platz finden. Die Bude ist mit rotem Teppich überzogen, und sie soll, wie die Rezeptionistin stolz erklärt, eine Handtasche darstellen. Gut, dass sie es noch mal sagt. Man selbst hatte eher an die Ticketbox eines Kettenkarussells gedacht – und ganz vergessen, dass das Hotel ja von Studenten des Amsterdam Fashion Institute (Amfi) gestaltet wurde. Die Zimmer einkleiden wie einen Menschen – das war die eine Idee der Hotelbetreiber Otto Nan und Suzanne Oxenaar. Die andere: die insgesamt 61 Räume unterschiedlich zu kategorisieren, von einem bis zu fünf Sternen. Anders gesagt: von 150 bis 350 Euro die Nacht.

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Das gebuchte Ein-Sterne-Zimmer ist schnell inspiziert. Es hat in etwa die Größe eines Schuhkartons, ist ganz weiß, das Bett reicht von einer Wand zur anderen, und überall hängen Knöpfe – ein etwas unklarer Verweis aufs Thema. Ablagen gibt es nicht. Kleiderbügel auch nicht. Das wäre noch zu verkraften, wenn einem ob der Enge nicht das Herz zu pochen begönne und kalter Schweiß die Stirn bedeckte. Um sich eine klaustrophobische Nacht zu ersparen, läuft man zurück zur Rezeptionistin, die Verständnis und eine gute Idee hat. Sie überreicht einem fünf Zimmerschlüssel und sagt: »Suchen Sie sich ein passendes aus.«

Nie wieder falsch liegen: Um weitere Hoteltests zu lesen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.

Nie wieder falsch liegen: Um weitere Hoteltests zu lesen, klicken Sie bitte auf dieses Bild.  |  © Design Hotels

Die Studenten haben aus dem Stegreif kreative, ja fast poetische Zimmer geschaffen. Einmal zieren Chinoiserien die Wände, und vom Bett aus zieht sich ein Rock aus Tüll und Taft durchs Zimmer, der an Marie Antoinette erinnert. Ein anderes Mal hängt das übergroße Gestell eines Unterrocks über dem Bett. Das alles sieht originell aus! Schade jedoch, dass die Hotelbetreiber die Studenten in Sachen Praktikabilität im Stich gelassen haben, denn die Ideen eignen sich mehr für Hochglanzfotos als für Gäste – selbst eine Yoga-erprobte Vogue- Redakteurin hätte Probleme, durch das Unterrockgestell ins Bett zu klettern. Deshalb ist Zimmer 605 die beste Wahl. Für 350 Euro gibt es ausreichend Platz. Wände und Möbel sind mit braunem Sackleinen überzogen – ihre Ausdünstungen garantieren nachts bemerkenswerte Träume: Da steht man plötzlich mit rumänischen Bäuerinnen bei der Kartoffelernte auf einem Feld.

Von der nächtlichen Feldarbeit geht es morgens ins Bad. Es ist ein kleines Bad, in dem man, positiv gesagt, alles zeitgleich erledigen kann. Man kann auf der Toilette sitzen, dabei eine Dusche nehmen und sich am Waschbecken die Zähne putzen. Negativ gesprochen, fehlt es an allem. An Platz, an Ablageflächen, an einem Föhn und vor allem einer Duschwand, die verhindert, dass man alles unter Wasser setzt.

Hotel

The Exchange, Damrak 50, 1012 LL Amsterdam, Tel. 0031-20/5230080, www.exchangeamsterdam.com, DZ ab 150 Euro

Leider nimmt man an diesem Morgen ungewollt noch eine zweite Dusche. Denn zum Frühstückscafé, das von der Rezeption aus hinter Glasscheiben zu sehen ist, muss man zuerst das Haus verlassen, es regnet in Strömen, um dann nebenan ins Nachbargebäude wieder einzukehren. Der Kellner mit dem kupferroten Haar wirft einem einen mitleidsvollen Blick zu, als man pudelnass vor dem schicken Tresen steht und die Bestellung abgibt. Meterhoch sind die Decken hier. Alte Kacheln zieren die Wände. Doch das frische Croissant wird auf einem Pappteller und der Kaffee in einem Plastikbecher serviert – fast schon unverschämt bei einem Übernachtungspreis von 350 Euro. Aber Tassen verkauft der hoteleigene Shop nebenan. Für 38 Euro das Stück!

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Leserkommentare
  1. >> Negativ gesprochen, fehlt es an allem. An Platz, an Ablageflächen, an einem Föhn und vor allem einer Duschwand, die verhindert, dass man alles unter Wasser setzt. <<

    ... wenn im Rahmen von Projektarbeiten eine Studentengruppe unbelastet jeder Sachkenntnis mal was total Kreatives machen soll :-)

    Da kann man sich auch gern in Unternehmen umsehen, wenn die frisch eingestellten High Potentials in irgendwelchen Arbeitskreisen irgendwelche Projekte entwickeln, die sich dann dummerweise als nicht umsetzbar herausstellen. Fachliche Anleitung würde da helfen.

    Die Größe der Zimmer kann allerdings kein Kritikpunkt an sich sein. Amsterdam ist nun einmal eng, und die Wohnsituation ist einfach anders, als wir es gewohnt sind.

    Wirklich kreativ wäre es gewesen, mit der Enge etwas Sinnvolles anzustellen.

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  • Serie Hoteltest
  • Schlagworte Euro | Hotel | Marie Antoinette | Vogue | Paris
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