Künstlerin Pipilotti Rist"Ich lebe bereits im Bonus"

Lassen sich das Glück und die Schönheit überhaupt zeigen? Aber ja! Ein Gespräch mit der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist. von  und

Nah rangehen als Prinzip: die kurzsichtige Pipilotti Rist

Nah rangehen als Prinzip: die kurzsichtige Pipilotti Rist  |  © Vittorio Zunino Celotto/Getty Images

Der Weg zu einer der einflussreichsten Künstlerinnen der Welt führt unter 300 Unterhosen hindurch. Fein säuberlich hat Pipilotti Rist die Leibwäsche ihrer Freunde auf dünne Drähte gespannt und einen Kronleuchter daraus gebastelt. Der » Massachusetts Chandelier« hängt nun von der Decke der Kunsthalle in Mannheim und beleuchtet intim den ersten Saal der größten Ausstellung, die der Schweizer Künstlerin je in Deutschland gewidmet wurde. 35 Videos und Installationen aus 25 Jahren, ein Bildersturm, bunt, wirblig, fröhlich, subversiv.

DIE ZEIT: Pipilotti Rist, Ausgeschlafen, frisch gebadet und hoch motiviert hieß der Untertitel Ihrer ersten Museumsschau 1994. Gilt das auch heute noch?

Pipilotti Rist: Aber ja! Die Ausstellung war schon damals ein Mantra. Ich bin ein großer Fan davon, die Freude, die Leichtigkeit zu beschwören. Denn das Gegenteil davon stellt sich automatisch ein.

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ZEIT: Aus der Wäsche seiner Freunde Schönheit zu generieren ist auch so eine Beschwörung?

Rist: Das ist schon gleich geblieben, als Programm oder als gesellschaftliche Verpflichtung, die ich mir auferlegt habe. Ich habe im Laufe der Jahre halt weiter dran gearbeitet und die Grenzen ausgelotet, wo der Kitsch beginnt. Bei uns in Europa ist es ja nicht so angesagt, die Freude zu kultivieren, weil Schmerzen a priori als tiefer gelten.

ZEIT: Fällt Ihnen diese Arbeit, die Welt zu verschönern, heute schwieriger als vor 25 Jahren?

Rist: Rist: (lange Pause) Nein. Ich würde auch nicht sagen: die Welt verschönern. Ich würde sagen: den Fokus auf das Schöne legen. Denn das Schöne ist schon da, es ist nur eine Frage der Konzentration darauf. Schwieriger ist das nicht geworden. Im Gegenteil, mir fällt jetzt noch stärker auf, wie sehr wir trainiert sind, die Schmerzen zu kultivieren. Ich frage mich natürlich immer wieder: Was kann ich den Menschen bringen? Was kann ich nützen? Was soll das Ganze? Eigentlich bin ich in vielem noch gleicher Meinung, aber es sind neue Begründungen und Beobachtungen hinzugekommen.

ZEIT: Welche zum Beispiel?

Rist: Wir leben in einer Welt, in der wir permanenten Elektrosound haben. (Lauscht einen Moment) Wir hören jetzt die Straße da draußen, aber auch das Elektrosurren Ihrer Aufnahmegeräte, der Deckenlampen. Es gehört zu meinen Aufgaben, dieses Elektrosurren in eine poetische Form zu bringen, damit es scheint, als mache es einen Sinn. Das sind so Zusatzaufgaben zum Inhaltlichen, also etwa der Betonung der Freude darüber, dass es uns überhaupt gibt. Dass die Evolution eine so wahnsinnige Entwicklung gemacht hat, dass wir jetzt hier überhaupt sprechen. Und dass wir all die technischen Geräte entwickeln konnten – also das ist eigentlich eine unendliche Kette von Glück.

ZEIT: Warum fällt es uns so schwer, sich auf die glücklichen Momente zu konzentrieren? Warum sind die Momente des Nichtgelingens präsenter?

Rist: Weil die Angst und der Schmerz Adrenalin ausschütten. Weil wir uns dann stärker spüren. Wenn ich mich sorge um den Zustand der Welt, darum, dass wir unser Köpfchen so verwendet haben, dass wir uns fast selber zerstören – diese Gefühle halten länger an.

ZEIT: Wo ziehen Sie die Grenze zwischen Ihrer Anleitung zum Glück und bloßem Eskapismus?

Rist: Eskapismus ist eine Möglichkeit. Die Möglichkeit, die Augen zu schließen und zu träumen, ist für mich gleich viel wert wie die Realität.

Leserkommentare
    • arteve
    • 09. April 2012 11:57 Uhr

    Ihr Interview gibt mir Hoffung, denn ich habe in meiner Kunst beides beluechtet. Das Elend, die Hoffung und die Träume von Frauen.
    Das alles zu behandeln war mir wichtig. Ihre Denkweise finde ich z.B. bei meinen Arbeiten zum Thema Fantasie und Traum total passend.
    Danke.

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