JerusalemDie Nahost-Klinik

Draußen tobt der heftigste Schlagabtausch seit Jahren. Doch innerhalb der Mauern des Hadassah-Krankenhauses spielt es für Israelis und Palästinenser, für Ärzte und Patienten keine Rolle, wer woher kommt.

Am Freitag, dem 9. März, töteten zwei Raketen der israelischen Armee Suheir al-Kaissi. Der Einschlag erfolgte unweit von Gaza-Stadt. Es hieß, der Chef des militanten Volkswiderstandskomitees habe ein Attentat vorbereitet. Noch am selben Tag antworteten die islamischen Dschihadisten ihrerseits mit Raketen. Eine halbe Woche lang sollte der wechselseitige Beschuss andauern.

Doch die Palästinenserin Faida al-Masri kümmerten die Kampfhandlungen wenig. Sie hatte einen dringenden Termin – drüben auf der israelischen Seite. Es ging um ihren kranken Sohn Said. Also band sie am Sonntagmorgen um sieben Uhr ihr helles Kopftuch um. Sie zog den schwarzen Mantel über und machte sich mit dem Sohn und einer Freundin auf den Weg. Aus dem Gazastreifen nach Jerusalem. Während der Fahrt zur Grenze kreuzten sich über ihren Köpfen die Bahnen der Raketen.

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Das Ziel der kleinen Gruppe war das jüdische Hadassah-Krankenhaus. Es liegt auf dem Mount Scopus in Ostjerusalem und ist bekannt dafür, dass es keinen Unterschied macht, ob jemand Jude ist oder Muslim, Israeli oder Palästinenser. Bis zu 40 Prozent aller Patienten dort sind Araber, 12 Prozent der Angestellten ebenfalls. Und 46 der 850 Ärzte stammen aus Palästina. Vor hundert Jahren hat das Projekt Hadassah begonnen. Mancher hält Hadassah für das Friedensmodell in der umkämpften Region.

Das Hadassah in Zahlen

Die 1.200 Betten des Hadassah-Krankenhauses in Jerusalem verteilen sich auf zwei Standorte, die 15 Kilometer auseinanderliegen. Der alte Campus auf dem Mount Scopus ist umschlossen von arabischen Siedlungen. Auf einer Hügelkuppe oberhalb des Ortes Ein Kerem steht der zweite Campus. Am Montag vergangener Woche eröffnete dort ein neuer, 350 Millionen teurer Klinikturm seine Pforten.

Eigner

Eigner des privaten Krankenhauses ist die amerikanische Women’s Zionist Organization of America. Die auch Hadassah genannte Organisation wurde vor genau 100 Jahren von der Amerikanerin Henrietta Szold gegründet. Heute gehören ihr weltweit fast 300.000 Mitglieder an.

Anfangs schickte die Organisation lediglich zwei Kinderkrankenschwestern nach Palästina, die Neugeborene und ihre Mütter versorgen sollten. Inzwischen hat sich das Krankenhaus zur prominentesten medizinischen Institution Israels entwickelt. Hier arbeitet Yoram Weiss, ein international gefragter Experte für Verletzungen durch Explosionen, und der Stammzellenexperte Benjamin Reubinoff entwickelt Therapien für Patienten mit multipler Sklerose oder mit altersabhängiger Makuladegeneration.

Budget

Das Hadassah hat ein Budget von 400 Millionen Euro jährlich. Einen Großteil davon erwirtschaftet das Krankenhaus durch die Behandlungen, deren Kosten von den staatlichen Versicherungen erstattet werden. Hinzu kommen internationale Spenden. Nur noch ein kleiner Teil stammt von der amerikanischen Stammorganisation; die hat durch die Finanzkrise und den betrügerischen Investor Bernard Madoff viel Geld verloren.

Als der Junge Said neun Monate alt war, hatten palästinensische Ärzte bei ihm Zystische Fibrose diagnostiziert. Bei dieser erblichen Stoffwechselkrankheit schädigt zäher Schleim Lunge, Bauchspeicheldrüse und Leber. Lange Jahre behandelten die Ärzte den Jungen, so gut es ging, im Gazastreifen – sein Zustand besserte sich nicht.

Jenseits der Grenze aber, in Jerusalem, verheißt das Hadassah eine bessere Therapie. Bloß: Woher das Geld nehmen? Das israelische Gesundheitssystem bezahlt nur für einheimische Bürger, Palästinenser müssen für die Behandlungen in Israel selber aufkommen. Oft übernehmen die palästinensischen Behörden die Kosten. Im Fall von Said sagte vor einem Jahr das Peres-Friedenszentrum im Gazastreifen Unterstützung zu. So konnte Faida al-Masri mit ihrem Kind damals zum ersten Mal auf den Hügel im Osten Jerusalems reisen.

Leser-Kommentare
    • Medijo
    • 02.04.2012 um 7:24 Uhr

    wenn die Finanzierung steht, handeln alle Israelischen Krankenhäuser so. Die meissten geben besonders gute Konditionen für Palestinensische Patienten. Wolfson Medical Center (Tel Aviv) etwa behandelt jährlich mindestens 90 Palestinensische Kinder mit angeborenen Herzfehlern mit Hilfe der Organisation "Save a childs heart" und "Shevet Achim". Hier findet man auch Kinder aus dem Irak, Jordanien, Marokko etc. Auch Tel Hashomer, das grösste Israelische Krankenhaus mit einem nagelneuen Operationszentrum behandelt palestinensische und andere Arabische Kinder mit angeborenen Herzfehlern für etwa 8 000 USD, das ist weit unter dem normal Preis. Das gleiche gilt für das renomierte Rabin Medical Center, hier tut man sich noch mit günstigen Konditionen etwas schwerer. Aber auch hier findet man zu jeder Zeit Palestinensische und andere Arabische Patienten aus umliegenden Ländern. Kinder und andere Patienten aus Ägypten, Libanon und dem Iran wären auch willkommen, wenn den ihre Regierungen es zuliessen.

    7 Leser-Empfehlungen
  1. In der Tat ein schönes Beispiel. Es macht Mut zum Frieden.

    War es aber nicht schon oft so, dass die Medizin und die Kultur vom Literaten bis hin zum Musiker Politikern den Weg zurück zur Vernunft weisen konnten, zumindest dann, wenn sie sich auf das konzentrieren was ihr Fokus ist: Der Mensch, so wie er Leid und Freude erlebt?

    Im Nahen Osten wird leider immer noch eine unerträgliche Kriegspolitik gemacht - mit Raketen und Bomben gegen Menschen und gegen eine Freiheit von Angst und Schrecken". Wie lange noch?

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    • zd
    • 02.04.2012 um 10:32 Uhr

    leider liegen sie falsch mit der annahme, dass kultur vernueftiger und hummaner ist.

    die israelischen wissenschaftler werden regelmaessig auf druck durch palaestinenser mitten in europa ausgeladen. die vorlesungen werden gestrichen oder sie werden durch studenten ausgebut. das gleiche passiert mit den israelischen kuenstler.

    die aegyptischen wissenschaftler weigern sich mit den israelis zusammenzuarbeiten.

    arabische sportler verzichten auf uebliche gruesse bei sportverantstaltungen. die iraner meiden sogar solche wettkaempfe.

    in aegypten hat der kulturminister alle hebraische buecher in aegyptischen bibliotheken zu verbrennen.

    das ist leider die kulturelle realitaet.

    • zd
    • 02.04.2012 um 10:32 Uhr

    leider liegen sie falsch mit der annahme, dass kultur vernueftiger und hummaner ist.

    die israelischen wissenschaftler werden regelmaessig auf druck durch palaestinenser mitten in europa ausgeladen. die vorlesungen werden gestrichen oder sie werden durch studenten ausgebut. das gleiche passiert mit den israelischen kuenstler.

    die aegyptischen wissenschaftler weigern sich mit den israelis zusammenzuarbeiten.

    arabische sportler verzichten auf uebliche gruesse bei sportverantstaltungen. die iraner meiden sogar solche wettkaempfe.

    in aegypten hat der kulturminister alle hebraische buecher in aegyptischen bibliotheken zu verbrennen.

    das ist leider die kulturelle realitaet.

    • Karl63
    • 02.04.2012 um 8:35 Uhr

    Ein besonders wichtiger Artikel, weil er zeigt einen Aspekt des Alltags in Israel, der einen deutlichen Kontrast zu der sonst eher verfahrenen Situation bildet.
    Wie sehr die gegenseitige Wahrnehmung inzwischen von Feindbildern bestimmt wird, dies lässt sich auch sehr deutlich aus den Kommentaren auf ZEIT Online ablesen. Umso bedeutsamer ist, wie durch diese Krankenhäuser auch ein Raum geschaffen wird, wo sich beide Seiten auf rein zwischenmenschlicher Ebene begegnen können.
    Frieden und gewaltfreie Ansätze zur Lösung von Konflikten sind keine Abstrakten Werte. Kein Staat kann auf die Dauer bestehen, wenn soziale Gegensätze permanent in politisch Motivierte Gewalt umschlagen.

    4 Leser-Empfehlungen
    • zd
    • 02.04.2012 um 10:32 Uhr

    leider liegen sie falsch mit der annahme, dass kultur vernueftiger und hummaner ist.

    die israelischen wissenschaftler werden regelmaessig auf druck durch palaestinenser mitten in europa ausgeladen. die vorlesungen werden gestrichen oder sie werden durch studenten ausgebut. das gleiche passiert mit den israelischen kuenstler.

    die aegyptischen wissenschaftler weigern sich mit den israelis zusammenzuarbeiten.

    arabische sportler verzichten auf uebliche gruesse bei sportverantstaltungen. die iraner meiden sogar solche wettkaempfe.

    in aegypten hat der kulturminister alle hebraische buecher in aegyptischen bibliotheken zu verbrennen.

    das ist leider die kulturelle realitaet.

    8 Leser-Empfehlungen
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    Immer und überall kann man dasselbe beobachten.

    Wenn die Ideologen, deren Interessen-Vertreter und/oder deren Kontrolleure auftreten, dann sind Konflikte akut.
    Sind die aber mal außer Reichweite, dann benehmen sich die Menschen zivilisiert wie Menschen und nicht wie Ideologie-Gehorsame, selbst die, die an Gehorsam gebunden sind.

    Und was sagt uns das?

    Immer und überall kann man dasselbe beobachten.

    Wenn die Ideologen, deren Interessen-Vertreter und/oder deren Kontrolleure auftreten, dann sind Konflikte akut.
    Sind die aber mal außer Reichweite, dann benehmen sich die Menschen zivilisiert wie Menschen und nicht wie Ideologie-Gehorsame, selbst die, die an Gehorsam gebunden sind.

    Und was sagt uns das?

  2. 2 Leser-Empfehlungen
  3. Wenn Sie z.B. von West-Jerusalem nach Betlehem wollen, finden sie garantiert sehr schnell einen Taxifahrer, der sie zu einem Kontrollpunkt bringt, von dem sie dann ein palästinensischer Kollege abholt, den er von unterwegs angerufen hat. Beide wechseln ein paar Worte, wenn sie besser befreundet sind, drücken sie sich die Hand. Der erste Taxifahrer empfiehlt ihnen noch heiß den Souveniershop einer anderen Familie in der Stadt, mit der der Freund eines Freundes verwandt ist … alltägliche Freundschaften und Arbeitsbeziehungen über die Fronten hinweg. Das gibt Hoffnung.

    • 2M
    • 02.04.2012 um 13:26 Uhr

    Man kann dort auch als Tourist Blut spenden.
    Das schien mir dort wichtiger als zuhause.

    Eine Leser-Empfehlung
  4. Zitat:"Manchmal verweigern die israelischen Behörden die Einreise, weil der Vater Mitglied von Hamas ist."

    Manchmal aber auch nicht, beispielsweise wurde die dreijährige Tochter eines Hamas-Innenministers in Israel operiert.

    http://www.ynetnews.com/a...

    Diese Toleranz ist vorbildlich, was einerseits zu Völkerverständigung beiträgt, wie im Artikel beschrieben, andererseits aber gleichzeitig Feindschaft hervorruft:

    "Hadassah University Medical Center on Jerusalem’s Mount Scopus recently released a report, noting that it suffered 43 attacks by east Jerusalem Arabs in 2011. During the last “Nakba Day” events alone, 11 firebombs were thrown into the Mount Scopus campus"

    http://www.ynetnews.com/a...

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