Chinas KunstmarktKaufen fürs Portfolio

Der chinesische Markt ist erstmals der größte weltweit. Wird er noch wachsen? von Annegret Erhard

Chinesische Sammlerin in einer Galerie in Hong Kong

Chinesische Sammlerin in einer Galerie in Hong Kong  |  © STR/AFP/Getty Images

Beste Gelegenheit, Ihnen eine Menge Zahlen um die Ohren zu hauen. Der Tefaf Art Market Report hat gerade die Ergebnisse des Jahres 2011 veröffentlicht: Darin werden allerlei Berechnungen angestellt, Export-, Import-, Umsatz-Rankings der Länder und Kontinente kompiliert, gestützt von akribisch errechneten Vergleichssäulen, die die Entwicklung der letzten zwanzig Jahre illustrieren. Wirklich neu, dabei aber nicht so richtig überraschend und keinesfalls spektakulär ist die Meldung, dass China mit einem Anteil von dreißig Prozent nun die umsatzstärkste Nation im Geschäft mit der Kunst ist. China hat die USA mit gerade mal einem Prozent überholt. Die Gründe hierfür liegen auf der Hand. Der Nachholbedarf nach vierzig Jahren Kulturrevolution ist noch längst nicht gedeckt, die Zahl der reichen Chinesen – angeblich gibt es hundert Millionen Millionäre – ist kontinuierlich und rasch gestiegen. Vor allem die Gemälde und Rollbilder der großen Altmeister sind begehrt und werden hoch gehandelt. Kaiserzeitliche Kostbarkeiten mit nachweislich engstem Bezug zum Hof entfachen in den riesigen und dicht besetzten Sälen bei China Guardian oder Poly International Auction in Peking stoisch geführte Bietgefechte, die mit Millionenzuschlägen enden.

Bevorzugt akquirieren international etablierte Agenten Kunst aus europäischen Sammlungen, die von ehemaligen Handelsattachés, hohen Beamten und Wissenschaftlern in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vor Ort zusammengetragen wurden. Solche Provenienz genießt weit mehr Vertrauen als eine meist schwer nachvollziehbare Herkunft aus inländischen Quellen. Vor allem die großen Multis Sotheby’s und Christie’s, die in Hongkong versteigern , profitieren davon, dass ihnen die meisten Sammlungen schon länger bekannt sind. In der ehemaligen britischen Kronkolonie Hongkong werden nach wie vor auch die hohen Preise für zeitgenössische Kunst etabliert. Die wird übrigens seltener von den reichen, überwiegend traditionell ausgerichteten chinesischen Sammlern als von amerikanischen und europäischen Käufern ersteigert. Sehr oft greifen auch Investoren, die das schnelle Geschäft wittern, beherzt ein.

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Hierzulande vermitteln die seit Langem etablierten Asiatica-Auktionen bei Nagel in Stuttgart ein Bild dieses Marktes en miniature: Chinesische Bieter füllen den Saal, beteiligen sich via Telefon, die Gebote schießen in fulminante Höhen. Bei den wenigsten Käufern dürfte es sich um Endabnehmer handeln.

Paradiesisch? Schon. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Das, gelinde gesagt, laxe Verhältnis zu den im Grunde sehr einfachen Regeln des Auktionshandels (der Bieter, der den Zuschlag erhält, ist zur Abnahme respektive Bezahlung verpflichtet) trübt die Freude von Einlieferer und Auktionator so manches Mal. Doch nachdem wohl jedes Haus sein Lehrgeld bezahlt hat, wurden inzwischen allerorten die Teilnahmebedingungen verschärft.

Dass dieser Markt noch enormes Wachstumspotenzial hat, obwohl die Wirtschaftsprognosen für China erstmals nicht mehr nach oben weisen, versteht sich von selbst. Grund dafür ist die Verteilung und Vermehrung des Kapitals – damit ist der asiatische Kunstmarkt direkt bei den Kollegen in London und New York angekommen. Dort nämlich hat sich der Markt nach der Flaute von 2008 nicht nur unerwartet schnell erholt, sondern steht sogar weit besser da als zuvor. Das war in den Krisenjahren der Neunziger noch ganz anders, als man sich erst im Verlauf von zehn Jahren ganz allmählich wieder berappelte. Freilich war Kunst auch damals schon beliebt auf der Flucht in Sachwerte. Eine Krise war seinerzeit jedoch noch nicht ganz so lustig für risikobereite Investoren – kein Hedgefonds, keine Euro-Wetten mehrten das Vermögen bei vernichtend disparaten Börsenwerten. Und: Der Markt mit seinen Preisen war vielen noch ein Rätsel.

Die Autorin

Annegret Erhard ist Chefredakteurin von Kunst und Auktionen. Zeitung für den internationalen Markt.

Erst mit der zunehmenden Transparenz durch das Internet stieg das Zutrauen der bislang nicht sonderlich kunstsinnigen Investoren. Das ist in China nicht anders als im Rest der Welt. Kunst gehört ins Portfolio. So argumentieren auch die Banken, doch sie geben keine dezidierte Auskunft bezüglich einer zu erwartenden Wertentwicklung , wie auch? Bei jedem Kunstwerk, sei es ein Altmeistergemälde, ein zeitgenössisches Bild, ein Möbel des 18. Jahrhunderts, ein Tang-Pferd, eine Vintage-Fotografie oder ein Rollbild des ungemein produktiven und mit vielen Dekaden schöpferischer Kraft gesegneten Qi Baishi, handelt es sich um ein Unikat. Das lässt die Bedeutung der akribisch und wissenschaftlich errechneten und damit scheinbar in Stein gemeißelten Prozente, Schlangen, Kurven und Säulen, der Zahlen eben, dann doch ein wenig verblassen.

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Leserkommentare
  1. den westlichen Medien begreifen, was es heißt China als Kulturnation zu begreifen? Kunst ist ein Bestandteil der chinesischen Kultur seit tausenden von Jahren und einen Markt gibt es sicherlich seit hunderten von Jahren.
    Die immer neuen Beschwörungsformeln werden nichts daran ändern, daß *der Westen* sein Kunstparadigma - und sicherlich nicht nur das - wird überdenken müssen. Viele Einflüsse kamen im Laufe der Zeit bereits aus Asien und insbesondere China. Allein die Impressionisten verdanken ein gut Teil ihrer Innovationskraft für die europäische Kunst Anstößen aus der japanischen Kunst (die wiederumn wesentlich durch die chinesiche Kunst des 7. - 9. Jahrhunderts, also zur Zeit der Tang geprägt wurde).
    Und von der hohen Kunst der Kalligraphie, die eine Kunst der höchsten Abstraktionsstufe darstellt, wollen wir hier ganz schweigen. Die Überheblichkeit der Europäer kennt da leider keine Grenzen.

    "Der Nachholbedarf nach vierzig Jahren Kulturrevolution ist noch längst nicht gedeckt, die Zahl der reichen Chinesen – angeblich gibt es hundert Millionen Millionäre – ist kontinuierlich und rasch gestiegen."

    Der Bedarf an Kunst (= mit Kaufkraft ausgestattetes Bedürfnis nach Kunstgegenständen) fußt in dem traditionell hohen Ansehen von Kunst (z. B. auch Musik, insbesondere im Konfuzianismus) und dem wachsenden Wohlstand. Und "hundert Millionen Millionäre" zeigt entweder mangelnde Ratio der Verfasserin oder Schludern beim Schreiben des Artikels.

    2 Leserempfehlungen
  2. Die Zahl der angeblichen Millionäre ist in der Tat ein wenig irritierend. Doch die Gründe für Chinas Kunstboom liegen noch etwas tiefer. Privater Kunstbesitz war Jahrzehnte lang nur eingeschränkt möglich bzw. komplett verboten. Dazu kommen mangelnde Investitionsmöglichkeiten im reich der Mitte. diese Kombination gepaart mit wachsenden Wohlstand sind der eigentliche Motor für diesen Boom - siehe auch hier
    http://www.artinfo24.com/...

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  • Schlagworte China | Hedgefonds | Kulturrevolution | Kunst | Kunstmarkt | Sammlung
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