Roman von Dea LoherDer Tod und das Auto

"Bugatti taucht auf": Dea Lohers eigenwilliges Romandebüt über Mord, Trauer und Familiengeschichte.

Für das Tessiner Städtchen Ascona, das seit dem skandalösen Treiben der Künstler und Lebenskünstler auf dem Monte Verità im frühen 20. Jahrhundert nicht mehr viel Aufregendes erlebt hatte, war der 12. Juli des Jahres 2009 ein besonderer Tag. An diesem Sommermorgen versammelten sich gut zweitausend Menschen am Ufer des Lago Maggiore, um einem mit Spannung erwarteten Spektakel beizuwohnen. Pünktlich um 10.30 Uhr wurde, unter dem tosenden Applaus der teils freudig erregten, teils zu Tränen gerührten Menge, ein rostzerfressenes Autowrack von einem Pneukran aus dem Wasser gehievt. Oldtimer-Spezialisten erkannten in der tropfenden, algenüberwucherten Blechruine sogleich die charakteristische Spitzheck-Karosserie eines Bugatti-Rennwagens aus den zwanziger Jahren. Seit 1937 hatte die Preziose im Schlick geschlummert. Ein Schweizer Experte identifizierte sie an Ort und Stelle als Bugatti Typ 22 Brescia, erstmals zugelassen im April 1925 im französischen Nancy. Der Staatsrat des Kantons hielt eine Rede. Dann feierten die Taucher der Bergungsfirma und rund dreißig freiwillige Helfer vom lokalen Tauchclub den Erfolg ihrer neunmonatigen Arbeit mit einem Straßenfest.

Nicht mehr mitfeiern konnte der junge Hobbytaucher Damiano Tamagni, der wenig später sein 24. Lebensjahr vollendet hätte. Die Bergungsaktion fand, ebenso wie das Fest, zu seinem Gedenken statt. Der Student aus dem Dorf Gordemo war in einer Februarnacht des vorausgegangenen Jahres, der »Stranociada« des Tessiner Karnevals, im benachbarten Locarno von drei Jugendlichen provoziert, verprügelt und durch Tritte gegen den Kopf getötet worden. Seine Familie und seine Freunde versuchten ihre Trauer zu bewältigen, indem sie eine Stiftung gegen Jugendgewalt gründeten, die Fondazione Damiano Tamagni. Und bald kamen die Initiatoren auf den Gedanken, das legendenumwobene Bugatti-Wrack, das in 52 Meter Seetiefe vor Ascona ruhte und schon länger ein beliebtes Tauchziel war, an die Oberfläche zu holen, um die Stiftung zu finanzieren und um ihrem Namensgeber, dessen Leben ein so frühes und grausames Ende genommen hatte, ein Denkmal zu setzen.

Anzeige

»Ich bin vollkommen unfähig, irgendetwas zu erfinden«, sagte Dea Loher, die erfolgreichste unter den deutschsprachigen Dramatikerinnen der Gegenwart, als vor sieben Jahren ihr Prosaband Hundskopf erschien. Immer sei eine konkrete Situation, ein bestimmter Mensch oder eine reale Figurenkonstellation, ein Fall aus ihrem »unmittelbaren Beobachtungsfeld« der Auslöser für ihre Erzählungen gewesen. Es verwundert deshalb nicht, dass auch ihr Romandebüt so eng an die Wirklichkeit andockt, dass man fast von einer Doku-Fiktion sprechen kann. Der Titel Bugatti taucht auf klingt elegant und ein wenig mysteriös. Was sich dahinter verbirgt, ist die wahre Geschichte eines tristen, banalen Verbrechens und eines ungewöhnlichen, von Pietät, Solidarität und Abenteuerlust motivierten Projekts. Und das Experiment einer eher szenisch als episch denkenden Schriftstellerin, die beiden Begebenheiten sowie den Zusammenhang zwischen ihnen zu rekonstruieren und zu erhellen.

Das allein wäre freilich nicht genug für eine Autorin wie Loher, deren Bühnenstücke seit je um Schuld und Tod, Gewalt und Sühne, Erlösungssehnsucht und Sinnfragen kreisen, mit einer Intensität, die ihr unter Ironikern das Prädikat »Schmerzensfrau« eingetragen hat. Um die Frage nach »letzten Dingen« geht es auch hier, aber sie ist so diskret in die klare Sachlichkeit der Erzählung eingewoben, dass sie erst in der Wahrnehmung des dafür empfänglichen Lesers Gestalt annimmt. Als Schlüssel kann ein weiterer, vorgeschalteter Handlungsstrang dienen, der in die Zeit des Ersten Weltkriegs zurückführt: Aus dem »Tagebuch von Rembrandt Bugatti« erfahren wir Details über die italienische Dynastie, in der technische und künstlerische Talente sich so produktiv paarten, dass ein stilprägender Markenname daraus hervorging.

Rembrandt Bugatti, der Bruder des Automobilkonstrukteurs Ettore, war ein bedeutender Bildhauer und Schöpfer von Tierplastiken; er litt jedoch an Depressionen und nahm sich mit 32 Jahren das Leben. In seinem Tagebuch berichtet er von traumatischen Erfahrungen kurz vor seinem Freitod, unter anderem davon, wie ein befreundetes Paar mit dem Auto den Tod eines Radfahrers verursacht. Später, im See-Kapitel, wird von einem anderen Radfahrer die Rede sein, dem Jean Bugatti, Ettores Sohn und Nachfolger, auf einer Testfahrt durch Ausweichen das Leben rettete, was ihn sein eigenes kostete, weil er gegen einen Baum fuhr. Auch er war erst dreißig Jahre alt; sein Vater sollte sich von diesem Verlust nie mehr erholen.

Dea Loher, die sich mit der Familiengeschichte der Bugattis so eingehend befasst hat wie mit dem Fall des ermordeten jungen Tessiners, hat bei ihren Recherchen offenbar Muster erkannt, Spuren, die zu den ewig ungelösten Rätseln um Kausalität, Zufall und Schicksal führen. Sie hat diese Fährten auf knappem Erzählraum verteilt, doch nur in Andeutungen, zwischen denen der Leser selbst die Verknüpfung herstellen muss. Nur scheinbar unverbunden also stehen die Tagebuchnotizen des schwermütigen Bildhauers neben der Schilderung der fast hundert Jahre später verübten Untat von Locarno im zweiten Kapitel.

Ohne dramatische Effekte, vielmehr mit kühler Akribie wird beschrieben, wie ein junger Mann, hier Luca Mezzanotte genannt, ungewollt in eine alkoholisierte Fasnachts-Rempelei gerät und kaltblütig zu Tode geprügelt und getreten wird. Mit der Rigidität einer Stilübung wird das Protokoll der grundlosen Gewalteskalation aus nüchtern rekapitulierten, widersprüchlichen Zeugenaussagen zusammengefügt und durch Kurzporträts von Opfer und Tätern ergänzt. Gewissheit besteht am Ende nur darüber, dass es für die Tat keine Erklärung gibt. Allenfalls diese: Die drei Schläger stammen aus sozial mehr oder weniger problembelasteten Familien bosnischer Herkunft. Zwei von ihnen, makaber angesichts der tödlichen Tritte, sind leidenschaftliche Fußballer.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service