Alles haben geht nicht. Die Haare schön und der Coiffeur ein Connaisseur von Sprichwörtern zum Beispiel. Für Rafik Schami gehört gerade diese Verbindung zu den unauflösbaren Grundwidersprüchen, die zumindest er, ja, erlitten hat. Mit 15 trieb es den 1946 in Damaskus geborenen Deutschsyrer zu einem Friseur, von dem es hieß, er kenne alle Geschichten zu den kursierenden Lebensweisheiten und erzähle sie beim Schneiden. Und es stimmte. Nur waren danach die Haare des jungen Kunden verhunzt. Lehrreich war die Erfahrung trotzdem. Die schlecht frisierte Kindheit taucht jetzt in dem Buch Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte wieder auf. Rafik Schami erzählt darin, wie er Schriftsteller geworden ist.

Eigentlich heißt Rafik Schami ja Suheil Fadél. Den Künstlernamen trägt der Bäckerssohn, seit er 1971 ins deutsche Exil geflüchtet ist. Und ein "Damaszener Freund", wie die Übersetzung lautet, ist er wirklich: Er erzählt fast ausschließlich Geschichten, die in der syrischen Hauptstadt spielen. Auch das neue Werk ist unter anderem eine Hommage an die Herkunftswelt.

In seiner Prosa hat Schami Damaskus, wo er unerwünscht ist und 40 Jahre nicht mehr war, regelrecht konserviert. Dank Google Earth und dem Herzblut des Exilanten ist er aber heute noch im Besitz genauer Ortskenntnis. Er gibt gerade Interview auf Interview zur revolutionären Lage dort . Und er bekommt jede Menge Preise.

Die Romane des promovierten Chemikers sind syrische Synästhesien, allen voran das Hauptwerk Die dunkle Seite der Liebe aus dem Jahr 2004, ein breit ausgelegter Geschichtenteppich mit dichter Textur. Erzählt wird bei Rafik Schami, der ein begnadeter Vortragskünstler ist, in einem märchenhaften Ton, der die Faszination des Mündlichen ins Schriftliche rettet. Viele Storys, wenig Psychologie, dazu das orientalische Bonusmaterial. Schami liest sich angenehm uncool und fast schon exotisch konventionell. Wer wissen will, wie er sich das selbst erklärt, muss den Band Die Frau, die ihren Mann auf dem Flohmarkt verkaufte zur Hand nehmen. Er liefert so etwas wie den Begründungszusammenhang für das Werk.

Das Buch, eine Sammlung von Kurzgeschichten, Episoden und Reden, ist autobiografische Poetologie und ethnografische Erzählung. Schami würde das nicht so sagen. Sein Gestus ist der der strikten Verständlichkeit. Er zieht das Erzählen dem Wortschwall und die Beobachtung der Analyse vor.

Wenn es sein muss, erfindet er einen knochentrockenen Gelehrten, der ihm die akademischen Vorlagen liefert, die dann in einem selbstredend ebenso fiktiven Gespräch mit Don Quijote, Sancho Panza und sich selbst verwertet werden. Das anschaulich Anekdotische dient ihm dazu, auf das große Ganze zu kommen, auf die oral geprägte arabische Kultur etwa – oder auf eine Beschwörung der Kindheit.

Eines der zwölf Kapitel in dieser eingängigen Selbsterklärung beinhaltet den leicht redigierten Vortrag, den Rafik Schami anlässlich der Verleihung der Brüder-Grimm-Professur gehalten hat. Und es ist erstaunlich, dass der Text den Erzählfluss kaum hemmt. Zwischendurch geht es um Themen wie das Märchen als "Volkstherapie" oder Sprüche als "Konzentrat von Erfahrungen". Es wird darüber philosophiert, wie die Wüste die beredte, aber bilderfeindliche arabische Kultur geprägt hat – in ihr ruhe das Auge, während sich die Zunge löse.