Karl May, etwa 1910 © Hulton Archive

Karl May alias Old Shatterhand alias Kara Ben Nemsi, der »Sohn der Deutschen«, ist der erfolgreichste Schriftsteller deutscher Sprache. Sein Gesamtwerk hat eine geschätzte Weltauflage von über 200 Millionen Exemplaren erreicht. Einen »Reiseschriftsteller« kann man ihn freilich nur bedingt nennen. Mit seinen »Reiseerzählungen« hat er vielmehr einen Mythos geschaffen, deren größter er selber war. Das Werk des Schriftstellers Karl May war die Selbsterfindung eines Mannes, der bis auf den »Blutsbruder« und »Edelmenschen« Winnetou seinesgleichen nicht hatte. Und auch der war sein Werk.

Karl Mays Ruhm beruhte auf einem in der Tat riesigen, von einem Fleiß ohnegleichen erschriebenen Werk, in dem globale Exotik, fantastische Abenteuer und literarische Hochspannung zusammenkamen. Wirklich unwiderstehlich machten ihn aber drei Legenden. Die erste behauptet, dass er Old Shatterhand und der Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi in einer Person gewesen sei. Die zweite besagt, dass er die Länder gesehen, die Geschichten selber erlebt habe, von denen er erzählte. Und die dritte behauptet, dass er Zeit seines Lebens ein bürgerlich honoriger Mensch und Schriftsteller gewesen sei, der in seinem Spätwerk zum Verkünder einer weltumfassenden christlich-humanistischen Friedensbotschaft geworden sei.

Nichts davon ist wahr. Karl Mays Lebens-Werk war die gigantische Kompensation für eine Lebensgeschichte, die ihn zum Paria gemacht hatte und in der er zum Kriminellen geworden war. Sein egomanes »Ich« war geprägt von einer Epoche, deren ungeheure Aufschneiderei ideologisch scheinbar so gegensätzliche Gestalten wie den späten Friedrich Nietzsche und Karl May verband. Der Nietzsche des Ecce homo war ein Karl May der Metaphysik. Karl May war die Parodie des »Übermenschen« als »Edelmensch«. Aus der Heldenlegende Karl May sprach der auftrumpfende Geist des wilhelminischen Zeitalters: May verband individuellen und kollektiven Größenwahn, eine auf Grandiosität angelegte Ichfiktion mit christlich-fundamentalistischen und nationalistischen Überlegenheitsfantasien.

Diese Verklärungsstrategien eroberten die Leser. Wer Karl May las, war das, was er in seinen »Reiseerzählungen« und Tausenden von Briefen an seine Leser behauptete: Er war Old Shatterhand, er war Kara Ben Nemsi. Nur mit dem Tod Winnetous, mit dem der Untergang der roten Rasse betrauert und zugleich zum unausweichlichen Geschick wurde, ging ein Riss durch diese Welt. Es war der kurzfristige Einbruch des Realitätsprinzips, der allerdings doppelt durch die Stilisierung des roten Helden ins Heilige wettgemacht wurde. Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi jedoch lebten. Ja, mit ihnen konnte man gar nicht untergehen. Sie waren die unangefochtenen ewigen Gewinner. Mit ihnen war man immer auf der moralisch richtigen Seite. Ebendas hat ihn für seine Leser, die jungen wie die alten, so anziehend gemacht.

Zu Karl Mays 100. Todestag am 30. März 2012 sind jetzt von Helmut Schmiedt und Rüdiger Schaper zwei kenntnisreiche und gut lesbare Biografien erschienen. Beide sind wie die insgesamt außerordentlich rege Karl-May-Forschung für die heiklen Zusammenhänge von Leben und Werk nicht blind; im Gegenteil, apologetische Attitüden liegen ihnen fern. Aber verständlicherweise wollen sie, wenn schon nicht den prekären Helden, so doch den Autor retten und die Psycho-Logik seines Lebens verstehen.

Schmiedt rekonstruiert detailgenau das Wechselverhältnis von Leben und Werk als Prozess einer zunehmenden »Literarisierung des eigenen Lebens« und deren Rückwirkung auf ebendieses Leben. Da geizt auch der sonst nüchterne Biograf nicht mit großen Worten: »Ein Gesamtkunstwerk sui generis entsteht, zusammengesetzt aus Phantasien, welche sich als Realität tarnen, und einer Wirklichkeit, in der die sichtbare Existenz Mays nur noch die Authentizität des Phantasierten beglaubigen soll.«

Schapers Blick auf Werk und Leben des »Untertans, Hochstaplers« und »Übermenschen« ist in der Diktion literarischer, mit gelegentlichen Einbußen an Genauigkeit. Der Sinn für Ironie, den Karl May selber nur selten zeigt, ist bei Schaper bestens entwickelt. Bravourös das Kapitel über Karl Mays nachgeholte Reisen und das Ehekapitel, Letzteres mit einer sarkastischen Erledigung von Arno Schmidts buchstäblicher »Verarschung« von Mays analer Kartografie eines nur sexualmetaphorisch Wilden Westens.