SachbuchAcqua alta oder ansteigender Unsinn

Peter Ackroyd hat sich eine Geschichte Venedigs zusammengeschrieben, bei der man aus dem Staunen nicht herauskommt. von Arne Karsten

Über Venedig, schrieb einst der große französische Historiker Fernand Braudel, sei so gut wie alles gesagt worden: »Und das Gegenteil ebenfalls.« Aber noch nicht von allen. Zum Beispiel nicht vom englischen Journalisten und Schriftsteller Peter Ackroyd, der das jetzt nachholt und ein nahezu 600 Seiten starkes, vom Verlag hübsch ausgestattetes Buch vorgelegt hat, das er Venedig. Eine Biographie betitelt. Nun handelt es sich zwar bei Biografien nach landläufigem Verständnis um die Lebensbeschreibungen (meist) bedeutender Menschen, aber warum nicht sich einmal die Geschichte einer Stadt als Lebensgeschichte vorstellen, zumal in einem Werk, das ja keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, sondern nur niveauvoll unterhalten will?

Biografien beginnen in aller Regel mit der Geburt des Protagonisten, und diesem schönen Brauch folgt auch Ackroyds Stadtgeschichte, die bei den Anfängen einer Siedlung im Sumpf einsetzt, wie sie in der Spätantike entstanden war. Nun ist es ja so, dass wir über die Zeit zwischen der Völkerwanderung und dem hohen Mittelalter nur sehr wenig wissen, nicht umsonst sprechen die Historiker von den »dunklen Jahrhunderten«. Für die Frühzeit Venedigs gilt das in besonderem Maße. Neben ein paar archäologischen Funden beruhen unsere Kenntnisse auf Berichten aus dritter und vierter Hand, in viel späterer Zeit geschrieben, Zeichen von Zeichen bestenfalls. Oftmals tragen sie die Deutungsabsichten ihrer Verfasser geradezu auf der Stirn geschrieben, mitunter sind diese auch geschickt verborgen – was ihre Interpretation nicht einfacher macht. Bei Ackroyd aber werden die Dinge und Ereignisse präsentiert, als sei er gestern dabei gewesen. Es gibt keine Widersprüche, Gegensätze, Unklarheiten oder besser: Er nimmt sie einfach nicht zur Kenntnis. Und da sich auch die anfängliche chronologische Ordnung rasch verflüchtigt, der Autor sich zudem von der lästigen Aufgabe dispensiert, dem Leser einführend zu erläutern, nach welchen Prinzipien er den historischen Stoff geordnet hat, sind wir gehalten, uns selbst einen Reim darauf zu machen, was er uns sagen will. Das ist zunächst irritierend, wird dann aber sehr schnell erheiternd.

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Denn eine solide Lebensgeschichte muss natürlich auch davon berichten, in welchem Klima der Protagonist aufgewachsen ist. Das gilt zumal für eine Stadt in so extravaganter Position wie Venedig. So erfahren wir, »dass das Klima als gemäßigt gelten kann, was wohl in erster Linie auf die Lage der Stadt zurückzuführen ist«, wer wollte dem widersprechen oder gar der Bemerkung: »Vor allem im Herbst besteht die Möglichkeit von Regen«, der allerdings hinzuzufügen wäre: außerdem im Winter und Frühling und manchmal auch im Sommer. Mit dem Wind aber ist es so bestellt, dass er »aus verschiedenen Richtungen wehen« kann. Donnerwetter, denkt der Leser, in Venedig geht es wirklich seltsam zu!

Wer unter solch einzigartigen klimatischen Bedingungen lebt, entwickelt natürlich einige Eigentümlichkeiten, denkt sich unser Autor, und legt nun richtig los. Bemerkenswert ist zunächst das Verhältnis der Venezianer zum Wasser: »Es gibt keinen Beleg dafür, dass die Venezianer das Meer jemals wirklich geliebt haben«, nein, sie hatten und haben eigentlich Angst davor, jedenfalls nach Ansicht von Ackroyds Gewährsmann Lord Byron. Doch »wasserscheu« ist nicht die ganze Wahrheit: »Für eine auf dem Wasser errichtete Stadt stellte Wasser etwas Heiliges dar.« Schlimm ist nur, dass das verhasste heilige Wasser in letzter Zeit allzu oft als acqua alta über die Ufer tritt, nach Ansicht von Peter Ackroyd allein in den 1990er Jahren 2464-mal. Hier hätte einfaches Nachrechnen schon geholfen: Zehn Jahre haben genau 3652 Tage, mithin wären die Gassen Venedigs im bewussten Jahrzehnt an zwei von drei Tagen überflutet gewesen, wenn diese Zahl stimmte. Aber warum sollte ausgerechnet sie stimmen, in einem Buch, in dem wirklich nichts zusammenpasst? In dem es heißt, die Lagune sei »sechsundfünfzig Meter lang und elf Kilometer breit«, in dem behauptet wird, nicht wenige Dogen seien gewählt worden, nachdem sie das 90. Lebensjahr überschritten hatten; oder auch, es habe im 14. Jahrhundert einen Polizisten auf 250 Einwohner gegeben – lange bevor es überhaupt irgendwo in Europa etwas der modernen Polizei Ähnliches gab? Dafür wird der Rat der Zehn, das politische Führungsgremium Venedigs, als »interne Polizeitruppe« bezeichnet.

Die einfachen Venezianer hatten es wohl nicht leicht: denn »es gibt oder gab in Venedig kaum das, was man heute als Privatsphäre bezeichnet. Die Leute lebten eng zusammengedrängt.« Der aus dem Staunen nicht herauskommende Leser erfährt: »Keine andere Stadt hatte seine (!) Bevölkerung so effektiv zum Verstummen gebracht. Man könnte beinahe von einer Atmosphäre der Geheimhaltung wie im Orient sprechen. Venedig ist in gewisser Hinsicht immer noch eine geheime Stadt.« Diese omnipräsente Geheimniskrämerei von Menschen, die keine Privatsphäre haben, ist natürlich der Grund dafür, dass es in Venedig so schwer ist, gute Restaurants zu finden! Man wird dem geheimnisvollen Autor immerhin in diesem Punkt helfen und ihm einen Besuch im Internet empfehlen können. Bei der Gelegenheit ließe sich auch ohne allzu große Mühen herausfinden, welche der venezianischen Palazzi sich besichtigen lassen, um einen Eindruck davon zu bekommen, mit welch überwältigender Pracht viele von ihnen ausgestattet sind. Ackroyd behauptet: »Es ist allgemein bekannt, dass man dort (in Venedig) nur die Vorderfronten einer Verschönerung und Verzierung für wert erachtete«, schon oberflächliche Recherchen vor Ort können diese »allgemein bekannten« Tatsachen schnell ad absurdum führen.

So ließe sich beliebig fortfahren mit dem Sammeln von Widersprüchen, von Absurditäten, pseudoliterarischem Geschwätz, das bedeutungsvoll raunt, ohne sich um einen sinnvollen Bezug zur Geschichte der Stadt, von der es angeblich handelt, zu scheren. Doch es reicht ja auch so.

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Leserkommentare
  1. Ackroyd stand unter Drogen. Oder brauchte dringend Geld. Sein Buch "London. Eine Biographie" ist nämlich faszinierend, und das Konzept, den Stadtmoloch als riesigen, uralten Organismus aufzufassen, der Menschenleben hervorbringt, anzieht und ausspeit ermöglicht originelle Darstellungen.

    • Lenel
    • 11. April 2012 22:55 Uhr

    Das geht nicht, liebe ZEIT Redaktion-das ist ein ganz schlechter Stil: Sie können nicht einen Konkurrenten von Peter Ackroyd eine derart simpel diffamierende Kritik schreiben lassen;Sie wollen doch kein Forum sein für deutsche Autoren, die ihre Weltklasse-Konkurrenten vom deutschen Markt wegbeissen wollen:Und dann das noch so ungeschickt machen daß ein müder, nächtlicher Leser Ihres Onlineportals sich fragt: Ich habe zwei geniale Bücher von Peter Ackroyd gelesen - da stimmt doch was nicht! Handelt der Rezensent da noch etwas anderes ab?
    Und siehe da- ein Mausklick genügt und man findet tatsächlich Arne Karsten als Autor einer Geschichte Vendedigs.

    4 Leserempfehlungen
  2. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber ich möchte darauf hinweisen, dass es im Mittelalter durchaus "Polizeien" gegeben hat - allerdings nicht im heutigen Sinne. Als "Polizeien" wurden damals einfach die Organe der jeweiligen Gebietsverwaltung bezeichnet - insofern ist der Polizei-Begriff besonders für das politische Führungsgremium eines Gebiets nicht so ganz falsch. Nachzulesen ist diese Verwendung des Begriffs in historischen Dokumenten bei Michel Foucaults "Gouvernementalité".

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Polizeibegriff hat sich nun wirklich geändert.

    Ich erinnere mich noch an den Satz aus "Ivanhoe": Das ist Fitzurses Polizei.

    Was nur heißt: Das ist seine Aufgabe. Aber der Satz hat mich als Kind vollkommen fasziniert, eben weil das Wort Polizei so fremd verwendet wurde.

  3. Der Polizeibegriff hat sich nun wirklich geändert.

    Ich erinnere mich noch an den Satz aus "Ivanhoe": Das ist Fitzurses Polizei.

    Was nur heißt: Das ist seine Aufgabe. Aber der Satz hat mich als Kind vollkommen fasziniert, eben weil das Wort Polizei so fremd verwendet wurde.

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  • Schlagworte Sachbuch | Autor | Biografie | Frühling | Klima | Orient
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