Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Diesen Text widme ich allen, die bei meinen Kollegen als zickig, arrogant und launisch gelten, namentlich dem Trainer Otto Rehhagel , der Schauspielerin Corinna Harfouch und dem Politiker Wolfgang Schäuble . Seit ein paar Jahren führe ich eine Doppelexistenz. Einerseits bin ich Journalist und berichte hin und wieder über dies und das. Andererseits bin ich als Autor von Belletristik und Kolumnenfuzzi selber Gegenstand von Berichterstattung. In Österreich habe ich kürzlich Kolumnen vorgelesen, es gab auch einen Schreib-Workshop. In einer Kolumne kommt der Satz vor: »Ich schreibe nicht Barock, ich schreibe Bauhaus.« Das Gleiche empfehle ich Kollegen, wenn man mich fragt. Im Bericht der Lokalzeitung stand: »Baumarkt ist besser als Barock! So lautet eine der goldenen Glossen-Regeln von Martenstein.«

Seit ich, von Zeit zu Zeit, die Seiten wechsele, verstehe ich die Prominenten und die Politiker besser, wenn sie sich anstellen. Die Presse braucht manchmal eine harte Hand. Du musst dir jeden Satz zur Autorisierung vorlegen lassen, vor allem auch die Kommas. Wenn du das vergisst oder wenn du nett und großzügig sein willst, dann liest du hinterher manchmal Sätze in der Zeitung, die du angeblich gesagt hast und die nur von einem geistig Verwirrten stammen können.

Zu Fotografen muss man hart sein und unbarmherzig. Begründung: Einige Fotografen verhalten sich wie Raubtiere, die vom Fleisch ihrer Beute leben. In Heiligendamm stand nach ein paar Sekunden Lesung eine Fotografin auf, ging nach vorne, stellte sich etwa sechzig Zentimeter vor der Bühne hin, sodass ich ihren Atem riechen konnte, und machte eine Aufnahme nach der anderen mit Blitzlicht. Der Apparat gab dabei ein schnarrendes Geräusch von sich, welches durch Mark und Bein ging. Nach etwa zehn Fotos habe ich einen Wutanfall bekommen. Als die Lesung vorbei war, kam die Frau, um sich zu beschweren. Kürzlich sei Sky du Mont dagewesen. Sky du Mont habe ihr, während sie ihn abschoss, sogar zugewunken. In Wahrheit hat Sky du Mont ihr sicher mit der Faust gedroht.

Man muss sich dazu zwingen, auch mal unfreundlich zu sein. Das gilt in allen Lebensbereichen. Viele Leute leiden darunter, dass sie es jedem recht machen wollen. Das steckt so in einem drin. Die Erziehung vielleicht. Meiner Ansicht nach ist dies die unerkannte Volkskrankheit Nummer eins. Die Diagnose der Ärzte lautet »Burn-out« , »Depressive Verstimmung« oder auch »Gastritis«. Was aber in Wirklichkeit dahintersteckt, ist oft der Wunsch, es jedem recht zu machen.

Beruf und Familie. Mama und Papa. Chef und Untergebene. Baumarkt und Barock. Klaus und Christiane. Man will von allen gemocht werden und alles mit allem vereinen, obwohl man weiß, dass es unmöglich ist. Um zum Beispiel im Beruf optimal erfolgreich zu sein und gleichzeitig die Familie und die Freunde nicht zu vernachlässigen, müsste der Tag 40 Stunden haben. Wenn du zum Beispiel Präsident bist, dann redest du entweder zu viel über das Thema Freiheit oder zu wenig, oder du redest total ausgewogen, dann bist du ein Langweiler, der keine eigenen Akzente setzt. Als Chef bist du entweder ein Tyrann oder konflikt- und entscheidungsscheu, als Autor entweder zu seicht oder zu elitär, als Mensch entweder ein herzloser Egoist oder ein Depp, der alles mit sich machen lässt. Im ersten Fall schämst du dich, im zweiten Fall ärgerst du dich. Die einzige Möglichkeit, nichts falsch und sich keine Feinde zu machen, besteht darin, niemals das Bett zu verlassen und das Telefon abzumelden.

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