James Shikwati, Kenyan economist, at the TEDGlobal 2007

DIE ZEIT: Es ist nun ein paar Jahre her, dass Leute wie Sie und Dambisa Moyo und andere Wortführer aus den afrikanischen Eliten durch die Talkshows der Welt zogen und riefen: Stoppt die Entwicklungshilfe für Afrika !

James Shikwati: Das Problem ist doch bis heute Folgendes: Die ganze Diskussion der Geber dreht sich ständig um Entwicklungshilfe. Aber wenn man dann genauer auf die Details schaut, geht es gar nicht wirklich um Hilfen für die Entwicklung Afrikas . Es geht ums Geschäftemachen, und es geht um eigene geopolitische Interessen. Und Afrika hat sein eigenes Interesse bis jetzt noch gar nicht an den Verhandlungstisch gebracht. Das ändert sich nun gerade. Wir haben jetzt afrikanische Politiker, die sagen: Wir wollen dies und jenes, und wir wollen es auch durchsetzen.

ZEIT: Warum, glauben Sie, haben Ihre streitbaren Thesen seinerzeit auch im Westen solche Wellen geschlagen?

Shikwati: Ich denke, dass es zunächst an der plötzlichen Aufmerksamkeit für Afrika lag. Tony Blair hatte damals eine Kommission eingesetzt, die Hilfsmöglichkeiten untersuchen sollte...

ZEIT: ...das war 2004.

Shikwati: Diese Kommission bestand aus Leuten, die annahmen, dass sie Antworten für Afrika hätten, und zwar besonders solche Antworten aus der Denkschule von Tony Blair. Dagegen standen Leute wie ich. Und interessant war ja: Während Blair ein Bild der Verzweiflung zeichnete und an das Gewissen der Welt appellierte, luden die Chinesen in aller Stille die Staatschefs Afrikas ein, um den Kontinent zu feiern. Sie boten eine freundliche Partnerschaft an. Seither gibt es eine Menge ermutigender Zeichen. Es gibt Wirtschaftswachstum.

ZEIT: Das ist ja mal eine gewagte These: Das Geschäftemachen der Chinesen mit afrikanischen Herrschern ist gut, die Entwicklungshilfe des Westens aber ist durch die Bank schlecht. Ist das nicht zu pauschal? Es gibt ja alle möglichen Arten westlicher Entwicklungshilfe – von humanitären Stützen über subventionierte bis hin zu nicht subventionierten Unternehmenskrediten.

Shikwati: In Afrika müssen wir davon ausgehen, was die Entwicklungshilfe-Industrie, die heute mehr als 200 Milliarden Dollar ausmacht, bei den Regierungen und der Bevölkerung angerichtet hat. Wenn ich das mal in Computersprache ausdrücken darf: Das Betriebssystem der afrikanischen Köpfe, die Software, ist korrumpiert worden durch die Entwicklungshilfe-Industrie, wie wir sie kennen. Zu denken, man lebe auf einem armen Kontinent, obwohl man natürliche Ressourcen hat, um die die reichen Länder kämpfen, ist ein Resultat dieser geistigen Korruption. Es ist die ganze Idee der Entwicklungshilfe, dass man sich hilfsbedürftig fühlt, obwohl man eigentlich alles hat, um selber mehr Einkommen zu generieren.

ZEIT: Ist das eine Kritik an den Entwicklungshelfern oder an den Regierungen in Afrika?

Shikwati: An den sogenannten Regierungen in Afrika. Wie wurden diese eingesetzt? Sind sie eine Fassade, die von den Kolonialherren vor ihrem Abzug etabliert wurde? In Wahrheit sind sie einfach eine Clique von Eliten, die den Interessen der reichen Länder dient und die die afrikanische Bevölkerung als ihre Gegner ansieht. Und die Entwicklungshilfe stützt diese Fassaden-Regierungen. Ein weiterer Punkt ist: Schauen Sie mal auf das globale Wirtschaftssystem. Afrika verschickt Rohstoffe – Erze, Kaffeebohnen – in die reiche Welt, wo dann die eigentlich profitable Weiterverarbeitung betrieben wird. Und von dieser riesigen Mehrwertschöpfung kriegen wir einen kleinen Teil als Entwicklungshilfe zurück. Dazu muss Afrika Nein sagen!

ZEIT: Sie haben schon die Chinesen erwähnt, die neuerdings auch eine Menge Entwicklungshilfe in Afrika leisten – und dabei ganz offen ihre eigenen Geschäftsinteressen vertreten. Gefällt Ihnen das Vorgehen der Chinesen in Afrika?

Shikwati:China bringt eine neue Dynamik nach Afrika. Es gibt jetzt Wettbewerb unter den Geldgebern. Wenn sich die Geberländer nun gegenseitig dabei überbieten, wer welches Projekt fördern kann, liegen darin Chancen und Risiken .