ZEITmagazin: Herr Pozzo di Borgo, was bedeutet Ihnen das Leben heute?

Philippe Pozzo di Borgo: Ich habe das große Glück, zwei Leben erfahren zu haben. Ich war einmal sehr egoistisch, wie unsere Gesellschaft so ist. Ich war an Geld interessiert, ich war ehrgeizig und gierig. Ich habe inzwischen meine verlorene Unschuld zurückbekommen und mich in der Stille und im Schmerz wiedergefunden. Leiden begreife ich als eine Form des Widerstandes, was mich stark an meinen Großvater erinnert, der in der Résistance war und ein Konzentrationslager überlebte.

ZEITmagazin: Erinnern Sie sich noch an den Tag Ihres Unfalls?

Pozzo di Borgo: Beruflich und psychisch stand ich unter starkem Druck. Die französische Aktiengesellschaft LVMH (Louis Vuitton Moët Hennessy) hatte die beiden Champagnerhäuser Pommery und Lanson, die ich leitete, übernommen. Ihre Art, Geschäfte zu führen, entsprach in keiner Weise meiner Philosophie. Als deren Angestellter musste ich die halbe Belegschaft feuern. Es war für die Betroffenen verheerend. Es war gegen alles, was ich für richtig hielt. Ein Massaker an Unschuldigen, reines McKinsey-Zeug.

ZEITmagazin: Was genau passierte dann?

Pozzo di Borgo: An dem Tag war ich auf dem Weg in die Schweiz , um eine Tochtergesellschaft zu schließen. Ich wusste, es wird ein harter Tag, als mein Gleitschirmfreund mich anrief, ob wir nicht fliegen wollen. Ich hätte an dem Tag niemals fliegen dürfen. Ich war in keiner guten Verfassung. Ich hätte es wissen müssen.

ZEITmagazin: Wie alt waren Sie, als Sie abstürzten?

Pozzo di Borgo: Ich war 42, und seitdem sitze ich im Rollstuhl. Ich bin vom Hals ab vollständig querschnittsgelähmt. Ich spüre nichts außer brennende Schmerzen, ein Dauerfeuer.

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ZEITmagazin: Was halten Sie von Mitleid?

Pozzo di Borgo: Ich will weder Mitleid noch Mitgefühl. Was ich brauche, ist Unterstützung. Es gibt mir nichts, wenn der andere sich gut fühlt, bloß weil er barmherzig zu mir ist. Da pfeife ich drauf. Ich brauchte jemanden wie Abdel.

ZEITmagazin: Wie war Ihr erster Eindruck von Abdel?

Pozzo di Borgo: Als ich ihn sah, war mir sofort klar, dass er originell ist, witzig und zäh und unverwüstlich. Und 24 Stunden verfügbar. Er kam frisch aus dem Gefängnis, was er mir gegenüber natürlich verschwieg. Aber mir war das von Anfang an bewusst. Er schien mir der Beste zu sein. Seine Vergangenheit kümmerte mich nicht.

ZEITmagazin: Hatten Sie gleich Vertrauen zu ihm?

Pozzo di Borgo: Am Anfang dachte er, ich sei eine Bank und würde meine Lähmung gut verkraften. Als meine Frau drei Jahre nach meinem Unfall starb, begriff er, dass er mir sehr wertvoll und nützlich sein könnte. Ich verfiel in eine Depression.