Bildungspolitik in SachsenWas die Neue wissen sollte

Die neue Kultusministerin Brunhild Kurth übernimmt ein System in Nöten: Was dem Sächsischen Schulsystem Bestnoten verleiht und was an Sachsens Schulen mangelhaft ist. von Susanne Kailitz


Wäre Sachsen ein Schüler, gehörte er sicher zu den Favoriten von Brunhild Kurth. Die neue Kultusministerin sagt, sie sei »mit Leib und Seele« Lehrerin; und der Freistaat weist das vor, was Lehrer gern sehen: glänzende Zeugnisse. Regelmäßig attestieren Schulleistungsanalysen wie Pisa und Iglu oder Studien wie Chancenspiegel und Bildungsmonitor den sächsischen Schülern Bestnoten – etwa in der Lesekompetenz, in Mathematik und den Naturwissenschaften – und dem Schulsystem des Freistaats ein hohes Maß an Gerechtigkeit und eine gute Förderinfrastruktur.

Auch wenn gegen diese Tests immer wieder eingewandt wird, sie nutzten veraltete Daten oder rissen einzelne Faktoren aus dem Kontext: Dass die allermeisten sächsischen Schüler relativ gut ausgebildet sind, wenn sie mit einem Abschlusszeugnis ihre Schulen verlassen, dürfte kaum jemand bestreiten.

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Dafür gibt es strukturelle Gründe. So liegt der Freistaat etwa mit seiner Klassengröße von statistisch 19,5 Kindern in der Grundschule unter dem nationalen Schnitt von 21,7. Um 15,4 Schüler kümmert sich eine sächsische Lehrkraft im Schnitt – deutschlandweit sind es 17,4. Sachsen habe aus dem Lehrerüberhang nach dem Geburtenknick von 1990 an und dem Rückgang der Schülerzahlen das Beste gemacht, sagt Sabine Gerold, Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft: »Durch die vielen Teilzeitregelungen, auf die man sich damals einigte, sind jetzt einfach viele Lehrer im System. Viele zwar nur auf Teilzeitstellen – aber sie stehen als Ansprechpartner und für Nachmittagsangebote zur Verfügung.«

Dem gegenüber steht eine geringe Zahl von Schülern aus jener Gruppe, die in anderen Bundesländern eine große Herausforderung für das Bildungswesen darstellt: Migranten. Zumal bei den wenigen, die es in Sachsen überhaupt gibt, etwas Positives auffalle, so der Dresdner Schulforscher Wolfgang Melzer: »Die asiatischen Migranten, mit denen wir es zu tun haben, sind in der Schule traditionell sehr erfolgreich und leistungsbewusst.« In anderen Regionen gebe es etwa viele türkische Migranten aus bildungsfernen Schichten, die schwierig zu unterrichten seien.

Die hiesige Zusammensetzung der Schülerschaft erleichtert es, anspruchsvollen Unterricht zu halten – und genau den attestieren Fachleute Sachsens Lehrern. So hält es die Bildungsexpertin der Grünen im Landtag, Annekathrin Giegengack, für einen Vorteil, dass ein Großteil der Lehrer im Freistaat noch an den Pädagogischen Hochschulen der DDR ausgebildet wurde. Dort habe die Vermittlung von pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten im Vordergrund gestanden, von denen die Schüler heute noch profitierten.

Auch Forscher Melzer lobt die »starke Verbindlichkeit des Lernens« in Sachsen: Die Lehrer hätten hohe Anforderungen, die sie in einem klar strukturierten Unterricht deutlich formulierten. »Gleichzeitig sind die Schüler, auch durch ihre Prägung in den Elternhäusern, bereit, Leistungen zu bringen.« Dass man das sächsische Schulsystem nach 1989 nur behutsam reformiert und sich schnell für ein zweigliedriges System mit einem Abitur nach zwölf Schuljahren entschieden habe, sei Ausweis einer Kontinuität, die Lehrern und Schülern gutgetan habe.

Leserkommentare
  1. Bei der ewigen Diskussion um die richtige Bildungspolitik wird meist nicht beachtet, dass es auch an ganz anderen, elementareren Stellen mangelt. Aus Sicht der Hinrnforschung beispielsweise kommt es vor allem auf eine stabile Bindung und die Fähigkeit zur Begeisterung an (http://bit.ly/xhJi9T). Nur so können Kinder nachhaltig und erfolgreich lernen.

    • sudek
    • 02. April 2012 18:56 Uhr

    Warum produziert dieses Land - mit welcher Bildung - eigentlich so viele Rechtsradikale?

    [...]
    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/ag

    • BerndL
    • 03. April 2012 10:00 Uhr

    Sachsen hat im Bildungssystem vieles richtig gemacht (es hat das DDR-System in den Kernzügen erhalten, konnte sich auf eine in der DDR gut ausgebildete Lehrerschaft stützen etc ) - es liegt daher in D an der Spitze (trotz des Wirken von Ministern ala Rößler!). Sächsische Abiturienten sind an den Hochschulen eher besser auf das Studium vorbereitet als andere.
    So what? Sollten nicht erst einmal die "Problemländer" nachziehen?

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