Die Kundgebungen der Sozialistischen Reichspartei zu Beginn der fünfziger Jahre waren Reisen in damals gerade erst vergangene Tage: Begeisterungsstürme bis zur Raserei, der Saal ein Fahnenmeer und dazu der Badenweiler-Marsch, den der »Führer« so geliebt hatte. Das Emblem der Partei zeigte den Reichsadler auf rotem Grund, allerdings mit leeren Fängen. Doch konnte sich ein jeder hinzudenken, was dort hineingehörte und provokant ausgespart blieb: das Hakenkreuz.

Die Beobachter fühlten sich in die Weimarer Zeit versetzt, in die Anfangsjahre der braunen Bewegung, Saalschlachten inklusive. Dieser Effekt war gewollt. Die Sozialistische Reichspartei (SRP) inszenierte sich offen als NS-Bewegung. Und das mit Erfolg: Aus dem Stand heraus gewann die gerade mal anderthalb Jahre alte Partei bei der niedersächsischen Landtagswahl im Mai 1951 elf Prozent der Stimmen. Bereits im Herbst desselben Jahres konnte sie bei der Bremer Bürgerschaftswahl daran anknüpfen und 7,7 Prozent erzielen. Bald zählte sie an die 10.000 Mitglieder.

Das war beeindruckend. Immerhin hatte die SRP in Niedersachsen deutlich mehr als eine halbe Million Stimmen und damit 16 Mandate gewonnen, darunter vier Direktmandate. In 35 Gemeinden erreichte sie sogar die absolute Mehrheit.

Doch schon ein Jahr später endete der Siegeszug jäh. Am 23. Oktober 1952 verbot das Bundesverfassungsgericht die Partei. Eine hitzige Debatte, wie wenige Jahre später um das Verbot der Kommunistischen Partei, gab es nicht. Auch keine langwierige Prüfung wie heute beim geplanten Verbot der NPD. Das Urteil des Verfassungsgerichts war beinahe eine Art Routineentscheidung. Niemand stellte es infrage, die Zustimmung war einhellig. So konnte der Erste Senat des Karlsruher Gerichtes, von der Öffentlichkeit fast unbemerkt, juristische Maßstäbe setzen, die bis heute fortwirken.

Der Nationalsozialismus ist im Kern eine »gute Idee«

Doch von der Lautlosigkeit des Vorgangs abgesehen, sind die Parallelen zwischen damals und heute, zwischen der Geschichte der SRP und dem Auftreten der NPD, auffällig. Die SRP war wie die NPD eine Partei, die durch den inszenierten Eklat Stimmen für sich zu gewinnen suchte. Im selben Atemzug bekundete die Parteiführung immer wieder ihre Verfassungstreue – auch dies erinnert an die Taktik der NPD.

Hinter der konformen Fassade ging es radikal zur Sache. »Wir haben«, verkündete der Zweite Vorsitzende der SRP, der Wehrmachtgeneral Otto Ernst Remer, »sehr viele, die besten, ja die allerbesten Nationalsozialisten aufgestellt!« Und während sich die Funktionäre der NPD heute gern hinter einem geradezu moderaten »Es war nicht alles schlecht damals« verstecken, verkündete die SRP völlig unverfroren: »Es war nicht alles gut damals.« So blieb die nationalsozialistische »Revolution« für den Vorsitzenden, den promovierten Historiker und Journalisten Fritz Dorls (NSDAP-Mitglied seit 1929), auch der Höhepunkt der deutschen, ja der abendländischen Geschichte. Die Ermordung der Juden erschien dabei lediglich als eine unglückliche »Entgleisung« und »Entartung« dieser Revolution.

Das offen formulierte Bekenntnis zum »positiven Erbe« des »Dritten Reichs« hinderte die anderen Parteien jedoch nicht daran, die SRP in ihre Erwägungen miteinzubeziehen. Auch wenn man sich öffentlich von der SRP distanzierte, scheute man nicht davor zurück, ihren Wahlerfolg für sich auszunutzen. So zeigte sich Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) äußerst verärgert über den Urteilsspruch aus Karlsruhe, hatte doch das Gericht nicht nur die Partei verboten, sondern auch sämtliche Mandate der SRP für ungültig erklärt. Damit war für die niedersächsische CDU die Chance vertan, mithilfe der (Ex-)SRP-Leute eine Mehrheit im Landtag zusammenzubekommen – eine Mehrheit, die dem Kanzler wiederum die konservative Majorität im Bundesrat gesichert hätte.

Auch die SPD zeigte sich wenig zimperlich. Ihr Vorsitzender Kurt Schumacher drängte 1951 die SPD-Regierung in Hannover, den Wahlkampf der SRP nicht unnötig zu erschweren und Rede- und Auftrittsverbote zu lockern. Das Kalkül war offensichtlich: Durch den Erfolg der SRP sollte die CDU geschwächt werden. Und tatsächlich verlor die CDU massiv Stimmen an die SRP; die SPD gewann die Wahl. Solche parteitaktischen Spiele sind heute, im Fall der NPD, undenkbar. Eine Partei, die sich zwar formal zum Grundgesetz bekennt, sich aber nicht eindeutig vom »Dritten Reich« distanziert, steht in Deutschland heute isoliert da.