Ich mag Dmitri Schostakowitschs Sinfonie Nr. 5 d-Moll. Besonders wenn es einem Orchester gelingt, die Balance zu halten zwischen den aufbrausenden Momenten und den intimen Stellen. Und ich mag Fußball. Die Sportschau ist ein Muss, die Übertragungen des Sommermärchens bei der Fußball-WM: unvergesslich. Wenig Freude bereitet mir als Intendanten eines öffentlich-rechtlichen Senders jedoch unsere finanzielle Situation. Der Spardruck ist enorm. Wo aber kürzen, wenn jede Kürzung schmerzt?

Darauf fundierte Antworten zu finden ist eine anstrengende, mühsame Arbeit. Interessengeleitete Ratschläge von außen hingegen gibt es frei Haus: Ein ebenso exklusives wie esoterisches Heer von Hütern ausschließlich eigener Interessen verteidigt wortmächtig die eigene Trutzburg. Bei diesen Wortgefechten scheint es keinen Superlativ zu geben, der nicht noch steigerungsfähig wäre. »Akt der Zerstörung«, »massiver Angriff« heißt es dort, an anderer Stelle ist von »verbrecherischer Blindheit« und »gleichgültiger Ignoranz« die Rede (vgl. auch Gerhart Baums Beitrag in der ZEIT Nr. 12/12).

Was ist geschehen? Wird der SWR ein Hort des Unwahren, des Unschönen, des Unguten? Nein, die verbalen Geschosse werden abgefeuert, weil der SWR überlegt, wie er trotz rückläufiger Einnahmen die erstklassige Qualität seiner Orchester erhalten kann, und zwar ohne Entlassung eines einzigen Musikers. Mit apokalyptischem Duktus aber wird der Untergang des Abendlandes heraufbeschworen, weil wir es gewagt haben, bei diesen Überlegungen auch die Fusion zweier Rundfunkorchester in Baden-Württemberg als eine von mehreren Optionen anzudenken.

Wohlgemerkt: In keinem anderen Bundesland unterhält der öffentlich-rechtliche Rundfunk zwei große Sinfonieorchester, wenn man mal vom Sonderfall der ROC GmbH in Berlin absieht. Und darüber hinaus erhält der SWR die Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, das SWR Vokalensemble, das Experimentalstudio des SWR für zeitgenössische elektronische Musik in Freiburg, die SWR Big Band, die Schwetzinger SWR Festspiele, die Donaueschinger Musiktage, das Festival RheinVokal. Kulturbarbarei sieht anders aus.

An dieser Stelle hilft auch kein rückwärtsgewandter kulturhistorischer Diskurs über die Bedeutung der Rundfunkorchester in der Nachkriegszeit weiter und erst recht kein Verweis auf einen angeblichen Kernauftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Was aber weiterhilft, ist ein Blick in den Staatsvertrag über den Südwestrundfunk. Dort steht nicht, dass wir ein halbes Dutzend Orchester, Bands und Ensembles zu unterhalten haben. Im Staatsvertrag ist aber sehr wohl und sehr prominent unser Programmauftrag verankert: Information und Bildung sowie Beratung und Unterhaltung.

»Spart doch an den Sportrechten, dann können wir uns mehr Kultur leisten«, lautet nun die Parole, die sich mancher Feuilletonist zu eigen macht und die auch bei ehemaligen Bundesministern zu verfangen scheint. Allerdings wird eher andersherum ein Schuh daraus: Millionen Sportbegeisterte zahlen gerne ihre Rundfunkgebühr, weil sie samstags eine erstklassige Sportschau bekommen. Millionen Sportbegeisterte subventionieren also de facto mit ihrer Gebühr Kulturprogramme und auch Orchester, die nur für eine vergleichsweise kleine Gruppe interessant sind. Genau das macht die Stärke des solidarisch finanzierten öffentlich-rechtlichen Rundfunks aus, die umgekehrt aber auch die Kulturliebhaber nicht infrage stellen sollten. Ein Ausspielen von Kulturinteressierten gegen Sportbegeisterte und Unterhaltungsfans wäre fatal für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Dies würde uns geradewegs in die Legitimationskrise führen und letztlich der Entsolidarisierung Vorschub leisten. Das wäre gerade für die Armada der Kulturbeflissenen ein Pyrrhussieg.

Ich möchte mich in diesem Sinne auch weiterhin begeistern lassen von packenden Fußballmomenten und von Schostakowitschs Meisterwerken. Zum Beispiel bei einem Konzert der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern. Eines Klangkörpers, der aus dem Rundfunksinfonieorchester Saarbrücken des Saarländischen Rundfunks und dem Rundfunkorchester Kaiserslautern des SWR hervorgegangen ist. Ein fusioniertes Orchester, das in den Feuilletons hochgelobt wird. Es geht also doch.