Der erste, der die »Caffe Bar S.O.S.« betritt, ist Adnan Hadrović. Er wirft den Mantel auf einen Stuhl, außer Atem. Schmal und blass sieht er aus in seinem Nadelstreifenanzug, und er braucht einen Moment, um sich zu sammeln. Sein Blick bleibt an Dingen haften, an denen die Zeit unglaublicherweise keine Spuren hinterlassen hat.

Die Bar in der Ulica Gabelina 25 in Sarajevo ist immer noch eine dunkle Höhle aus Holz. Über der einzigen Sitznische mit lederbezogenen Bänken hängt das Modell eines Segelschiffs, über der Theke sind Rettungsringe festgezurrt – so wie vor 20 Jahren, als sie zuletzt hier saßen und tranken.

Dann sind auch schon Senad Hadžimešić und Mirza Muzurović da, sportliche Männer in schwarzen Jacken. Die Freunde liegen sich in den Armen, als hätten sie sich seit Jahren nicht gesehen. So ist es immer, dabei sehen sie sich ständig. Die drei teilen eine aufregende Geschichte. Sie spielt in Sarajevo während des Bosnienkriegs und handelt vom Untergang einer Welt, von der die Freunde hoffen, dass sie irgendwann wiederaufersteht.

»Ist ja immer noch alles wie früher hier«, brummt Senad, seine Haare sind zu einem Pferdeschwanz gebunden. Adnan fuchtelt aufgeregt mit den Händen. »So viele Partys haben wir hier gefeiert!«

Mirza bestellt Kaffee, er schiebt sich die Ray-Ban-Sonnenbrille in das kurze schwarze Haar. Es ist halb neun Uhr morgens, die Männer sind in Eile, sie müssen gleich zur Arbeit. In Sarajevo ist fast jeder Zweite ohne Job, aber diese drei sind sehr erfolgreich: Adnan hat einen hohen Posten im Außenministerium, er stimmt die politische Linie der Regierung mit der UN-Delegation in New York ab. Senad, der Mann mit dem Pferdeschwanz, ist Tennistrainer und organisiert internationale Turniere, er war es, der Sarajevo auf die Tennis-Weltkarte gebracht hat. Und Mirza, der Mann mit der Ray-Ban, ist Manager des Handballnationalteams.

»Im Juni treten wir in Stuttgart zum WM-Qualifikationsspiel gegen die Deutschen an«, sagt Mirza stolz. »Vor dem Spiel läuft die Nationalhymne. Wir sind die besten Botschafter Bosniens

Mirza ist 40 Jahre alt, wie Senad. Adnan ist 41. Sie gehören zu einer Generation, die beim Ausbruch des Bosnienkrieges 1992 um die 20 war. Sie haben Jahre ihrer Jugend verloren, weil sie ihre Stadt verteidigen mussten. Danach halfen sie, Sarajevo wieder aufzubauen. Sie könnten gebrochene Männer sein, allein wegen der Gräuel, die sie gesehen haben – aber sie sind es nicht. Sie haben die Kraft, diese Stadt voranzubringen, falls das in naher Zukunft überhaupt noch einer schafft.

Adnan erinnert sich, dass er am 5. April 1992, als alles begann, hier in der Bar eine Flasche Whiskey bestellt hat, später noch eine zweite, und ziemlich betrunken gewesen ist. Sarajevo feierte an diesem Tag das Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan. Die S.O.S.-Bar war die populärste Kneipe der Stadt, auch Schauspieler und Popstars kamen hierher. Der Wirt gab gerne Schnaps aus, und nirgendwo sonst konnte man in Sarajevo MTV gucken. Auch Mirza war da, er und Adnan saßen auf den Barhockern links neben dem Eingang – daran erinnern sie sich, wie man sich eben an Kleinigkeiten erinnert, wenn Momente später Bedeutung gewinnen. Nur Senad fehlte, er war auf der Rückreise von Italien .

Sie sind damals eine Clique von zwölf jungen Männern, alle ungefähr gleich alt, alle aus der Nachbarschaft, aufgewachsen in Hochhäusern aus den siebziger Jahren, die noch den Geist des sozialistischen Jugoslawiens atmen. Adnans und Senads Väter sind Ingenieure, Mirzas Vater ist einer der bekanntesten Fußballtrainer des Landes. Adnan und Mirza sind Muslime, wie damals die Hälfte der Bevölkerung Sarajevos. Senads Mutter ist Slowenin. In der Clique sind sechs Muslime, drei Männer mit kroatisch-muslimischen Eltern und drei bosnische Serben. Zu welcher Volksgruppe einer gehört, hat nie jemanden interessiert. Sie spielen gemeinsam Fußball und sind hinter denselben Mädchen her.

»Fahr ich später einen BMW oder einen Golf Cabrio?«, das ist für den 20-jährigen Mirza eine wichtige Frage. Jeder besitzt wenigstens ein Paar Nike-Turnschuhe und Levi’s-Jeans, in Triest gekauft, der jugoslawische Pass ist auch für Reisen in den Westen gut. Nach den Olympischen Spielen 1984 ist Sarajevo für Adnan das »Herz der Welt«, eine Stadt mit ebenso vielen Moscheen wie serbischen Restaurants, in denen man Schweinefleisch essen kann, ein New York des Balkans.

Adnan hat sich bereits an der Uni eingeschrieben, für Maschinenbau, es war sein Glück. Senad und Mirza wollen dasselbe studieren, haben aber den Fehler gemacht, sich vor dem Studium zum Wehrdienst bei der Jugoslawischen Volksarmee zu melden. 1991 ist in Kroatien dann der Krieg ausgebrochen, das Land erklärte seine Unabhängigkeit vom Staatenbund. Senad musste desertieren, damit sie ihn nicht in den Kampf schicken konnten. Dann hat er sich in Italien vor der Militärpolizei versteckt. Mirza entkam dem Wehrdienst, indem er einen Psychiater davon überzeugte, krank zu sein.