Murdo Ross, zwanzig Jahre alt, sitzt am Laptop und kleistert Facebook mit nationalistischer Propaganda zu. Jeden Tag, von früh bis spät. Er beschwört seine Freunde, nichts zu glauben, was die Medien verbreiten, das sei erstunken und erlogen. Die haben ihm zufolge eine Geheimabsprache mit allen britischen Parteien getroffen, Schottland für immer unter der Knute Englands zu halten. Neben seinem Profilfoto hat er auf seine Facebook-Seite ein Parteiabzeichen der Scottish National Party (SNP) mit den Worten »Ich sage Ja« gesetzt.

Mit Ja will er in einem Plebiszit stimmen, welches nach dem Willen des Ministerpräsidenten der Landesregierung und Führers der schottischen Nationalisten Alex Salmond im August 2014 über die Bühne gehen soll. Es geht um die Abspaltung Schottlands vom Königreich .

Murdo Ross wohnt ganz in unserer Nähe auf einer entlegenen Halbinsel im hohen Norden Schottlands. Die Halbinsel ist seit über drei Jahrzehnten mein Zuhause. Die Abgeschiedenheit schirmt uns nicht vom Treiben im Rest des Landes ab. In ihm herrscht fiebrige Aufbruchsstimmung. Den Eindruck zumindest wollen die Nationalisten der Welt draußen vermitteln: Ein tapferes, seit Jahrhunderten unterdrücktes Volk schüttelt endlich das englische Joch ab .

Tatsächlich gerät die drei Jahrhunderte alte Union Schottlands mit England und Wales in einen politischen Strudel, in dem die britische Regierung zusehends die Kontrolle verliert. Wird es ernst mit dem schottischen Aufbegehren, das bislang eher eine burleske Nebenvorstellung am Rande Europas war?

Die Scottish National Party wurde 1934 als Nachzügler unter den nordwesteuropäischen Nationalbewegungen gegründet. Die Schotten bilden zwar nur ein Zehntel der britischen Bevölkerung, aber spielen bis heute eine unverhältnismäßig große Rolle. New Labours Führungsriege bestand fast ausschließlich aus Schotten. David Cameron trägt den Namen eines schottischen Hochlandclans. Doch sie alle verstehen sich als Briten.

Die alte Nationalistengarde setzte sich aus Leuten wie Iain MacDonald zusammen. Tweedjacke, Pfeife im Mund, ein Glas Malzwhisky in der Hand. Der pensionierte Edinburgher Rechtsanwalt war in den achtziger Jahren einer unserer Nachbarn. Er hatte viel für Deutsche übrig. Er schwärmte von einer Radtour, die er in den dreißiger Jahren durch unser Land unternommen hatte. Er war kein Nazi. Aber ihm gefiel vieles, was er dort sah. Der Sinn für Volksgemeinschaft, die staatliche Zügelung des Kapitalismus, die Besinnung auf die Wurzeln der Nation.

Im nördlichen Hochland lebte in seiner Vorstellung die Seele der schottischen Nation fort. In der Gàidhealtachd, der Urheimat der Gälen. Nicht, dass MacDonald des Gälischen mächtig war. Das ist kaum jemand in der SNP. Doch es gehört zum guten Ton, sich ein paar Brocken der alten Keltensprache zuzuwerfen. Und so zu tun, als ob die ihnen von den Engländern entrissen worden sei. In Wirklichkeit hörten die Einheimischen einfach auf, sie zu benutzen. Mein Schwiegervater sprach sie noch. Seinen Kindern brachte er bloß noch ein paar gälische Verse bei.