Die Ständegesellschaft gehört der Vergangenheit an. Mit einer gewissen Verzögerung – gut hundert Jahre dürften es sein – hat sich diese Erkenntnis auch in der Bildungspolitik herumgesprochen. Nur in Bayern lässt sich das dreigliedrige Schulsystem noch verteidigen, ohne generelles Naserümpfen zu provozieren. Im Rest der Republik müffelt die Vorstellung, man verteile Schüler idealerweise nach der vierten Klasse auf Hauptschule, Realschule oder Gymnasium.

In der bildungswissenschaftlichen Forschung gilt als weitgehend ausgemacht, dass die frühe Selektion in Deutschland sozial ungerecht und damit leistungsfeindlich ist. Ob es jemand auf die höhere Schule schafft, hängt danach zu einem großen Teil von seinem Elternhaus und der Einstellung seiner Lehrer ab. Auf einen Punkt gebracht, lautet die Kritik: Niemand kann voraussagen, ob ein Zehnjähriger die Eignung zum Anwalt oder zum Anstreicher besitzt.

Bei aller Überzeugungskraft weist diese Argumentation jedoch eine Schwäche auf. Ein Großteil der Studien stützt sich auf die Pisa-Erhebungen. Die wiederum setzen ihren Messpunkt bei den Fünfzehnjährigen – und ignorieren, was danach passiert. Genau diesen blinden Fleck der Systemkritik erhellt nun eine Untersuchung des Ökonomen Christian Dustmann. (Die komplette Studie finden Sie hier )

Der am Londoner University College lehrende Wissenschaftler behauptet: Ob ein Kind mit ähnlichen Begabungen nach der Grundschule auf ein Gymnasium oder eine Realschule wechselt, ist unerheblich – und zwar sowohl für seinen Bildungsabschluss wie auch für sein späteres Einkommen. Weil das deutsche Schulsystem vielfältige Möglichkeiten kennt, die eingeschlagene Schullaufbahn später zu korrigieren, setzt sich Begabung am Ende in der Regel durch. Dasselbe gelte für die Wahl zwischen Real- und Hauptschule. Andere Nationen wie Frankreich , England oder Spanien würden Deutschland sogar, sagt Dustmann, "um diese Flexibilität beneiden".

Bei Dustmann wird das dreigliedrige Schulsystem also plötzlich vom Ladenhüter zum Exportschlager. Das ist so forsch, wie man es von Wirtschaftswissenschaftlern kennt. Mit ihren komplizierten mathematischen Modellen erklären sie uns neuerdings alles, unsere Gefühle und Entscheidungen eingeschlossen. Dennoch sollte man Dustmanns Studie nicht von vornherein etwa wegen Ideologieverdachts beiseitewischen.

Sechs Jahre haben er und seine Kollegen an der Studie gearbeitet, ihr Datensatz ist eindrucksvoll. Zudem haben gerade Ökonomen mit ihren Methoden die Bildungsdebatte bereichert. So stammt die wichtigste Studie zur frühkindlichen Bildung von dem Ökonomie-Nobelpreisträger James Heckman, der überzeugend belegt hat, wie sehr sich eine gute Kita-Erziehung langfristig auszahlt.

Auch Dustmann verwendet einen originellen Zugang. Er vergleicht den Bildungsverlauf von Schülern, die fast gleich alt sind, aber – wegen der lange Zeit herrschenden Stichtagsregelung – in unterschiedlichem Alter eingeschult wurden. Sogenannte Juni-Kinder begannen die Schule mit sechs Jahren, während Juli-Kinder sieben sind, wenn sie in die Schule kommen. Die größere Reife hat Folgen, wie mehrere vorhergehende ökometrische Untersuchungen zeigen: Ältere Kinder – betrachtet man den Durchschnitt, nicht den Einzelfall! – schaffen eher den Sprung aufs Gymnasium als jüngere.