SumatraDer Pfad des Silberlöwen
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Mittlerweile werden Giftpfeil-Workshops angeboten

Batang Palupuh liegt beschaulich zwischen Reisfeldern und Dschungel. Außer dem Zirpen der Zikaden hört man keinen Laut. Auf Strohmatten am Weg trocknen Kakaobohnen, Zimtrinden, Chilis. Man würde nicht glauben, dass Kaffee von hier es bis in verschlossene Vitrinen westlicher Feinkostläden schafft. Der Werksverkauf ist ein plüschiges Wohnzimmer am Ortsrand. Umul Khairi, die junge Chefin, bittet herein und brüht eine Tasse auf.

»Kennst du das Geheimnis von Kopi Luwak?« Mancher würde sich nachher wünschen, sie hätte es gehütet. Es lautet so: Im Wald um Batang Palupuh ist die Wilde Schleichkatze heimisch. Sie frisst für ihr Leben gern reife Kaffeefrüchte, verdaut aber nur die Schale. Umul Khairi nimmt einen sandfarbenen Klumpen und hält ihn an die Nase: »Schleichkatzenköttel, ganz geruchlos!« Im Darm der Katze fermentieren die Bohnen; dabei bauen sich Koffein und Bitterstoffe ab. Toller Kaffee, das muss man sagen, schmeckt ein bisschen nach Zimtschokolade. Noch eindrucksvoller allerdings ist Khairis Vortrag, der manchen Fernsehprediger blass aussehen ließe. Gerade beschwört sie die Heilkraft ihres Kopi Luwak: »Wenn du unser Essen nicht verträgst, er hilft dir. Wenn du Probleme im Kopf hast«, ihr Finger kreiselt um die Schläfe, »er hilft dir.« Sie steckt ihren Arm aus: »Fühl meine Haut, wie weich die ist. Ich reibe sie jeden Morgen mit Kaffeesatz ein.« Eine neue Kundin kommt. Khairi holt Luft. »Kennst du das Geheimnis von Kopi Luwak?«

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Warum eigentlich Sumatra? Darauf wissen Karl Mays Biografen keine Antwort. Die Insel ist ja selbst jetzt noch ein weißer Fleck für Reisende aus Europa . Die Ortskenner von IndoKarlMay haben eine Theorie: An der Schwelle zum 20. Jahrhundert begann die Missionierung der Naturvölker Sumatras, vorn dabei waren die Deutschen. Die ersten Missionare wurden ermordet, angeblich auch gegessen; aber es kamen immer neue, und irgendwann hatten sie Erfolg. Davon könnte Karl May gelesen haben und neugierig geworden sein. Bei aller Frömmelei hatte er ein Herz für renitente »Wilde«; man kann sich denken, warum.

Stammesmitglieder bieten Giftpfeil-Workshops an

Wir fahren zurück nach Padang. San setzt mich am Hafen ab. Hier gehen alle paar Nächte Fähren auf die Mentawai-Inseln. Die Inselgruppe, gute 100 Kilometer im Meer, ist für Festland-Sumatraer so exotisch wie Sumatra für uns. Hier gibt es tief im Urwald noch Stämme mit Ganzkörpertätowierung und Tierschädeln über der Haustür. Als Konzession an den Tourismus bieten sie mittlerweile Giftpfeil-Workshops an. Auf einer der kleineren Inseln leben 30 Mitarbeiter einer deutschen Mission. Sie sind zwar Indonesier und nennen sich nicht mehr Missionare. Ich möchte sie trotzdem besuchen.

Safety First steht auf dem Schiff, das ist anscheinend sein Name. Offiziell zu buchen sind zwei Klassen: Economy und Business. Beide wirken fast so unbequem wie das Frachtdeck, wo ebenfalls Passagiere sitzen. Sie bewachen ihre frei laufenden Hühner. Der Mann für das Upgrade lehnt beiläufig am Schalter. »Kabine?«, raunt er und nennt eine Summe – zehnmal so viel wie das Economy-Ticket. »Nicht hier. Bezahl mich, wo es ruhiger ist. Die Sache ist nämlich...« Ich weiß schon: illegal, aber erlaubt. Quittung? »Na klar, kein Problem.«

Ich steige über Stahltreppen zum Oberdeck und nehme von einem Offizier den Kabinenschlüssel entgegen. Owner steht über der Tür. Drinnen ist es sehr gemütlich. Etagenbett, Klimaanlage, sogar ein Fernseher. Auf der Suche nach Stauraum finde ich ein paar Dinge über den Eigner heraus. Er kämmt sich mit einem rosa Kamm und trägt Basketballschuhe mit dicken Socken; sie stecken noch drin. Draußen zieht ein Gewitter auf. Blitze leuchten die schwarzen Wolken dramatisch vorm Nachthimmel an. Das Schiff pflügt durch die raue See. Nein, tut es nicht. Es brummt unbeeindruckt. Aber so etwas fällt einem eben ein, wenn man in seiner Koje liegt mit Büchern von Karl May. Ich lese Und Friede auf Erden! , einen merkwürdigen Roman, den er nach seiner Rückkehr verfasst hat. Es geht um einen Missionar, der auf Sumatra wahnsinnig wird und erst während der Heimreise wieder zur Besinnung kommt. May wandte sich in seinen letzten Jahren selber dem Glauben zu. Er wollte seine Leser läutern, was aber gründlich missriet. An den Erfolg seiner Abenteuergeschichten kam das Spätwerk nie heran.

Im Morgengrauen legt die Safety First vor Siberut, der Mentawai-Hauptinsel, an. Das Hafenamt erweist sich als verlassene Baracke. Drei Inseln weiter erwartet mich ein alter Bischof mit einer deutschen Frau. Aber die Wegbeschreibung liest sich wirr, und niemand hier kann mir helfen. »Wenn du Pech hast, sitzt du eine Woche fest«, hat San mich gewarnt. Safety First, beschließe ich feige. Heute Abend fährt sie zurück.

Leserkommentare
  1. ...heisst eigentlich einfach nur Pirat. :)

  2. Unfassbar, dass im 21. Jahrhundert in einer angesehenen Wochenzeitung immer noch der Begriff 'Naturvölker' verwendet werden kann.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Erst letzte Woche ist wieder jemand an der eigenen PC erstickt.
    Mr kann et all övverdrieve.

  3. Erst letzte Woche ist wieder jemand an der eigenen PC erstickt.
    Mr kann et all övverdrieve.

    Antwort auf "Begrifflichkeiten"
    • Sanur
    • 05. April 2012 7:25 Uhr

    einfach mal reingehen. es lohnt sich. vermutlich sind die Fenster geputzt...

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