Eine Methode heiße »Teppichrolle«. »Der Gefangene wird in einen Teppich gewickelt, sodass er sich nicht mehr bewegen kann«, erklärt Mustafa. »Platzangst kriegt er sowieso. Dann schlägt man ihm auf den Kopf und die Füße, quält ihn mit Elektroschocks.« Eine andere Methode sei der »fliegende Teppich«. Der Gefangene werde bäuchlings auf zwei mit Scharnieren verbundene Holzplatten gefesselt. Dann würden die Platten angehoben, bis das Rückgrat krache.

Mustafas Schilderungen werden von Human- Rights-Watch-Mitarbeitern bestätigt, die in Antakya Flüchtlinge nach ihren Erlebnissen befragen. Die Foltermethoden seien einfallsreich, oft komme es zu willkürlichen Hinrichtungen, man erschieße Fliehende von hinten. Die Assad-Armee arbeite mit menschlichen Schutzschilden, wenn sie in Dörfer einmarschiere. Ein Human-Rights-Watch-Mitarbeiter, der Auskunft gibt, arbeitete zuvor im Kaukasus und in Zentralasien. Die Verbrechen der Regimetruppen schockieren auch den erfahrenen Mann: »Das hier ist eine Klasse für sich«, sagt er.

Auch Soldaten, die unter Assad gedient haben, bestätigen die Methoden des Regimes. Khaled Scheich, ein 24-jähriger Leutnant der Rebellenarmee, steht vor einem Krankenhaus in Antakya. Stolz zeigt der kleine, kräftige Mann eine verheilte Wunde, ein Durchschuss unterhalb des Herzens. Gerade hat er mit ein paar anderen Soldaten neue Verwundete gebracht. Mustafas Schulfreund Adel jedoch ist nicht unter den Verletzten, er muss in einem anderen Krankenhaus liegen. Khaled Scheich hat bis zum vergangenen Oktober in Assads Armee gedient. Er schildert, was die Streitkräfte und die Schabiha, die Assad-treuen Banditenmilizen, in den eroberten Dörfern anrichten: »Sie vergewaltigen Frauen, sie erschießen Männer, sie plündern die Häuser.« Sie wüssten genau, sagt er, welche Häuser den Familien von Demonstranten oder Rebellensoldaten gehören. »Die brennen sie dann nieder.« Und dabei hätten sie Helfer.

Flüchtlinge aus Syrien überqueren die Grenze zur Türkei. © Bulent Kilic/AFP/Getty Images

Gleich zu Beginn des Aufstandes vor einem Jahr seien massenhaft Berater und Kämpfer aus dem Iran ins Land gekommen, erzählt Leutnant Scheich. Als junger Offizier der Assad-Armee saß Khaled Scheich in Kursen, in denen ein Iraner mithilfe eines Übersetzer den Syrern erklärte, wie man mit Demonstranten fertig werde. Waffen liefere nicht nur Russland, sondern auch Iran. Die Minen an der türkischen Grenze kämen von dort. Iranische Kämpfer, meist aus der Bevölkerung rekrutierte Bassidschi-Milizen, unterstützten die Assad-Truppen bei den Kämpfen um Homs und Dschanadijeh. Sie plünderten auch. Als FSA-Offizier habe er eine Operation befehligt, bei der zwanzig Iraner eingekesselt worden seien, erzählt Scheich. »Zwölf starben im Kampf, acht haben wir den Türken übergeben.«

Solche Berichte verändern den Blick auf eine mögliche internationale Intervention. Während der Westen über die Legitimität eines humanitären Eingreifens nachdenkt, reden Russen und Iraner von Souveränität und Nichteinmischung, obwohl sie längst Kriegspartei in Syrien sind – die einen mit großzügigen Rüstungsexporten und einer Marinebasis, die anderen mit Waffen und Milizen.

Auch die Oppositionstruppen foltern Gefangene, sagen Menschenrechtler

Nach sechs Monaten in Assads Diensten war Mustafa klar, dass die sogenannte »syrische Armee« gegen Syrien kämpft. »Im Urlaub nahm ich Kontakt mit Aktivisten der Opposition auf«, erzählt er. Er plante seinen Abgang sorgfältig. Nahm Patronengürtel, Handgranaten, Magazinmunition und sein Gewehr mit. Und stieß in Idlib in der Nähe seines Heimatdorfes Dschanadijeh zur Freien Syrischen Armee. Er verteidigte erst die Regionalhauptstadt Idlib gegen Assads Armee. Doch gegen deren russische und iranische Waffen kamen die Rebellen nicht an. Dann begann der Angriff auf Dschanadijeh, die FSA grub sich im Dorf ein. Mustafa kämpfte als Heckenschütze, während sein Freund Adel bei den Wachsoldaten eingeteilt war. Mustafa berichtet stolz, dass die FSA zwei russische T-72-Panzer lahmgelegt habe. Auch Soldaten der Regimetruppen hätten sie gefangen nehmen können. »Mein Trauma war, dass wir sie wieder freilassen mussten, weil wir keine Gefangenenlager hatten«, sagt er.

War das wirklich so – wurden sie wieder freigelassen? Human Rights Watch hat im März Angehörige der Oppositionstruppen beschuldigt, ebenfalls Gefangene zu schlagen, mit Stromstößen zu foltern und auch zu erschießen. Im Visier der Opposition seien vor allem Kämpfer der Schabiha-Miliz in Assads Diensten. Bewaffnete Oppositionsgruppen sollen auch in Häuser eingedrungen sein und Bewohner gekidnappt haben. Ziel seien vor allem Alawiten, Angehörige jener Konfession, zu der auch die Assad-Dynastie gehört.