Immer wieder träume ich etwas, bevor es geschieht. Ich erinnere mich, dass ich Ende der Achtziger von einem Pianisten geträumt habe. Ein älterer Mann, ich wusste, er war sehr berühmt und erfolgreich, kannte aber in diesem Traum seinen Namen nicht. Er hat auf einer Bühne Klavier gespielt, ich habe dazu gesungen. Am Ende sagte er, ich solle doch ein Album mit Neuinterpretationen von Klassikern aufnehmen. Ein Traum, den ich vergessen hatte bis er mehr als zwei Jahrzehnte später mit dem Album Memphis Blues wahr wurde. Vielleicht haben solche Wahrträume mit meinen italienischen Wurzeln zu tun, meine Großmutter galt als medial veranlagt. Sie hatte sehr wilde Träume, manchmal hat sie im Schlaf laut gesungen. Kein Wunder, dass ich Sängerin geworden bin.

Auch ich sehe oft Bilder vor mir, wenn ich singe, ich stelle mir die Musik zum Beispiel als eine dreidimensionale Sphäre in leuchtenden Farben vor. Ich bin ein sehr visueller Mensch. Als Teenager habe ich davon geträumt, Malerin oder Bildhauerin zu werden. Schon immer habe ich eine große Schönheit in der Welt gesehen, die ich festhalten wollte. Aber mir war schnell klar, dass es ewig gedauert hätte, die Malerin oder Bildhauerin zu werden, die ich gern sein wollte. Das Talent war mir nicht im ausreichenden Maße gegeben. Ich habe mich schon damals in sehr intensiven Träumen singen und Gitarre spielen gesehen, mir sind berühmte Musiker im Traum erschienen und haben mir gesagt, die Malerei sei ein Irrweg. Also habe ich gesungen.

Als Kind hatte ich keine Ahnung, was ich mir vom Leben erträumen sollte. Ich bin von einigen Schulen geflogen, fühlte mich als Versagerin. Ich hatte große Lernschwierigkeiten und war die Außenseiterin in den komischen Klamotten. Damals bestand das Leben für mich nur aus Widrigkeiten und Kämpfen, die ich nur verlieren konnte. Nichts zu erhoffen oder zu erträumen erschien mir als der einfachste Weg. Ich habe viel Zeit in der Natur verbracht und mich gefragt, was das Leben wohl für mich bereithält. Die Malerei und die Musik waren Versuche, eine Antwort auf diese Frage zu finden.

In gewisser Weise hab ich in meinem Leben, in meiner Karriere, auch die Träume und Sehnsüchte meiner Mutter und Großmutter erfüllt. Meine Mutter hat immer von einer Karriere als Sängerin geträumt, musste aber jeden Tag zwölf Stunden als Kellnerin schuften. Sie musste uns allein durchbringen, mein Vater hatte die Familie verlassen, als ich klein war. Ihr und meiner Großmutter wurde es sehr schwer gemacht, etwas zu erreichen im Leben. Das hat mich allerdings sehr motiviert.

Der Traum davon, dass jede Frau das Recht auf ein gutes, erfülltes Leben in Freiheit hat, ist schon immer sehr wichtig für mich gewesen. Dafür habe ich mich mit meiner Musik eingesetzt, dafür kämpfe ich als Aktivistin. Es ist wichtig, daran zu glauben, dass jeder Mensch ein lebenswertes Leben verdient. Für dieses Ziel muss man den Mund aufmachen, man darf nicht darauf warten, dass es jemand anders tut.

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