ZeitdruckTempo bringt uns nicht voran

Und wieder sind die Uhren vorgestellt. Erwin Heller aus München vom Verein zur Verzögerung der Zeit findet das grotesk. Ein Gespräch über den Weg zur Muße von Robert Domes

DIE ZEIT: Am 25. März hat man uns eine Stunde weggenommen zugunsten der Sommerzeit. Ist das im Sinne des Vereins zur Verzögerung der Zeit?

Erwin Heller: Ich halte das für grotesken Unsinn. Man sollte mal kalkulieren, was diese Umstellungen kosten; wahrscheinlich ließe sich Griechenland damit sanieren. Vielleicht sollte man eine Aktion »Zeit für Griechenland« starten.

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ZEIT: Sie machen immer wieder solche Aktionen. Wie muss man sich die vorstellen?

Heller: Wir hatten letzten September ein Symposium auf der Insel Frauenchiemsee. Ein kleines zauberhaftes Inselchen, das an schönen Tagen von Tausenden Leuten überrollt wird. Da ist die Hölle los. Wir haben an einer Wegkreuzung eine Stellwand aufgebaut. Darauf stand: »UNESCO – 13. Jahrestag des Fotofastens«. Den Leuten haben wir gesagt, dieser Gedenktag diene dazu, dass die Menschen Natur wieder direkt erleben und keine Hilfsmittel dazwischenschalten. Die Aufforderung sei, an diesem Tag pro Apparat nur ein Foto zu machen.

ZEIT: Wie war die Reaktion?

Heller: Viele Leute haben sofort zugestimmt, dass es eine Unsitte sei, nur noch mit einer Linse vor dem Auge durch die Welt zu rennen. Es ist ein Grapschen nach Momenten. Darin ähneln sich alle unsere Aktionen: Die Botschaft geht nicht über den Kopf, sondern nur über das Absurde.

ZEIT: Schon der Name Ihres Vereins klingt ziemlich schräg.

Heller: Das bringt Diskussionen in Gang. Die Leute sagen, die Zeit kann man gar nicht verlangsamen. Ich frage zurück: Aber die Zeit beschleunigen, das geht schon? Das führt meistens zu nachdenklichen Gesichtern.

ZEIT: Ihnen geht es um die »Qualität« von Zeit. Was verstehen Sie darunter?

Heller: Es gab aus der Erfahrung der Beschleunigung vieler Prozesse eine Tendenz, alles langsamer zu machen. Aber ich bin persönlich kein langsamer Mensch. Ich hatte immer ein Problem mit Langsamkeit als Wert. Sie ist genauso wenig ein Wert an sich wie Schnelligkeit. Es geht um Inhalte, nicht um Tempo.

ZEIT: Könnten Sie ein Beispiel geben?

Heller: Die Qualität des Lebens vieler Menschen wird von der Arbeit bestimmt. Die Frage ist: Ist das eine Arbeit, die dir wirklich Spaß macht, wo du dich gerne reinhängst, wo du die Möglichkeit hast, dich als Mensch zu entwickeln, dich in die Firma einzubringen?

ZEIT: Hört sich gut an. Aber wer kann sein Arbeitsleben wirklich mitgestalten? Bei wichtigen Entscheidungen in den Betrieben werden die Leute doch gar nicht gefragt.

Heller: Was wir in der Wirtschaft erleben, ist eine Wendung von innen nach außen. Man fragt nicht mehr: Wie geht es uns?, sondern schaut nur darauf, wie beschönige oder fälsche ich meinen Quartalsbericht. Die Umstellung von Strukturen findet heute immer noch in einer unsäglichen Weise statt. Umstrukturierung braucht Zeit. Die gibt es aber in so gut wie keiner Firma. Kaum heißt es, da wird nicht rentabel gearbeitet, bricht überall die Panik aus. Da geht es zu wie auf der Titanic an den Rettungsbooten. Das Problem ist, dass keiner mehr Fehler machen will. Wir müssen uns dringend von der Illusion der Perfektheit verabschieden. Es geht nicht fehlerfrei. Wenn wir uns das eingestehen, geht schon eine Menge Druck weg.

Leserkommentare
  1. Die Sommerzeit bewirkt für mich gerade das Gegenteil von Zeitdruck und Hetze.
    Der Tag hat 24 Stunden. Davon schlafe ich 6 bis 8 Stunden. Unsere Gesellschaft ist viel träger als viele denken. Es ist quasi unmöglich den Beginn des Tages (Arbeit, Schule, Ladenöffnung) an den sich ändernden Sonnenaufgang anzupassen. Im Winter fällt Aufstehen und Weg zur Arbeit etwa mit dem Sonnenaufgang zusammen, im Sommer verschläft man einige Stunden Tageslicht und hat dafür Freizeit wenn es schon wieder Dunkel wird.

    Durch die Sommerzeit verschiebt man deshalb einfach den Sonnenaufgang um eine Stunde. Man hat damit eine Stunde mehr Schlaf wenn es dunkel ist und ist eine Stunde länger wach während es hell ist. Diese Zeit kann man gerade im Sommer besonders gut für Aktivitäten im Freien nutzen. Ich fahre z.B. gerne Rad und da ist eine Stunden nach der Arbeit geradezu Gold wert.

    Im Winter ist es genau anders. Man könnte ja sonst überall um 7 anfangen zu arbeiten. Dann wäre es aber beim Aufstehen mehrere Monate im Jahr stockdunkel und der Weg zu Arbeit und Schule müsste mehrere Wochen zusätzlich im dunklen erfolgen (gefährlich und schlecht für Radfahrer).

    Die Sommerzeit ist also die einfachste Methode um das Leben etwas mehr weg vom sklavischen Festhalten an Uhrzeiten und hin zum natürlichen Zyklus von Sonnen Auf- und Untergang anzupassen.

    Auf Englisch heißt die Sommerzeit daylight saving. Frei übersetzt bedeutet das Tageslicht-Ausnutzung. Meiner Ansicht nach passt das besser als Sommerzeit.

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    <em>"...Die Sommerzeit bewirkt für mich gerade das Gegenteil von Zeitdruck und Hetze..."</em>

    Bei mir bewirkt die Sommerzeit,dass ich schlafen muss wenn ich nicht kann und aufstehen muss wenn ich noch nicht ausgeschlafen bin.
    Also: Zeitdruck und Hetze!
    An der Uhr herumdrehen bedeutet ihrer Meinung nach:

    <em>"...Die Sommerzeit ist also die einfachste Methode um das Leben etwas mehr weg vom sklavischen Festhalten an Uhrzeiten und hin zum natürlichen Zyklus von Sonnen Auf- und Untergang anzupassen..."</em>

    Also das Ignorieren biochemischer Prozesse belegt unsere geistige Überlegenheit,oder wie darf ich das verstehen?Und welcher natürliche Zyklus?

    Das drehen an den Uhren macht krank.
    Das ist in vielen Studien belegt und wird auch immer wieder von diversen Instituten ins Gespräch gebracht.
    Nur interessiert es niemanden.
    Warum sich offenbar niemand für den Volkswirtschaftlichen Schaden interessiert,den die Zeitumstellung produziert (Herzinfarkte u.a.) ist mir angesichts der Tatsache,dass sich heutzutage doch alles ums Geld dreht allerdings schleierhaft.

    Die müssen plötzlich ins Bett, obwohl es noch taghell ist und kommen morgens nicht aus den Federn, weil es noch nicht hell genug ist...

    Für meine Frau und mich heißt das, daß monatelang eingeschliffene Abläufe nicht mehr funktionieren und wir täglichmehr Stress haben und am Abend eine Stunde Freizeit verlieren, weil sich die Kinder eben nicht umstellen lassen, wie eine Uhr.

    Mir ist eigentlich egal, welche Zeit wir haben, Hauptsache sie wird nicht zweimal im Jahr umgestellt!

    Ich sehe keinerlei Nutzen in dieser sinnlosen Umstellung der Uhr.

    Das einzige, was <em>ich</em> davon habe ist, dass ich von einem Tag auf den anderen eine Stunde früher aufstehen muss, verschärft durch den Umstand, dass es plötzlich morgens wieder stockdunkel ist, nachdem es in den Wochen davor allmählich morgens wieder hell wurde.

    Ich bin extrem empfindlich, was Jet-Lags anbelangt und kann Ihnen versichern, dass ich an diesem ohne jede nachvollziehbare Begründung künstlich erzeugten Jet-Lag im Regelfall zwei Wochen zu knapsen habe.

    Wenn man jetzt noch in Betracht zieht, dass dieser Unfug wegen der Probleme mit Fahr- und Flugplänen zu enormen Kosten führt und der eigentliche Zweck, nämlich die Einsparung von Strom längst <a href="http://www.heise.de/newsticker/meldung/Untersuchung-belegt-vermehrten-En... ist, denn es wird in Wirklichkeit mehr Strom verbraucht</a>, dann bleibt als nützlicher Effekt der Sommerzeit nur noch übrig, dass sie als Beispiel dafür taugt, die Vermutung, einmal gefällte Beschlüsse würden auch dann nicht mehr revidiert, wenn sie sich als sinnlos erwiesen haben, zu untermauern.

    Ich kann keinerlei Nutzen dieser Regelung erkennen. Sie ist ein starkes Indiz dafür, dass Leute in Entscheidungspositionen sitzen, die nicht mehr in Zusammenhängen denken können. Oder nur noch in nicht mehr nachvollziehbaren Zusammenhängen.

    • bugme
    • 31. März 2012 21:33 Uhr

    Durch die Sommerzeit wird mehr Tageslicht, das sonst ungenutzt wäre (am Morgen) verschoben, um es nutzbar zu machen (am Abend).

    Die Sommerzeit ist also sinnvoll für jeden, der gerne draußen seine Freizeit verbringt.

    Schön wäre es allerdings, wenn die Umstellung etwas "fließender" erfolgte, also z.B. statt alle 6 Monate 1 Stunde lieber alle 2 Monate 20 Minuten.

    (Am allerbesten wären natürlich jeden Tag ein paar Sekunden Zeitumstellung, dann würde keiner was davon merken; aber das ginge wohl nicht mit den analogen Uhren, die noch im Umlauf sind, da man diese dann alle paar Tage neu einstellen müsste.)

    • IQ130
    • 31. März 2012 15:22 Uhr

    Genau so ist es. Druck, Druck, schneller essen, schneller arbeiten, schneller sterben.

    Eltern (!) fragen die Klassenleiterinnen ihres Nachwuchses bereits in der 3. Klasse, ob der Filius/das Töchterlein den Übertritt ans Gym8 schafft.

    Natürlich bemerken es die Kinder, die ein sehr gut ausgeprägtes Gespür für diese Stressmechanismen haben. Leider können sie sich kaum wehren, höchstens durch Verweigerung, Nervosität oder Aufmüpfigkeit.

    Dann kommt der nächste Schritt: Ritalin!

    Am G8, an der FH oder Uni und erst recht am Arbeitsplatz geht der ganze Krampf weiter.

    Man kann es drehen wie man will: Eltern sind immer die Vorbilder! Dieses Bild haben die Kinder jahrelang im Kopf.

    Beispiel: unsere Nachbarin bringt ihren Enkeln (2. und 1. Klasse) systematisch asoziales Verhalten bei. Andere Kinder schlagen ist gut. Rumschreien, Fluchen, Zerstören fremden Eigentums ebenso.

    Mathe, Deutsch und Lernen ist schlecht. Lehrer sind doof und faul.
    Originalzitat: "Lieber Assi als Lehrer".

    Sorry, ich bin ein wenig abgedriftet...

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    • DDave
    • 31. März 2012 15:45 Uhr

    Ja, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu... Nicht umsonst ist der Absatz von Ritalin einem Jahrzehnt um das 8-fache gestiegen.
    Aber systematisch asozial ist auch nicht sinnvoll...
    Schlagen, ja gerne, aber der Rahmen muss passen, d.h. wann und warum sich schlagen?
    "Lieber Assi als Lehrer" Nein, definitiv nicht Lehrersein ist ein verdammt harter Job und mit denen muss man auch Mitleid haben, genauso wie mit prügelnden Polizisten auf Demos, welche ja auch in Extremsituationen sind...
    Man muss für sich einen Weg finden sich vom Mainstream abzugrenzen, ohne die Gesellschaft zu schädigen...

    • DDave
    • 31. März 2012 15:45 Uhr

    Ja, da stimme ich Ihnen voll und ganz zu... Nicht umsonst ist der Absatz von Ritalin einem Jahrzehnt um das 8-fache gestiegen.
    Aber systematisch asozial ist auch nicht sinnvoll...
    Schlagen, ja gerne, aber der Rahmen muss passen, d.h. wann und warum sich schlagen?
    "Lieber Assi als Lehrer" Nein, definitiv nicht Lehrersein ist ein verdammt harter Job und mit denen muss man auch Mitleid haben, genauso wie mit prügelnden Polizisten auf Demos, welche ja auch in Extremsituationen sind...
    Man muss für sich einen Weg finden sich vom Mainstream abzugrenzen, ohne die Gesellschaft zu schädigen...

    • Nibbla
    • 31. März 2012 16:38 Uhr

    gerne..

    Aber doch nicht auf Kosten der Sommerzeit.
    Ich persönlich bin ja für eine Abschaffung der Winterzeit. Jeden Herbst denk ich mir: "Hey es wird immer früher dunkel, lasst uns die Uhr zurückstellen, damit es noch früher dunkel wird."
    Da wären Studien zu interessant, wieviel die Stunde Licht in der Frühe der Allgemeinheit bringt. Wenn ich Wahl hab/hätte, würde ich so oder so niemals vor 8 aufstehen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Wann es dunkel wird, hängt nicht nur mit Winter- und Sommerzeit zusammen, sondern auch damit, wo Sie wohnen: In Ostpolen geht die Sonne viel früher auf und unter als am Bodenseee. Da aber beide Regionen in deer gleichen Zeitzone (MEZ) liegen...

    Uhrzeit ist ein künstlich Ding. Natürlich sind Sonnenauf- und Untergang. Man kann sich aber schlecht "zwei Stunden vor Sonnenuntergang" als Zeitangabe für Züge von Ost nach West vorstellen - zumal diese Zeitangabe von Tag zu Tag etrwas variiert...

    Sommer- und Winterzeitumstellung sind häßlich. Es geht dabei aber auch um etwas Sonnengerechtigjkeit innerhalb der großen Zeitzonen...

  2. <em>"...Die Sommerzeit bewirkt für mich gerade das Gegenteil von Zeitdruck und Hetze..."</em>

    Bei mir bewirkt die Sommerzeit,dass ich schlafen muss wenn ich nicht kann und aufstehen muss wenn ich noch nicht ausgeschlafen bin.
    Also: Zeitdruck und Hetze!
    An der Uhr herumdrehen bedeutet ihrer Meinung nach:

    <em>"...Die Sommerzeit ist also die einfachste Methode um das Leben etwas mehr weg vom sklavischen Festhalten an Uhrzeiten und hin zum natürlichen Zyklus von Sonnen Auf- und Untergang anzupassen..."</em>

    Also das Ignorieren biochemischer Prozesse belegt unsere geistige Überlegenheit,oder wie darf ich das verstehen?Und welcher natürliche Zyklus?

    Das drehen an den Uhren macht krank.
    Das ist in vielen Studien belegt und wird auch immer wieder von diversen Instituten ins Gespräch gebracht.
    Nur interessiert es niemanden.
    Warum sich offenbar niemand für den Volkswirtschaftlichen Schaden interessiert,den die Zeitumstellung produziert (Herzinfarkte u.a.) ist mir angesichts der Tatsache,dass sich heutzutage doch alles ums Geld dreht allerdings schleierhaft.

  3. <em>Vor allem das innere Sich-unabhängig-Machen von anderen.</em>

    Diesen Satz von Ihnen halte ich für fatal, denn er suggeriert eine Unabhängigkeit, die es weder gibt, noch dass sie in der Form erstrebenswert wäre! Ihre etwas dahingesagte Behauptung basiert auf ein marktorientiertes (Konkurrenz-) Denken, mit der Sie alles aber keine Entschleunigung erreichen werden, der Sie in Ihrem Artikel doch so gern Raum verschaffen wollen. Vielleicht eine verunglückte Aussage Ihrerseits, oder ein falsches Verständnis meinerseits - sollte beides nicht der Fall sein, handelt es sich ganz sicher um einen katastrophalfalschen Ansatz!

    Zeit kann man übrigens nicht verzögern, man sollte sie sich nehmen und das sollte man, wie Sie allerdings schon richtig schreiben, üben. Dies hat auch relativ wenig mit Sommer- oder Winterzeit zu tun. Zeit ist Zeit, die Uhr misst sie lediglich. Nur muss man auch wissen, wie man es übt, mit seiner Zeit umzugehen - darüber schweigen Sie sich aus, wie auch viele Coaches, die einen Haufen Geld damit verdienen. Es ist viel einfacher... die alten Philosophen befragen.

  4. Wann es dunkel wird, hängt nicht nur mit Winter- und Sommerzeit zusammen, sondern auch damit, wo Sie wohnen: In Ostpolen geht die Sonne viel früher auf und unter als am Bodenseee. Da aber beide Regionen in deer gleichen Zeitzone (MEZ) liegen...

    Uhrzeit ist ein künstlich Ding. Natürlich sind Sonnenauf- und Untergang. Man kann sich aber schlecht "zwei Stunden vor Sonnenuntergang" als Zeitangabe für Züge von Ost nach West vorstellen - zumal diese Zeitangabe von Tag zu Tag etrwas variiert...

    Sommer- und Winterzeitumstellung sind häßlich. Es geht dabei aber auch um etwas Sonnengerechtigjkeit innerhalb der großen Zeitzonen...

  5. Die müssen plötzlich ins Bett, obwohl es noch taghell ist und kommen morgens nicht aus den Federn, weil es noch nicht hell genug ist...

    Für meine Frau und mich heißt das, daß monatelang eingeschliffene Abläufe nicht mehr funktionieren und wir täglichmehr Stress haben und am Abend eine Stunde Freizeit verlieren, weil sich die Kinder eben nicht umstellen lassen, wie eine Uhr.

    Mir ist eigentlich egal, welche Zeit wir haben, Hauptsache sie wird nicht zweimal im Jahr umgestellt!

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