DIE ZEIT: Am 25. März hat man uns eine Stunde weggenommen zugunsten der Sommerzeit. Ist das im Sinne des Vereins zur Verzögerung der Zeit?

Erwin Heller: Ich halte das für grotesken Unsinn. Man sollte mal kalkulieren, was diese Umstellungen kosten; wahrscheinlich ließe sich Griechenland damit sanieren. Vielleicht sollte man eine Aktion »Zeit für Griechenland« starten.

ZEIT: Sie machen immer wieder solche Aktionen. Wie muss man sich die vorstellen?

Heller: Wir hatten letzten September ein Symposium auf der Insel Frauenchiemsee. Ein kleines zauberhaftes Inselchen, das an schönen Tagen von Tausenden Leuten überrollt wird. Da ist die Hölle los. Wir haben an einer Wegkreuzung eine Stellwand aufgebaut. Darauf stand: »UNESCO – 13. Jahrestag des Fotofastens«. Den Leuten haben wir gesagt, dieser Gedenktag diene dazu, dass die Menschen Natur wieder direkt erleben und keine Hilfsmittel dazwischenschalten. Die Aufforderung sei, an diesem Tag pro Apparat nur ein Foto zu machen.

ZEIT: Wie war die Reaktion?

Heller: Viele Leute haben sofort zugestimmt, dass es eine Unsitte sei, nur noch mit einer Linse vor dem Auge durch die Welt zu rennen. Es ist ein Grapschen nach Momenten. Darin ähneln sich alle unsere Aktionen: Die Botschaft geht nicht über den Kopf, sondern nur über das Absurde.

ZEIT: Schon der Name Ihres Vereins klingt ziemlich schräg.

Heller: Das bringt Diskussionen in Gang. Die Leute sagen, die Zeit kann man gar nicht verlangsamen. Ich frage zurück: Aber die Zeit beschleunigen, das geht schon? Das führt meistens zu nachdenklichen Gesichtern.

ZEIT: Ihnen geht es um die »Qualität« von Zeit. Was verstehen Sie darunter?

Heller: Es gab aus der Erfahrung der Beschleunigung vieler Prozesse eine Tendenz, alles langsamer zu machen. Aber ich bin persönlich kein langsamer Mensch. Ich hatte immer ein Problem mit Langsamkeit als Wert. Sie ist genauso wenig ein Wert an sich wie Schnelligkeit. Es geht um Inhalte, nicht um Tempo.

ZEIT: Könnten Sie ein Beispiel geben?

Heller: Die Qualität des Lebens vieler Menschen wird von der Arbeit bestimmt. Die Frage ist: Ist das eine Arbeit, die dir wirklich Spaß macht, wo du dich gerne reinhängst, wo du die Möglichkeit hast, dich als Mensch zu entwickeln, dich in die Firma einzubringen?

ZEIT: Hört sich gut an. Aber wer kann sein Arbeitsleben wirklich mitgestalten? Bei wichtigen Entscheidungen in den Betrieben werden die Leute doch gar nicht gefragt.

Heller: Was wir in der Wirtschaft erleben, ist eine Wendung von innen nach außen. Man fragt nicht mehr: Wie geht es uns?, sondern schaut nur darauf, wie beschönige oder fälsche ich meinen Quartalsbericht. Die Umstellung von Strukturen findet heute immer noch in einer unsäglichen Weise statt. Umstrukturierung braucht Zeit. Die gibt es aber in so gut wie keiner Firma. Kaum heißt es, da wird nicht rentabel gearbeitet, bricht überall die Panik aus. Da geht es zu wie auf der Titanic an den Rettungsbooten. Das Problem ist, dass keiner mehr Fehler machen will. Wir müssen uns dringend von der Illusion der Perfektheit verabschieden. Es geht nicht fehlerfrei. Wenn wir uns das eingestehen, geht schon eine Menge Druck weg.