Eine in der deutschen Demokratiegeschichte beispiellose Bewegung hat binnen zweier Jahre ihre Forderungen so gut wie durchgesetzt – ohne einen Schuss. Jetzt naht der Tag, den die Republik herbeisehnt: der Tag der Kennzeichenliberalisierung. Millionen Autofahrer wollen die Nummernschilder zurück, die eine unerbittliche Staatsmacht ihnen nach Gebietsreformen in den siebziger Jahren oder nach der Wiedervereinigung von den Fahrzeugen riss. Sie rufen nach gleichen Rechten für AZE und DI, ERK und NT, QFT und SLÜ, die an rostigen Traktoren eine unterdrückte Randexistenz führen. Sie besingen Sonne und Freiheit für HOT, UFF oder OCH.

Der Revolutionsführer ist kein Gaddafi und kein Gandhi, sondern ein Professor für Destinationsmanagement an der Hochschule Heilbronn, Volker Bochert. Bald wird sein Bild – grauweiße Haare, Brille, Fliege – in allen Kraftfahrzeugzulassungsstellen der Republik prangen, auf dass dem Vater der Bewegung gehuldigt werde.

Alles begann in Völklingen . Bochert untersuchte den Strukturwandel in der alten saarländischen Bergbaustadt. Ihm fiel auf, wie wichtig den Völklingern ihr eigenes Kennzeichen VK ist, obwohl der Rest des Regionalverbandes Saarbrücken ein SB auf den Autos trägt. Warum machen das nicht mehr Kommunen?, fragte Bochert erst sich und dann mehr als 30.000 Einwohner von Städten, denen einst in den Wirren der Gebietsreformen ihre Nummernschilder geraubt worden waren. Das Ergebnis: 73 Prozent wollen sie zurückhaben.

Und so kommt eins zum anderen. Lokalblätter entdecken den Herzenswunsch ihrer Leser. Kommunalpolitiker sind froh, trotz leerer Kassen etwas für ihre Bürger tun zu dürfen: Wenn schon die Umgehungsstraße nicht kommt und das Schwimmbad schließt, gibt’s wenigstens andere Nummernschilder. Die Verkehrsminister der Länder, milliardenteure Großkampfprojekte à la Stuttgart 21 gewohnt, genießen die Ablenkung von löchrigen Straßen und lauten Flughäfen. Und ihr Bundeskollege Peter Ramsauer von der CSU hofft auf seltenes Lob. Seine Vorlage muss noch durch den Bundesrat, dann heißt es: Es gibt sie noch, die guten alten Zeichen.

Selten hat es ein Vorstoß so schnell durch den Paragrafendschungel geschafft. Bochert beteuert, sein Forschungsprojekt »Initiative Kennzeichenliberalisierung« erhalte keine Drittmittel. Von wem auch? Der weltweiten Nummernschildmafia?

Warum wollen so viele die verschwundenen Kombinationen zurück? Weil, so erklärt es Bochert, sie sich ihrer Stadt näher fühlen als ihrem Landkreis. Und das Nummernschild sehen viele Fahrer als Namensschild : Oft sind die Initialen oder das Geburtsdatum aufs Kennzeichen geprägt.

Von AI wie Bad Aibling über DW wie Dippoldiswalde und NRÜ wie Neustadt am Rübenberge bis ZZ wie Zeitz weht ein Hauch Arabischer Frühling durch deutsche Zulassungsstellen. Deutschland steht auf, wenn es um wirklich wichtige Dinge geht.