Als Erstes musste sich Jonas Gößling einen Anzug kaufen. Damit saß er dann nervös vor zwei Geschäftsführern und erklärte ihnen eine Stunde lang, wie sie ihr Marketing verbessern könnten. Er und seine Kommilitonen überzeugten, die Geschäftsführer übernahmen das Konzept der Studenten. Ein erhebender Moment für den 25-jährigen Gößling – und eine Bestätigung für seinen Wunsch, nach dem Wirtschaftsingenieur-Master Unternehmensberater zu werden.

Seit anderthalb Jahren bereitet er sich in der studentischen Unternehmensberatung Company Consulting Team der Technischen Universität Berlin auf seinen Beruf vor. Dafür trifft er sich regelmäßig mit Kommilitonen in einem Turmraum im Obergeschoss. Zehn Stunden in der Woche arbeitet er hier, wenn ein Projekt ansteht, können es auch 30 werden – mehr Zeit, als er unten in den Seminarräumen verbringt.

Etwa 120 solcher studentischen Unternehmensberatungen gibt es in Deutschland. Firmen profitieren von ihnen, weil sie günstig sind. Die Studenten sammeln einen Pluspunkt für ihren Lebenslauf und erste Berufserfahrung, denn sie tun all das, was auch später zu ihren Aufgaben als Unternehmensberater gehören wird: Jonas Gößling wirbt Unternehmen an, entwickelt Strategien, wie sie ihre Arbeitsabläufe oder ihren Absatz verbessern können. Es reizt ihn, Probleme zu lösen. Da jedes Unternehmen anders arbeitet, muss er sich dabei immer wieder in neue Kommunikationsformen und Organisationsabläufe hineindenken – wenn die Zeit drängt, auch mitten in der Nacht. Gößling sieht das gelassen: »Wenn man in der Arbeit aufgeht, kann man das auch 60 Stunden die Woche machen«, sagt er.

Die Zahl der Unternehmensberatungen ist groß – und sie wächst wieder. Nachdem die Wirtschaftskrise 2009 auch den Beraterfirmen Einbußen bescherte, stieg der Umsatz der Branche im vergangenen Jahr in Deutschland erstmals über 20 Milliarden Euro, so eine aktuelle Marktstudie des Bundesverbands Deutscher Unternehmensberater (BDU). Für 2012 rechnet er weiter mit Wachstum, zumindest wenn das auch für die Wirtschaft gilt. »Früher ging es der Beratung immer gut. Heute geht es der Beratung nur noch gut, wenn es auch der Wirtschaft gut geht«, sagt der Präsident des BDU, Antonio Schnieder. Denn wachsende Unternehmen investieren in Beratung, beispielsweise um neue Geschäftsfelder zu erschließen. Bei schlechter Wirtschaftslage wird in diesem Bereich gespart.

Die Branche wächst

Bei mehr als der Hälfte der Beratungsfirmen handelt es sich um kleinere Unternehmen oder selbstständige Berater mit einem Jahresgehalt unter 250.000 Euro. Das Bild vom Mann im Anzug, der mit Trolley und Laptop um die Welt jettet, haben dagegen die internationalen Unternehmen geprägt. McKinsey macht in Deutschland den höchsten Umsatz und beschäftigt die meisten Mitarbeiter, darauf folgt im Ranking des Marktforschungsinstituts Lünendonk die Boston Consulting Group. Beide schweigen darüber, was sie ihren Mitarbeitern bezahlen. Laut der Vergütungsberatung PersonalMarkt bekommen Berufsanfänger in den großen Beratungsfirmen knapp 59.000 Euro im Jahr, bei kleineren Beratungsfirmen sind es im Durchschnitt 47.000 Euro. Wer vom Berufseinsteiger zum Junior- und zum Seniorberater und schließlich zum Partner aufgestiegen ist, kann bei großen Beratungsfirmen mit bis zu 386.000 Euro im Jahr rechnen, bei kleinen Unternehmen liegt der Verdienst nicht einmal bei der Hälfte.

Auch Jonas Gößling hat es deshalb auf eine der großen Unternehmensberatungen abgesehen. »Die Arbeit macht mir vor allem Spaß, aber natürlich lockt mich auch die Möglichkeit eines schnellen Aufstiegs und überdurchschnittlichen Gehalts«, sagt Gößling. Um genommen zu werden, helfen ihm die vielen Stunden im Turmzimmer allein noch nicht, er muss auch seinen Einser-Notenschnitt halten. Auf das Bewerbungsverfahren will er sich drei Monate lang vorbereiten, denn die Plätze sind begehrt. Dort wird er dann Probeaufgaben wie diese zu lösen haben: Angenommen, eine Firma steckte in folgenden Schwierigkeiten – was würden Sie tun?

10.000 Bewerbungen sind im vergangenen Jahr bei McKinsey eingegangen, 220 Beraterstellen wurden besetzt. In diesem Jahr sollen es 240 sein. Ein überdurchschnittlich guter Abschluss und Auslandserfahrungen werden vorausgesetzt. Das Studienfach ist dagegen zweitrangig: Weniger als die Hälfte der Neueinsteiger bei McKinsey hat BWL studiert. Auch Sinologen, Germanisten oder Psychologen können Unternehmensberater werden.