Beratergewerbe : »Man sucht einen Schuldigen«

Die EU will Wirtschaftsprüfer stärker kontrollieren. Jörg Hossenfelder erzählt, wie die Branche reagiert.

DIE ZEIT: Eine zentrale Aufgabe von Wirtschaftsprüfern ist: Sie prüfen Jahresabschlüsse . Seit der Finanzkrise ist das Vertrauen in die Prüfer angeschlagen, weil sie die Probleme von Banken oft übersehen haben. Welche Konsequenzen hat das für die Branche?

Jörg Hossenfelder: Der Beruf des Wirtschaftsprüfers hat an Ansehen verloren. Dieser Imageschaden basiert auf der weit verbreiteten und falschen Annahme, dass ein Wirtschaftsprüfer mögliche Krisenthemen in Unternehmen früh erkennt und sie öffentlich thematisieren sollte. Solche Analysen und Warnungen gehören aber nicht zu seinen Aufgaben. Er prüft lediglich die Zahlen. Es kommt hinzu, dass in der öffentlichen Diskussion um die Finanzkrise gerade die einfachen Antworten ein breites Echo finden. Man sucht einen Schuldigen und betrachtet die Branche der Wirtschaftsprüfer deshalb besonders kritisch.

ZEIT: Was kann die Branche tun, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?

Hossenfelder: Dazu hat die EU-Kommission Vorschläge entwickelt und bereits im Oktober 2010 ein Grünbuch vorgelegt. Ein zentrales Thema ist die Unabhängigkeit der Prüfer. Große Prüfungsgesellschaften übernehmen oft Beratungsaufträge von Mandanten – und für dieselben Unternehmen arbeiten sie dann auch als Prüfer. Deshalb hat die EU-Kommission vorgeschlagen, Beratung und Prüfung künftig zu trennen. Vorgesehen sind zudem eine zentrale Vergabe von Prüfungsaufträgen durch eine Institution auf nationaler oder europäischer Ebene und eine Rotation der Prüfer, damit die Bindungen zwischen Auftraggebern und Kunden nicht zu eng werden. Ein weiterer Vorschlag ist die Einführung von Joint Audits – eine gemeinsame Prüfung von Jahresbilanzen durch zwei unterschiedliche Firmen.

Jörg Hossenfelder

Jörg Hossenfelder ist Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Lünendonk.

ZEIT: Die Brüsseler Vorschläge haben die Branche in Aufruhr versetzt. Warum?

Hossenfelder: Zwischen vielen Unternehmen und Prüfungsgesellschaften sind über die Jahre enge Verbindungen entstanden. Daran wollen beide Seiten festhalten. Deshalb sind Vorschläge wie Rotation oder Trennung von Beratung und Prüfung sehr umstritten. Außerdem haben viele Prüfungsgesellschaften die Beratung stark ausgebaut, manche machen damit einen Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich. Darauf können und wollen sie nicht verzichten. Ein anderer Faktor, den man nicht unterschätzen darf, ist die Schuldzuweisung. Das EU-Grünbuch impliziert, dass Wirtschaftsprüfer die Finanzkrise mitverursacht haben. Auch deswegen sind die Vorschläge aus Brüssel in der Branche nicht sehr beliebt.

ZEIT: Also nur Ablehnung?

Hossenfelder: Zustimmung gibt es nur bei den Joint Audits. Dazu hat unser Unternehmen im letzten Jahr eine Umfrage unter Wirtschaftsprüfungsgesellschaften durchgeführt. Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass sie Joint Audits für eine geeignete Maßnahme halten, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

ZEIT: Hat der Vertrauensverlust auch Konsequenzen für Berufseinsteiger?

Hossenfelder: Das Anwerben von Nachwuchs ist für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften schwieriger geworden. Unter den potenziellen Kandidaten gibt es viele, die sich nun eher für eine klassische Consulting-Karriere entscheiden – zumal man dafür kein Wirtschaftsprüfer-Examen braucht . Für die anderen, die sich weiterhin für eine Laufbahn als Wirtschaftsprüfer interessieren, ist der Berufseinstieg dadurch möglicherweise etwas leichter geworden.

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11 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Alte Bank-Tugenden wiederbeleben!

Als Banker noch Bankkaufleute waren, wäre die Finanzkrise so nicht denkbar gewesen. Seinerzeit erfolgten individuelle Kreditprüfungen. Hierzu zählte auch die Besichtigung von Objekten. Erfolgte dies nicht, war der Mitarbeiter haftbar.
Neben den Wirtschaftsprüfern gilt es auch das Rating-System zu überdenken. Wie kann es sein, dass zentrale Aufgaben und Kompetenz ausgelagert werden?
Es gilt, das derzeitige System der formalen Kreditprüfung infrage zu stellen und der Vernunft wieder mehr Spielraum zu geben.