Beratergewerbe»Man sucht einen Schuldigen«

Die EU will Wirtschaftsprüfer stärker kontrollieren. Jörg Hossenfelder erzählt, wie die Branche reagiert. von Oliver Burgard

DIE ZEIT: Eine zentrale Aufgabe von Wirtschaftsprüfern ist: Sie prüfen Jahresabschlüsse . Seit der Finanzkrise ist das Vertrauen in die Prüfer angeschlagen, weil sie die Probleme von Banken oft übersehen haben. Welche Konsequenzen hat das für die Branche?

Jörg Hossenfelder: Der Beruf des Wirtschaftsprüfers hat an Ansehen verloren. Dieser Imageschaden basiert auf der weit verbreiteten und falschen Annahme, dass ein Wirtschaftsprüfer mögliche Krisenthemen in Unternehmen früh erkennt und sie öffentlich thematisieren sollte. Solche Analysen und Warnungen gehören aber nicht zu seinen Aufgaben. Er prüft lediglich die Zahlen. Es kommt hinzu, dass in der öffentlichen Diskussion um die Finanzkrise gerade die einfachen Antworten ein breites Echo finden. Man sucht einen Schuldigen und betrachtet die Branche der Wirtschaftsprüfer deshalb besonders kritisch.

Anzeige

ZEIT: Was kann die Branche tun, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen?

Hossenfelder: Dazu hat die EU-Kommission Vorschläge entwickelt und bereits im Oktober 2010 ein Grünbuch vorgelegt. Ein zentrales Thema ist die Unabhängigkeit der Prüfer. Große Prüfungsgesellschaften übernehmen oft Beratungsaufträge von Mandanten – und für dieselben Unternehmen arbeiten sie dann auch als Prüfer. Deshalb hat die EU-Kommission vorgeschlagen, Beratung und Prüfung künftig zu trennen. Vorgesehen sind zudem eine zentrale Vergabe von Prüfungsaufträgen durch eine Institution auf nationaler oder europäischer Ebene und eine Rotation der Prüfer, damit die Bindungen zwischen Auftraggebern und Kunden nicht zu eng werden. Ein weiterer Vorschlag ist die Einführung von Joint Audits – eine gemeinsame Prüfung von Jahresbilanzen durch zwei unterschiedliche Firmen.

Jörg Hossenfelder

Jörg Hossenfelder ist Geschäftsführer des Marktforschungsunternehmens Lünendonk.

ZEIT: Die Brüsseler Vorschläge haben die Branche in Aufruhr versetzt. Warum?

Hossenfelder: Zwischen vielen Unternehmen und Prüfungsgesellschaften sind über die Jahre enge Verbindungen entstanden. Daran wollen beide Seiten festhalten. Deshalb sind Vorschläge wie Rotation oder Trennung von Beratung und Prüfung sehr umstritten. Außerdem haben viele Prüfungsgesellschaften die Beratung stark ausgebaut, manche machen damit einen Jahresumsatz im dreistelligen Millionenbereich. Darauf können und wollen sie nicht verzichten. Ein anderer Faktor, den man nicht unterschätzen darf, ist die Schuldzuweisung. Das EU-Grünbuch impliziert, dass Wirtschaftsprüfer die Finanzkrise mitverursacht haben. Auch deswegen sind die Vorschläge aus Brüssel in der Branche nicht sehr beliebt.

ZEIT: Also nur Ablehnung?

Hossenfelder: Zustimmung gibt es nur bei den Joint Audits. Dazu hat unser Unternehmen im letzten Jahr eine Umfrage unter Wirtschaftsprüfungsgesellschaften durchgeführt. Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen gaben an, dass sie Joint Audits für eine geeignete Maßnahme halten, um verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.

ZEIT: Hat der Vertrauensverlust auch Konsequenzen für Berufseinsteiger?

Hossenfelder: Das Anwerben von Nachwuchs ist für Wirtschaftsprüfungsgesellschaften schwieriger geworden. Unter den potenziellen Kandidaten gibt es viele, die sich nun eher für eine klassische Consulting-Karriere entscheiden – zumal man dafür kein Wirtschaftsprüfer-Examen braucht . Für die anderen, die sich weiterhin für eine Laufbahn als Wirtschaftsprüfer interessieren, ist der Berufseinstieg dadurch möglicherweise etwas leichter geworden.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt, da unsachlich. Die Redaktion/ag

    Eine Leserempfehlung
    • joG
    • 03. April 2012 8:28 Uhr

    ...wo Gesetze und Verordnungen zu befolgen sind. Da die Regierender hier nicht Schuld sein können, hält der Anwender den Schwarzen Peter.

    Beispiele der letzten Zeit: Banken, Rating Agenturen, Krankenkassen

  2. Als Banker noch Bankkaufleute waren, wäre die Finanzkrise so nicht denkbar gewesen. Seinerzeit erfolgten individuelle Kreditprüfungen. Hierzu zählte auch die Besichtigung von Objekten. Erfolgte dies nicht, war der Mitarbeiter haftbar.
    Neben den Wirtschaftsprüfern gilt es auch das Rating-System zu überdenken. Wie kann es sein, dass zentrale Aufgaben und Kompetenz ausgelagert werden?
    Es gilt, das derzeitige System der formalen Kreditprüfung infrage zu stellen und der Vernunft wieder mehr Spielraum zu geben.

    2 Leserempfehlungen
  3. Schon gefunden!

    In erster Linie die Politiker, die die Gesetze machen!

    Dann der Rest, die mit unlauteren Mitteln, Einfluss auf die Gesetze nehmen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bugme
    • 03. April 2012 19:21 Uhr

    schließlich haben sie nichts besseres gewählt.
    Huch - das ist aber unangenehm und darf nicht sein, dass wir am ende Selbst an dem Mist schuld sein könnten.

  4. "Dieser Imageschaden basiert auf der weit verbreiteten und falschen Annahme, dass ein Wirtschaftsprüfer mögliche Krisenthemen in Unternehmen früh erkennt und sie öffentlich thematisieren sollte. Solche Analysen und Warnungen gehören aber nicht zu seinen Aufgaben. Er prüft lediglich die Zahlen."
    Einspruch, Euer Ehren. Der WP muss auch bewerten und im Lagebericht die korrekte Chancen- und Risiken-Beurteilung prüfen. Befindet sich das Unternehmen in einer Krise, müssen (!) WP und auch die Stb die Geschäftsführung auf mögliche Insolvenzgefahren und daraus folgende Konsequenzen hinweisen. Dazu gibt es neuere Urteile. Inwieweit das Hinweisen öffentlich gemacht werden muss, steht auf einem anderen Blatt.

    Eine Leserempfehlung
  5. „denn unser Steuerwesen ist das komplexeste der Welt“

    Diese gern gestellte Behauptung lässt sich leider nicht unwidersprochen belegen….

    Zur Auditierung von Unternehmen gehört eben, dass man die Zahlen nicht nur auf steuerliche Gesichtspunkte prüft, sondern auch auf Plausibilität.
    Natürlich gibt es Interessenkonflikte, wenn der Auditierer gleichzeitig beratend tätig ist. Und natürlich haben die Prüfungsgesellschaften Schuld auf sich geladen. Bei zu vielen „geprüften Unternehmen“ erfüllten die Bilanzzahlen nicht einmal Mindestanforderungen an Plausibilität.

    Eine Leserempfehlung
  6. "Dieser Imageschaden basiert auf der weit verbreiteten und falschen Annahme, dass ein Wirtschaftsprüfer mögliche Krisenthemen in Unternehmen früh erkennt und sie öffentlich thematisieren sollte. Solche Analysen und Warnungen gehören aber nicht zu seinen Aufgaben. Er prüft lediglich die Zahlen."

    Also lediglich Zahlenprüfer, entgegen dem klangvolleren Titel "Witschaftsprüfer".

    Eine Leserempfehlung
  7. ... sich PR auszusetzen.

    "Man sucht einen Schuldigen"

    Dann geht der bittere Kelch zurück zu den Medien. Einige Zeitungen haben schon offen dargelegt, dass unter Journalisten üblich ist, sich "sponsern" zu lassen. Ich weiß das "Berlner Zeitung" und "Die Zeit" die Karten ehrlich auf den Tisch gelegt haben.

    Wenn Journalisten sich für ihre Geschichten einladen lassen und sich dabei Reisekosten, Übernachtung und Verpflegung bezahlen lassen hat es folgende Auswirkung: Journalisten die alles selbst bezahlen haben Netto weniger auf der Kante, als Journalisten, die sich gesponserten Recherchen widmen. Diese kriegen Netto mehr am Monatsende raus (bzw. mehr raus für einen beliebigen Vergleichszeitraum).

    Kommt man zur Wirtschaftskrise. Ich sehe die Sache ganz einfach. Aufgrund der finanzwirtschaftlichen Schieflage aus der sich die Fehlentwicklungen ergaben, konnten einige riesige Millionen- und Milliardengewinne fahren. Diese Kreise können sich desshalb eine gute Lobby-Maschinerie leisten, die den Journalisten alles sponsert, so dass diese Netto mehr raus haben. Es entsteht eine verdeckter wirtschaftlicher Anreiz. Ergebniss ist, dass es nur anfänglich kritische Berichte gab, dann diese immer weniger wurden. Auch (kritische) Journalisten unterliegen dem Masseverhalten. Jeder der sich mit einer bestimmten Meinung den Kopf oft genug durchspülen läßt, wird dagegen im Widerstand geschwächt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service