Hans-Jürgen Leist ist ein ausgewiesener Wasserfachmann, er hat schon seine Doktorarbeit über die Wasserversorgung in Deutschland geschrieben, und jetzt könnte man denken: Der Mann wird richtig viel Werbung machen für das große, schwere, ernste Problem der Wasserversorgung in Deutschland.

Tut er aber nicht. Hans-Jürgen Leist vom Hannoveraner Umwelt-Institut Ecolog sagt: »Die Deutschen nehmen das Wasser viel zu wichtig. Sie verleihen ihm fast eine heilige Aura.« Und sie sparen an jedem Tropfen. Das Ergebnis: Kaum ein anderes Industrieland verbraucht pro Kopf so wenig Wasser wie Deutschland.

Leist findet das »absurd«. Denn Wasser ist hierzulande im Überfluss vorhanden. Die Deutschen könnten mit gutem Gewissen mehr Wasser verbrauchen, findet er, und ihre Sparwut könne der Umwelt sogar schaden statt nützen. Ähnlich sieht das Ingrid Chorus, Wasserexpertin im Umweltbundesamt : »Wassersparen gibt den Verbrauchern das Gefühl, dass sie der Umwelt etwas Gutes tun. Aber wenn man das mal rational betrachtet, kommt das dabei in Deutschland nicht heraus.«

Die Deutschen und das Wasser – das ist die Geschichte eines Missverständnisses. Sie erzählt von einer Nation, die die Umwelt schonen will, aber nur höchst ungern den eigenen Lebensstil einschränkt. Es handeln Bürger, die ihr Verhalten weniger an ökologischen Fakten ausrichten als an Gewohnheiten.

Im Bewusstsein der meisten Deutschen ist Wassersparen eine Bürgerpflicht. Schon im Kindergarten wird den Kleinen beigebracht, beim Zähneputzen das Wasser abzustellen. So prägt sich früh ein: Wasser ist kostbar. Diesen Eindruck verstärken die Medien, wenn sie über weltweite Wasserknappheit berichten und etwa Bilder der Dürre am Horn von Afrika zeigen. »Diese Berichterstattung beeinflusst uns unterschwellig«, sagt Leist. »Die Botschaft ist: Wir Deutschen verschwenden Wasser , während in Afrika die Kinder verdursten.«

Den Kindern in Afrika ist aber gar nicht geholfen, wenn die Deutschen beim Zähneputzen den Hahn zudrehen. Denn es ist zum heutigen Zeitpunkt praktisch unmöglich, Wasser von einem Kontinent zum anderen zu transportieren. Vielleicht kommt das in Zukunft einmal, aber aktuell ist jede Region auf ihre eigenen Wasservorkommen angewiesen. Am Horn von Afrika gibt es wenig Wasser, in Deutschland viel.

Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft stehen den Deutschen jedes Jahr rund 188 Milliarden Kubikmeter Wasser zur Verfügung. Das meiste regnet vom Himmel und versickert als Grundwasser im Boden. 2,7 Prozent dieser Menge nutzen die Wasserwerke und verteilen es an die Haushalte. Am Ende fließt es geklärt in den Wasserkreislauf zurück.

Wenn die Deutschen sparen, dann merkt man das auch

Doch viele Deutsche verhalten sich trotzdem so, als sei jeder überflüssige Tropfen aus der Leitung eine Sünde. So haben sich schon Zehntausende eine Regenwasserzisterne auf das Dach oder in den Garten gebaut. »Damit ersetzen sie bloß Grundwasser, also Regenwasser aus dem Boden, durch Regenwasser vom Himmel«, sagt Leist. »Das macht für die Umwelt letztlich keinen Unterschied, denn beides sind erneuerbare Ressourcen.«

Die Zisternen könnten der Umwelt sogar schaden. Denn für ihren Bau würden jede Menge Energie und Rohstoffe verbraucht. Unter dem Strich sei die Umweltbilanz deshalb oft negativ, sagt Leist. »Mit dem Bau einer Zisterne lügt man sich in die Tasche.« In fast jedem Hotelzimmer der Hinweis, nur gebrauchte Handtücher auf den Boden zu legen, und Toiletten mit Spartasten gehören bei den meisten Haushalten zur Grundausstattung.

Wenn die Deutschen sparen, dann merkt man das auch. Vor 20 Jahren nutzte jeder Deutsche 147 Liter Wasser am Tag, heute sind es nur noch 122 Liter. Das bedeutet auch: Es fließt immer weniger Wasser durch die Leitungen. So wenig, dass mancherorts Keime in den Rohren wachsen. In einigen Fällen bleiben Fäkalien liegen.

Experten haben vor diesem Problem schon lange gewarnt. Doch die Deutschen sparen ja nicht nur aus falsch verstandenem Umweltbewusstsein, sondern auch aus wirtschaftlichem Kalkül. Die Wasserwerke berechnen kaum einen Grundpreis, stellen aber jeden verbrauchten Kubikmeter in Rechnung.

Diese Rechnung geht nicht mal für die Wasserwerke richtig auf. Denn die Haushalte nutzen jetzt weniger Wasser, während die Gesamtkosten der Versorgung quasi nicht sinken. Diese Kosten bestehen nämlich fast ausschließlich aus Fixkosten, vor allem für das Rohrnetz, die unabhängig von der Wassermenge anfallen. Weil die Haushalte weniger abnehmen, müssen die Wasserwerke den Preis pro Kubikmeter erhöhen. Das spornt die Haushalte erst recht zum Sparen an.

Diese Spirale ließe sich einfach stoppen. Statt pro Kubikmeter abzurechnen, könnten die Wasserwerke von jedem Haushalt eine Pauschale kassieren. Dann würden die Deutschen wohl mehr Wasser verbrauchen – genug, um für Durchfluss in den Leitungen zu sorgen, aber noch weit entfernt von einem Raubbau an den Wasservorkommen.

Eingeführt wird eine solche Regelung wohl dennoch nicht. »Mit einer Pauschale würden wir den Kunden signalisieren, dass sie mit Wasser nicht sparsam umgehen müssen«, heißt es bei einem großen deutschen Wasserwerk. Und das sei schlecht, obwohl es eigentlich vernünftig sei. Die umständliche Begründung: »Das wäre zwar beim Wasser korrekt, aber die Leute würden das sorglose Verhalten auf andere Ressourcen übertragen – auch auf solche, bei denen sie wirklich sparen sollten.«

Hans-Jürgen Leist vom Ecolog-Institut sieht das anders. Er glaubt, die Deutschen sparten beim Zähneputzen und Klospülen, weil sie dabei ihren Lebensstil nicht einschränken müssten – anders als etwa beim Reisen oder Autofahren. »Eine sparsame Waschmaschine kostet ein paar Hundert Euro, eine Regenzisterne ein paar Tausend. Das schmerzt viele in unserem reichen Land weniger, als den Energiekonsum einzuschränken, der häufig mit einem guten Lebensstil verknüpft ist.«

So ist eine Art ökologischer Ablasshandel entstanden: Beim Erdölverbrauch, beim CO2-Ausstoß und beim Stromverbrauch wird fröhlich gesündigt – und durch fanatisches Wassersparen machen die Deutschen alles wieder gut.

"Das Wassersparen hat nicht viel gebracht"

Man kann diese Diskussion freilich noch ein wenig komplizierter machen. Seit Kurzem ist der Vorwurf aufgekommen, dass die Deutschen trotz all ihrer Sparwut immer noch zu viel Wasser verbrauchen. Es stand sogar schon in der Zeitung. »Das Wassersparen hat nicht viel gebracht«, schreibt die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Und die Süddeutsche Zeitung sekundiert, Deutschland gehöre zu den größten Wasserverschwendern weltweit.

Diese Vorwürfe beziehen sich nicht auf die 122 Liter Wasser, die jeder Deutsche am Tag aus der Leitung fließen lässt. Vielmehr geht es um jene 5.288 Liter, die sich laut der Umweltorganisation WWF ergeben, wenn man das so genannte »versteckte Wasser« hinzurechnet. Das ist Wasser, das für die Produktion eines Gutes verwendet worden ist. Wenn ein Deutscher ein T-Shirt kauft, dann verbraucht er Schätzungen zufolge rund 3.000 Liter verstecktes Wasser, mit dem die Baumwollpflanzen bewässert oder die Färbeanlagen gereinigt wurden. Kommt dieses »versteckte Wasser« aus Usbekistan , dann stammt es in der Regel aus einem Zufluss des Aralsees. Dieser ist inzwischen fast völlig ausgetrocknet.

Da ist sie also wieder: die Idee, dass die Deutschen mit ihrem Konsumverhalten den Armen dieser Welt das Wasser abgraben.

Unterstützt wird diese Denkweise von den Vereinten Nationen . Zum Weltwassertag in der vergangenen Woche veröffentlichte sie sogar ein Poster, das zeigt, wie viel verstecktes Wasser sich in Lebensmitteln verbirgt. Eine Tasse Kaffee: 140 Liter. Ein Hamburger: 2.400 Liter. Ein Steak: 7.000 Liter. Dazu der Aufruf: »Konsumieren Sie weniger wasserintensive Produkte!«

Sollen die Deutschen also beim versteckten Wasser sparen? Nein, sagt der Leipziger Umweltforscher Erik Gawel. »Diese riesigen Literzahlen klingen zwar zunächst einschüchternd. Aber die reinen Mengenangaben sagen allein noch nichts aus.« Manchmal sei Wasserentnahme tatsächlich Raubbau, wie bei der Baumwolle in Usbekistan. Manchmal aber auch unbedenklich, wie beim Kaffee aus dem kenianischen Hochland, wo es viel regnet.

Ob der Wasserverbrauch nun schädlich war oder nicht, ist also gar nicht leicht herauszufinden. Beim Umweltbundesamt ist man daher auch skeptisch, ob Verbraucherinformationen etwas nützen. Selbst wenn auf jedem Produkt die Menge des versteckten Wassers angegeben wäre, würde das dem Verbraucher noch keine sinnvolle Entscheidung ermöglichen, sagt dort die Wasserexpertin Ingrid Chorus. »Der einzige Effekt wäre, den Deutschen beim Wasserverbrauch wieder ein schlechtes Gewissen zu machen.«

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