Popduo YelloOh Yeah!

"Wir waren nie in Mode, das half" – Ein Gespräch mit dem Zürcher Popduo Yello von Christoph Dallach

DIE ZEIT: Herr Meier , Sie sind 66, Sie, Herr Blank, sind 60, trotzdem gilt Ihr Duo Yello immer noch als cool. Andere Popmusiker müssen sich irgendwann der Debatte um ihr Alter stellen. Sie beide bislang nicht. Warum eigentlich nicht?

Dieter Meier: Es hat sicher geholfen, dass wir nie in eine Stil-Schublade oder irgendeine Kategorie passten, die dann plötzlich nicht mehr aktuell war. Schubladen gehen im Popgeschäft irgendwann zu, und dann ist die Karriere vorbei. Aber wenn Yello morgen einen Hit hätten, würde keiner sagen: Was wollen denn diese Sechzigjährigen? Wir waren nie in Mode. Das half.

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Boris Blank: Unsere Musik war ohnehin nie für Radios gedacht; Hits wie The Race , Oh Yeah oder Bostich waren Zufallstreffer. Ich bin Autodidakt und programmiere alles aus meinem Gefühl heraus. Ich kann ja nicht mal Noten lesen. Das hält mich frisch, denn ich kann mich nicht wiederholen, weil ich gar nicht weiß, wie das geht. Ich habe mal einen Kurs in Harmonielehre besucht. Der tat mir nicht gut, denn auf einmal klang meine Musik falsch. Das, was zum Yello-Sound gehört, war weg.

ZEIT: Vielleicht klingen deshalb jahrzehntealte Songs von Ihnen nicht überholt. Ihr Song Oh Yeah , der auch schon ein gutes Vierteljahrhundert alt ist, wird immer noch in Hollywood-Soundtracks, Videospielen und Werbeclips genutzt.

Blank: Stimmt, gerade lief Oh Yeah bei der Superbowl in den USA vor 850 Millionen Zuschauern in einem Honda-Werbespot, und zwar in voller Länge.

Meier: Wir wollten nie die Welt erobern. Im Gegenteil: Wir waren ja immer eher dabei, uns selber aus dem Geschäft zu bugsieren. Die Seltenheit, mit der wir Platten machen, ist gegen alle Regeln – sechs Jahre zwischen zwei Alben verstreichen zu lassen, was für uns normal ist, das ist im Pop eine Ewigkeit. Bestseller zu landen und danach unterzutauchen ist gar nicht klug.

ZEIT: Herr Blank, Ihre Musik entsteht auf ungewöhnliche Weise, Sie sammeln Alltagsklänge, die Sie später mit Elektro-Beats kombinieren. Haben Sie immer ein Aufnahmegerät dabei?

Blank: Dafür reicht mein Smartphone. Überall, wo ich bin, achte ich darauf, wie die Dinge klingen. Wenn ich am Hauptbahnhof in Berlin stehe und die Einfahrt des Zuges aus der Ferne höre, das heranrollende Flüstern, das Bremsen, bin ich beeindruckt. Diese Stereofonie, wenn all die Klänge hereinfliegen, macht mich glücklich. Und was gut klingt, animiert mich zu Musik.

ZEIT: Man sieht Sie seit 1979, Ihrem Karrierebeginn, in Anzügen – was einerseits bieder schien, andererseits zeitlos elegant. Wie kamen Sie auf Anzüge?

Meier:Ich bin ja auch so eine Art Konzeptkünstler. Anzug und Krawatte zu tragen war für mich auch eine Camouflage. In der Aufmachung ahnt keiner: Was macht der Kerl eigentlich? Anzüge helfen vorzüglich beim Nichterkanntwerden.

ZEIT: Sie, Herr Meier, schauten auch eher aus wie der Chef eines Musikkonzerns als wie ein Popstar.

Meier: Eben, und das trieb absurde Blüten. In den Achtzigern liefen die Plattenfirmen-Bosse ja auf einmal wie Rockstars rum, mit bunten Hemden und so. Da gab es mal eine Jahresversammlung der Polygram-Gruppe. Die Art von Veranstaltung, bei der extrem viel getrunken wird, weil alles gratis ist, und die Händler und Vertreter extrem über die Schnur hauen. Am dritten Tag kam der Generaldirektor des Tagungshotels zu mir und sagte: Entschuldigung, aber Ihre Jungs trinken unvorstellbar viel, wollen Sie da keine Grenze setzen? Ich sagte: Was habe ich damit zu tun? Und er meinte: Sie sind doch der Chef hier, oder nicht?

ZEIT: Im Pop werden Musiker aus wohlhabenden Verhältnissen skeptisch betrachtet. Ihr Vater, Herr Meier, war Banker. Gab das je Probleme?

Meier: Starke Probleme sogar. Gerade am Anfang meiner Karriere vermittelten mir viele Menschen ihren Verdacht, dass ich mich in alles reingekauft hätte. Als ich 1972 bei der Documenta dabei war, hieß es sofort, mein Vater hätte da wohl eine große Spende gemacht. Und als Yello Verträge mit großen amerikanischen Firmen unterschrieben, wurde behauptet, mein Vater sei dort ein großer Aktionär. Aber der Schweizer im Allgemeinen kann den Erfolg anderer nicht ertragen. Nach einem Erfolg hat man plötzlich sogar Probleme im Umgang mit ehemaligen Freunden. Einmal wurde ich interviewt, wir sprachen auch über Essays, die ich hin und wieder für Schweizer Zeitungen schrieb. Am Ende des Gesprächs bat mich der Journalist um eine vertrauliche Information und wollte wissen, wer denn bitte schön tatsächlich diese Essays für mich verfassen würde.

ZEIT: Wie beantwortet man so eine Frage?

Meier: Ich antwortete ihm, dass im Keller meiner Villa zwei Intellektuelle eingesperrt sind, die irrsinnig gerne Bananen essen, und immer, wenn ich mal ein Essay brauche, stelle ich denen eine Kiste Bananen hin, und dafür schreiben sie mir was Kluges.

Leserkommentare
    • Äsop
    • 11. April 2012 10:32 Uhr

    Ich bin irgendwie hier vorbeigestreunert..
    Ich hab garnichts zu dem Interview zu sagen..
    Ich dachte nur, dass die beiden Herren mich an die beiden
    alten Knacker aus der Muppet Show erinnern.

    Wir hätten uns sehr darüber gefreut, hätten Sie den ersten Kommentar dazu genutzt, um sich konstruktiv zu äußern und eine spannende Diskussion zu starten. Danke, die Redaktion/se

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • edgar
    • 11. April 2012 11:06 Uhr

    dann hätten Sie es auch besser gelassen!
    Denn wer keine Ahnung hat, und die Musik nicht kennt, sollte besser nicht mitreden und sich vor allem Despektierlichkeiten verkneifen:
    ".. beiden Herren mich an die beiden
    alten Knacker aus der Muppet Show erinnern"

    Ich nehme an, dass Sie in den besten Jahren weniger produktiv und kreativ gewesen sind/sein werden, als die beiden Herren mit 60+x, die mit ihrer Musik tw. weit ab des Mainstreams agieren und trotzdem erfolgreich sind.

    und das muß unbedingt gesagt werden: Waldorf und Statler http://www.youtube.com/wa... sind ja nicht ganz umsonst Kult.

    Die 'beiden alten Knacker' von Yello haben schon Musik und Super-Videos gemacht, als so mancher hier noch nicht mal ein feuchter Traum war.
    1981 'The Evening's young' http://vimeo.com/30477502
    1982 'Pinball Cha Cha' http://vimeo.com/30478005
    1983 'I love you' http://vimeo.com/30478748
    1984 'Bostich' http://vimeo.com/30480953
    1985 'Vicious Games' http://vimeo.com/30482376
    1986 'Goldrush' http://vimeo.com/30484777
    1987 'Oh Yeah' http://vimeo.com/30486912
    1988 'The Race' http://vimeo.com/30499259 und so weiter und so weiter
    2009 'Tangier Blue' http://vimeo.com/30507078
    weitere hier: http://vimeo.com/yellomus...

    • nun ja
    • 11. April 2012 13:33 Uhr

    Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke, die Redaktion/mo

  1. die Geschichte einer wunderbaren Freundschaft. Vielen Dank für das Interview.

  2. vielen Dank für den Artikel. Ich bin Yellofan der ersten Stunde, oh yeah.

    • edgar
    • 11. April 2012 11:06 Uhr

    dann hätten Sie es auch besser gelassen!
    Denn wer keine Ahnung hat, und die Musik nicht kennt, sollte besser nicht mitreden und sich vor allem Despektierlichkeiten verkneifen:
    ".. beiden Herren mich an die beiden
    alten Knacker aus der Muppet Show erinnern"

    Ich nehme an, dass Sie in den besten Jahren weniger produktiv und kreativ gewesen sind/sein werden, als die beiden Herren mit 60+x, die mit ihrer Musik tw. weit ab des Mainstreams agieren und trotzdem erfolgreich sind.

    Antwort auf "Was gesagt werden muss"
  3. Musikalisch betrachtet bin ich ja eher in einem anderen Genre beheimatet, aber Yellow war immer ein besonderes Hörerlebnis. Vielleicht lag es einfach daran, dass sie keinem Trend zugeordnet werden konnten, sondern einfach ihr eigenes Ding machten. Somit waren sie immer erfrischend, unterhaltsam und interessant als das Meiste, was man gemeinhin als Popmusik bezeichnet und letztlich nichts weiter als musikalischer Einheitsbrei war. Yellow hingegen war nie Einheitsbrei.

  4. und das muß unbedingt gesagt werden: Waldorf und Statler http://www.youtube.com/wa... sind ja nicht ganz umsonst Kult.

    Die 'beiden alten Knacker' von Yello haben schon Musik und Super-Videos gemacht, als so mancher hier noch nicht mal ein feuchter Traum war.
    1981 'The Evening's young' http://vimeo.com/30477502
    1982 'Pinball Cha Cha' http://vimeo.com/30478005
    1983 'I love you' http://vimeo.com/30478748
    1984 'Bostich' http://vimeo.com/30480953
    1985 'Vicious Games' http://vimeo.com/30482376
    1986 'Goldrush' http://vimeo.com/30484777
    1987 'Oh Yeah' http://vimeo.com/30486912
    1988 'The Race' http://vimeo.com/30499259 und so weiter und so weiter
    2009 'Tangier Blue' http://vimeo.com/30507078
    weitere hier: http://vimeo.com/yellomus...

    Antwort auf "Was gesagt werden muss"
  5. Entfernt. Bitte verfassen Sie konstruktiv Kritik. Wenn Sie einen Beitrag als bedenklich erachten, nutzen Sie bitte die dazugehörige Funktion. Danke, die Redaktion/se

    • nun ja
    • 11. April 2012 13:33 Uhr
    8. [...]

    Bitte verzichten Sie auf persönliche Angriffe. Danke, die Redaktion/mo

    Antwort auf "Was gesagt werden muss"

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