DIE ZEIT: Herr Meier , Sie sind 66, Sie, Herr Blank, sind 60, trotzdem gilt Ihr Duo Yello immer noch als cool. Andere Popmusiker müssen sich irgendwann der Debatte um ihr Alter stellen. Sie beide bislang nicht. Warum eigentlich nicht?

Dieter Meier: Es hat sicher geholfen, dass wir nie in eine Stil-Schublade oder irgendeine Kategorie passten, die dann plötzlich nicht mehr aktuell war. Schubladen gehen im Popgeschäft irgendwann zu, und dann ist die Karriere vorbei. Aber wenn Yello morgen einen Hit hätten, würde keiner sagen: Was wollen denn diese Sechzigjährigen? Wir waren nie in Mode. Das half.

Boris Blank: Unsere Musik war ohnehin nie für Radios gedacht; Hits wie The Race , Oh Yeah oder Bostich waren Zufallstreffer. Ich bin Autodidakt und programmiere alles aus meinem Gefühl heraus. Ich kann ja nicht mal Noten lesen. Das hält mich frisch, denn ich kann mich nicht wiederholen, weil ich gar nicht weiß, wie das geht. Ich habe mal einen Kurs in Harmonielehre besucht. Der tat mir nicht gut, denn auf einmal klang meine Musik falsch. Das, was zum Yello-Sound gehört, war weg.

ZEIT: Vielleicht klingen deshalb jahrzehntealte Songs von Ihnen nicht überholt. Ihr Song Oh Yeah , der auch schon ein gutes Vierteljahrhundert alt ist, wird immer noch in Hollywood-Soundtracks, Videospielen und Werbeclips genutzt.

Blank: Stimmt, gerade lief Oh Yeah bei der Superbowl in den USA vor 850 Millionen Zuschauern in einem Honda-Werbespot, und zwar in voller Länge.

Meier: Wir wollten nie die Welt erobern. Im Gegenteil: Wir waren ja immer eher dabei, uns selber aus dem Geschäft zu bugsieren. Die Seltenheit, mit der wir Platten machen, ist gegen alle Regeln – sechs Jahre zwischen zwei Alben verstreichen zu lassen, was für uns normal ist, das ist im Pop eine Ewigkeit. Bestseller zu landen und danach unterzutauchen ist gar nicht klug.

ZEIT: Herr Blank, Ihre Musik entsteht auf ungewöhnliche Weise, Sie sammeln Alltagsklänge, die Sie später mit Elektro-Beats kombinieren. Haben Sie immer ein Aufnahmegerät dabei?

Blank: Dafür reicht mein Smartphone. Überall, wo ich bin, achte ich darauf, wie die Dinge klingen. Wenn ich am Hauptbahnhof in Berlin stehe und die Einfahrt des Zuges aus der Ferne höre, das heranrollende Flüstern, das Bremsen, bin ich beeindruckt. Diese Stereofonie, wenn all die Klänge hereinfliegen, macht mich glücklich. Und was gut klingt, animiert mich zu Musik.

ZEIT: Man sieht Sie seit 1979, Ihrem Karrierebeginn, in Anzügen – was einerseits bieder schien, andererseits zeitlos elegant. Wie kamen Sie auf Anzüge?

Meier:Ich bin ja auch so eine Art Konzeptkünstler. Anzug und Krawatte zu tragen war für mich auch eine Camouflage. In der Aufmachung ahnt keiner: Was macht der Kerl eigentlich? Anzüge helfen vorzüglich beim Nichterkanntwerden.

ZEIT: Sie, Herr Meier, schauten auch eher aus wie der Chef eines Musikkonzerns als wie ein Popstar.

Meier: Eben, und das trieb absurde Blüten. In den Achtzigern liefen die Plattenfirmen-Bosse ja auf einmal wie Rockstars rum, mit bunten Hemden und so. Da gab es mal eine Jahresversammlung der Polygram-Gruppe. Die Art von Veranstaltung, bei der extrem viel getrunken wird, weil alles gratis ist, und die Händler und Vertreter extrem über die Schnur hauen. Am dritten Tag kam der Generaldirektor des Tagungshotels zu mir und sagte: Entschuldigung, aber Ihre Jungs trinken unvorstellbar viel, wollen Sie da keine Grenze setzen? Ich sagte: Was habe ich damit zu tun? Und er meinte: Sie sind doch der Chef hier, oder nicht?

ZEIT: Im Pop werden Musiker aus wohlhabenden Verhältnissen skeptisch betrachtet. Ihr Vater, Herr Meier, war Banker. Gab das je Probleme?

Meier: Starke Probleme sogar. Gerade am Anfang meiner Karriere vermittelten mir viele Menschen ihren Verdacht, dass ich mich in alles reingekauft hätte. Als ich 1972 bei der Documenta dabei war, hieß es sofort, mein Vater hätte da wohl eine große Spende gemacht. Und als Yello Verträge mit großen amerikanischen Firmen unterschrieben, wurde behauptet, mein Vater sei dort ein großer Aktionär. Aber der Schweizer im Allgemeinen kann den Erfolg anderer nicht ertragen. Nach einem Erfolg hat man plötzlich sogar Probleme im Umgang mit ehemaligen Freunden. Einmal wurde ich interviewt, wir sprachen auch über Essays, die ich hin und wieder für Schweizer Zeitungen schrieb. Am Ende des Gesprächs bat mich der Journalist um eine vertrauliche Information und wollte wissen, wer denn bitte schön tatsächlich diese Essays für mich verfassen würde.

ZEIT: Wie beantwortet man so eine Frage?

Meier: Ich antwortete ihm, dass im Keller meiner Villa zwei Intellektuelle eingesperrt sind, die irrsinnig gerne Bananen essen, und immer, wenn ich mal ein Essay brauche, stelle ich denen eine Kiste Bananen hin, und dafür schreiben sie mir was Kluges.