Von der Firma SteloTec hätte die Welt wahrscheinlich nie erfahren. Obwohl sie eine hundertprozentige Tochter der großen Daimler AG ist. SteloTec sitzt in Mannheim und produziert dort mit einer kleinen Belegschaft unter anderem Ölleitungen für Motoren. Dafür interessiert sich normalerweise niemand. Doch jetzt taucht diese Firma ganz vorne in einer Rangliste auf, die Gewerkschafter erstellt haben. Die darin genannten Firmen, so ihr Vorwurf, beschäftigen extrem wenig festes Personal und enorm viele Leiharbeiter . Bei SteloTec beträgt die »Leiharbeitsquote« nach Angaben der IG Metall 66,7 Prozent. Es ist der höchste Wert, den die Gewerkschafter bei einer Befragung in mehr als 600 Unternehmen in Baden-Württemberg ermittelt haben. Das geht aus einer Broschüre hervor, die die IG Metall Baden-Württemberg verbreitet. Ihr Titel: Schwarzbuch Leiharbeit .

Vor einigen Jahren prangerten Gewerkschafter von ver.di mit einem Schwarzbuch Lidl Missstände in Supermärkten an. Jetzt geht die IG Metall ganz ähnlich – nach dem Prinzip des naming and shaming – gegen die Zeitarbeitsbranche und ihre Kunden vor. Am Pranger stehen nun auch Vorzeigeunternehmen der deutschen Wirtschaft – etwa Porsche , BMW und eben eine Daimler-Tochter. Verschiedene Bezirksverbände der Gewerkschaft haben aufgelistet, wer wo wie viele Leiharbeiter beschäftigt. Mitte dieser Woche wird außerdem der Bundesvorstand der IG Metall ein eigenes Schwarzbuch Leiharbeit vorstellen. Darin schildern Zeitarbeiter anonymisiert, welche schlechten Erfahrungen sie mit dieser Beschäftigungsform gemacht haben. Es ist der Höhepunkt einer schon länger laufenden Kampagne, die nicht zufällig gerade jetzt schärfer wird.

In der Zeitarbeit stehen wichtige Entscheidungen an. Es geht um die Bezahlung von 900.000 Beschäftigten, um Lohnsteigerungen von bis zu 50 Prozent und die Frage, welche Spielregeln in dieser besonderen Branche künftig gelten sollen. Zum einen verhandeln die Tarifparteien darüber. Zum anderen erklärte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen Anfang 2011, die Tarifpartner sollten sich innerhalb eines Jahres auf Regelungen zur gleichen Bezahlung von Stamm- und Leiharbeitskräften verständigen, das sogenannte Equal Pay. Andernfalls werde der Gesetzgeber eingreifen. Die von ihr gesetzte Frist läuft Ende dieses Monats ab.

Selbst im Entwicklungszentrum von Porsche arbeiten Leiharbeiter

Die Gewerkschaften sagen, sie seien nicht grundsätzlich gegen Zeitarbeit. Aber sie dürfe nicht missbraucht werden, um Löhne zu drücken. Es gebe Auswüchse. In welchem konkreten Fall die Gewerkschafter einen Missbrauch sehen, geht aus den von ihnen verteilten Listen allerdings nicht hervor. Zumal die darin aufgeführten Zahlen offenbar nicht immer richtig sind. Bei SteloTec etwa erklärt der Betriebsrat auf Anfrage, der Leiharbeitsanteil liege nicht bei 67, sondern bei circa 40 Prozent – was aber immer noch zu hoch sei. Ein Sprecher von Daimler rechtfertigt diese Quote damit, dass die SteloTec sich »als Lieferant für die Lkw-Fertigung in einem sehr zyklischen Geschäftsumfeld« bewege. Außerdem sei man wegen eines neuen Lkw-Modells gerade in einer »Produktanlaufphase«, deshalb ergänzten Leiharbeiter die Stammbelegschaft. Der Betriebsrat hält das für vorgeschoben. Angeblich »vorübergehende« Leiharbeit gebe es bei ihnen »schon seit sechs Jahren«.

Das Beispiel SteloTec ist insofern ungewöhnlich, als dass der Einsatz von Leiharbeitern im Daimler-Mutterkonzern längst durch Vereinbarungen mit dem Betriebsrat begrenzt ist. Dort dürfen die Zeitarbeitnehmer in einem Werk im Regelfall nicht mehr als acht Prozent des Stammpersonals ausmachen. Außerdem gilt – anders als bei SteloTec – eine Equal-Pay-Regelung: Leihkräfte bekommen zumindest den tariflichen Grundlohn von Festangestellten. Bei Arbeitern entspricht das nach Daimler-Angaben einem Stundenlohn von 17,05 Euro. Das sind fast 10 Euro mehr als der Mindestlohn in der Zeitarbeit , der seit Anfang dieses Jahres gilt.

Auch in anderen Unternehmen existieren Regeln für die Leiharbeit. Bei Porsche erhalten Zeitarbeiter nach Angaben von Betriebsratschef Uwe Hück an einigen Standorten »den gleichen Lohn, die gleichen Überstundenzuschläge und die gleichen Pausenzeiten wie Festangestellte«. Außerdem sei für das Stammwerk vereinbart worden, dass in der Produktion eingesetzte Leiharbeiter nach fünf Monaten einen befristeten Arbeitsvertrag bei Porsche bekommen müssten. Diese Regelung gelte jedoch nicht für Ingenieure. Ausgerechnet Porsches Entwicklungszentrum in Weissach taucht wegen eines hohen Leiharbeitsanteils aber auf einer IG-Metall-Liste auf. Dort sollen 3.649 Stammbeschäftigten 890 Leihkräfte gegenüberstehen. Ein Porsche-Sprecher will nur eine »dreistellige Zahl« an Leiharbeitern bestätigen, die wegen der »stark projektgetriebenen Arbeit« enorm schwanke. Hück hält die IG-Metall-Angaben für »nicht ganz richtig«. Er hat sich über die Veröffentlichung geärgert. »Wir sind kurz davor, für das ganze Unternehmen klare Regeln für die Leiharbeit abzuschließen.«