Der Kabarettist Günther Paal und der theoretische Physiker Walter Thirring

DIE ZEIT: Herr Thirring, Sie schreiben in Ihren Büchern davon, dass Gottes Spuren in den Naturgesetzen zu finden sind. Wie meinen Sie das?

Walter Thirring: Wenn wir uns die Naturgesetze näher ansehen, dann erkennen wir, dass sie ungeheuer raffiniert gemacht sind. Wenn nur eine Kleinigkeit anders wäre, dann würde nichts mehr funktionieren. Es schaut also so aus, als ob eine gewisse Intelligenz dahinterstecken würde. Das ist aber auch schon das Ende vom naturwissenschaftlichen Standpunkt. Die weiteren Eigenschaften des Gottesbegriffes erkennt man in den Naturgesetzen nicht.

Günther Paal: Alle Götter wurden von Menschen entworfen. Dass dahinter eine gewisse Intelligenz steckt, ist eine relativ neue Erscheinung. Früher war Gott allmächtig und eben keine Superintelligenz. Wir basteln uns die Götter immer so, wie wir sie gerade erfinden können. Und zu den Naturgesetzen: Wenn es keine andere Chance gibt, ein funktionierendes Universum zu haben als das unsere, mit diesen fein abgestimmten Naturgesetzen, dann ist es doch nicht verwunderlich, dass wir in so einem leben. Das ist in etwa so überraschend, wie dass ein Fluss genau bis zum Ufer geht. Das als Beleg für etwas zu nehmen, halte ich für nicht sehr griffig.

Thirring: Dem stimme ich schon zu. Aber trotzdem ist es Teil unserer menschlichen Logik, einen Sinn dahinter zu suchen.

Paal: Aber selbst wenn Gott das Universum geschaffen hätte, leitet sich daraus nicht zwingend ab, dass er das für uns oder aus irgendeinem anderen Grund gemacht hat. Die Kuh kackt ja auch nicht ins Gras, damit der Skarabäus-Käfer seine Jungen großziehen kann, sondern das passiert einfach. Der Käfer ist der Kuh auch nicht zu Dankbarkeit verpflichtet. Die Feinabstimmungen der Naturgesetze können Gott einfach passiert sein, beim Nägelschneiden etwa. Plötzlich hatte er ein Universum erschaffen, das funktioniert und Leben zulässt. Damit er das gemacht hat, um von uns gepriesen zu werden, ist eine Zusatzannahme, die sich daraus nicht ergibt.

Thirring: Wir sind doch nicht dazu befugt, Gott zu psychoanalysieren, warum er etwas gemacht hat und etwas anderes nicht. Wir können nur sagen, dass er es gemacht hat. Das Warum bleibt fraglich.

Paal: Bei den Verboten wissen wir immer sehr genau Bescheid, aber dort, wo uns Rechte zugestanden würden, ist der Herr unergründlich. Es weist schon sehr viel darauf hin, dass wir Gott nach unserem Ebenbild erfunden haben, und nicht umgekehrt.

Thirring: Gott, oder die vielen Götter, sind entstanden, als man probiert hat, aus der Dynamik des Naturgeschehens heraus draufzukommen, warum das alles funktioniert. Die Natur ist sehr launenhaft und unergründlich, deshalb wird sie personifiziert. Götter gab es für alle Erscheinungen, für den Himmel, die Sonne, Stürme, Blitze und so weiter. Auf diese Weise entstanden diese Vorstellungen. Die christliche Lehre lässt sich ja in einem Satz kondensieren: Wir sind alle Kinder des einen himmlischen Vaters und sind angehalten, seinen Willen zu erfüllen. Das wissenschaftliche Pendant dazu ist: Wir sind alle das Produkt ein und derselben Evolution und tragen in uns das Bestreben, für Nachkommen zu sorgen, damit die Evolution weitergehen kann. Das sind zwei Statements, die in die gleiche Richtung wirken.