MedienDer lange Weg

Bertelsmann mag bald die passende Rechtsform für einen Börsengang haben. Bereit dafür ist der Konzern nicht. von 

Für den Medienkonzern Bertelsmann könnte ein verlorenes Jahrzehnt zu Ende gehen. Vorige Woche hat der neue Vorstandschef Thomas Rabe angekündigt, den Konzern in eine SE & Co. KGaA umzuwandeln . Dies ist eine noch recht junge Rechtsform, und sie könnte zwei bisher unvereinbar scheinende Interessenlagen miteinander verbinden: die der Familie auf der einen und die der Top-Manager im Konzern auf der anderen Seite.

Dazu muss man die Besonderheiten einer Kommanditgesellschaft auf Aktienbasis (KGaA) berücksichtigen. In ihr treffen weiterhin die persönlich haftenden Gesellschafter – sogenannte Komplementäre – alle wesentlichen Entscheidungen und haben bestimmenden Einfluss auf die Geschäftsführung. Die übrigen Gesellschafter, die sogenannten Kommanditisten, besitzen zwar Kontrollrechte, sie dürfen Einsicht nehmen, aber sie haben keine Mitspracherechte wie in einer normalen Aktiengesellschaft. Dort kann ein Aktionär, der über 25,1 Prozent der Anteile verfügt, im Zweifelsfall die wesentlichen Entwicklungen blockieren.

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Die Kommanditisten einer KGaA erhalten für ihre Geldeinlage Aktien, die sie leicht verkaufen können, was umso leichter fällt, wenn die KGaA an der Börse notiert ist. Das wiederum kann geschehen, ohne dass die Komplementäre (in diesem Fall letztlich die Familie Mohn , die Bertelsmann kontrolliert ) so viel Einfluss verlieren wie beim Börsengang einer normalen Aktiengesellschaft. Warum das so ist? Eben weil die Aktionäre nur beschränkte Rechte besitzen.

Dass Bertelsmann zudem keine einfache KGaA nach deutschem Recht sein will, sondern die Form einer Europäischen Aktiengesellschaft (SE & Co. KGaA) wählt, hat für die Eigentümer und den Vorstand einige organisatorische Vorteile. So erleichtert eine Europäische Aktiengesellschaft innerhalb eines Konzerns viele buchhalterische Abläufe und Umstrukturierungen. Auch ließe sich der Konzernsitz aus steuerlichen Gründen leicht in ein anderes EU-Land verlegen.

Die Frage ist nun: Wer soll sich darauf einlassen, in solch eine SE&Co. KGaA als minderberechtigter Gesellschafter zu investieren? Antwort: Sind die Aussichten für das Unternehmen gut, kommen die Anleger in Scharen. So schlicht ist das, und sehen kann man es an der Fresenius SE&Co. KGaA, einem der wachstumsstärksten Werte im Deutschen Aktienindex. Fresenius kontrolliert einen der größten deutschen Krankenhausbetreiber (Helios) und ist zugleich ein führender Anbieter für Infusionnahrung und Infusionstherapie. Darüber hinaus ist die Fresenius SE maßgeblich an der Fresenius Medical Care beteiligt, einem ebenfalls im Dax notierten Konzern, der als Komplettanbieter für die Behandlung von Dialysepatienten auf der ganzen Welt reüssiert.

Nur, und das ist die Krux bei Bertelsmann: Voraussetzung dafür, dass sich Anleger auf diese Rechtsform einlassen, sind die Aussichten des Unternehmens. Und die sind beim Medienkonzern aus Gütersloh derzeit nicht berauschend, ja geradezu dürftig. Um das zu erkennen, reicht ein Blick auf die vergangenen fünf Jahre. Der Umsatz schrumpfte in dieser Zeit um ein knappes Fünftel, und rechnet man die Inflationsrate mit ein, ging der Umsatz in den fortgeführten Geschäften auch im vergangenen Jahr zurück.

Bleibt die Frage, wie viel Vertrauen die Anleger darin haben können, dass es in Zukunft besser wird. Auch hier wird sie die Gewinn-und-Verlust-Rechnung entmutigen. Die Zahl der fehlgeschlagenen Geschäfte lässt sich nicht an zwei Händen abzählen. Viel davon reicht in die Ära von Thomas Rabes Vorvorgänger Gunter Thielen zurück.

Die Misserfolge hinterlassen ihre Spur in den fortlaufenden Sondereinflüssen, die Bertelsmann ausweist. Jahr für Jahr dokumentieren sie fehlgeschlagene Investments oder stehen, anders ausgedrückt, für unglückliche Entscheidungen des Managements. Alle zusammen summieren sich in den vergangenen Jahren auf nahezu drei Milliarden Euro. Thomas Rabe, der neue Vorstandschef, hat sie in seiner Funktion als Finanzvorstand nach außen hin mitgetragen.

Zählt man auch die 4,5 Milliarden Euro hinzu, die Bertelsmann vor einigen Jahren dafür aufwandte, einen Minderheitsaktionär auszuzahlen, bekommt man eine Vorstellung davon, wie viele Chancen dieses Unternehmen ausgelassen hat. Auch diesen Vorgang hat Rabe, damals ganz frisch in den Vorstand berufen, exekutiert.

Wenn sich der neue Vorstandschef nun, wie angekündigt, fünf bis zehn Jahre Zeit lassen will, bis der Konzern wieder so wachstumsstark ist wie zuletzt in den 1980er und 1990er Jahren, dann ist das realistisch, vorsichtig und klug. Rabe wird diese Zeit brauchen, um Investoren eine überzeugende Perspektive zu bieten.

Zu seiner Strategie gehört, so viel ist schon klar, eine Expansion außerhalb von Europa , wo Bertelsmann bis heute 80 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet. Und wie andere Manager setzt auch Rabe auf die wirtschaftliche Entwicklung Asiens . Nur ist das Mediengeschäft ein anderes als etwa das Automobilgeschäft. Beispiel China : Für den Bertelsmann-Verlag Gruner+Jahr ist China bereits einer der größten Auslandsmärkte geworden, mit beeindruckenden Wachstumsraten zwischen zehn und zwanzig Prozent pro Jahr. Jedoch hängt dieser Umsatz vollständig an einer Lizenzvergabe durch die kommunistische Bürokratie. Im Verlagsvorstand selbst schätzt man die Lage als so instabil ein, dass man zwar auf Bilanzpressekonferenzen die telefonbuchstarken Zeitschriften für den chinesischen Markt stolz präsentiert, über Details aber seit Jahren eisern schweigt. Wie willkürlich China mit ausländischen Medien- und Internetunternehmen umgeht, mussten in den vergangenen fünfzehn Jahren sowohl Medientycoon Rupert Murdoch als auch der Suchmaschinen-Konzern Google erfahren. Es kostete beide am Ende viel Geld.

Trotzdem, und das ist die gute Nachricht: Mit der Perspektive, Anleger am Kapitalmarkt überzeugen zu müssen, bekommt das Management von Bertelsmann mehr Freiheiten. Dann zählt eben nicht mehr nur der Wille der Familie und ihres Beraterkreises. Dem Konzern wird das helfen.

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Leserkommentare
  1. wie danach das Bälle-Zuspielen durch den konzerneigenen steuerbegünstigten Vordenker Bertelsmann-Stiftung und die nachfolgenden Ausführungen mit Dienstleistungen der Bertelsmann AG weitergehen.

  2. gegenüber der bisherigen Rechtsform findet man im folgenden Wikipedia-Eintrag http://de.wikipedia.org/w... . Denn so eine Umgestaltung kostet erst einmal viel Geld, das muss durch enorme unternehmerische Vorteile aufgewogen werden und wird es auch.

    Was nicht geschrieben wurde, ist, dass der Bertelsmann Konzern vielleicht in den letzten Jahren zuvile zugekauft hat und dies nicht in den Konzern reinpasste, weil sich die Leute mit den neuen Geschäften nicht auskannten und sich deshalb nicht richtig damit beschäftigten.

    Die andere Sache ist natürlich, dass in den letzten Jahren alle Konzerne, die sich auf gedruckte Information spezialisiert haben, gewisse Umsatzeinbußen hinnehmen mussten, weil sie die elektronischen Verbreitungswege unterschätzten.

    Wenn, wie berichtet, die letzten fünf Jahre der Geschäftsentwicklung betrachtet, darf man auch noch erwähnen, dass alle Unternehmen seit 2008 massive Umsatzeinbrüche zu verzeichen haben, durch die von Banken, Versicherungen und Spekulanten ausgelöste Banken- und Finanzkrise.

  3. Und was heißt das jetzt für die Tausenden angestellten und freien Mitarbeitern? Wahrscheinlich wird das Controlling wieder erhöht, die Gagen, Honorare und Gehälter gekürzt und die Rechte werden weiter beschnitten...

  4. Je windiger das Steuersparmodell, desto komplexer die Unternehmensform!

  5. Der Autor beweist, dass er wenig bis keine Ahnung von Gesellschafts- oder Steuerrecht hat oder Propaganda treiben möchte. Die Besteuerung ist rechtsformunabhängig. Auch als SE und Co KGaA ist Bertelsmann in D steuerpflichtig. Maßgeblich sind die Betriebsstätten, also die tatsächliche Tätigkeit. Dass die bei solchen unterirdischen Kommentaren allerdings verlegt werden werden, ist freilich zu erwarten.

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