Die Misserfolge hinterlassen ihre Spur in den fortlaufenden Sondereinflüssen, die Bertelsmann ausweist. Jahr für Jahr dokumentieren sie fehlgeschlagene Investments oder stehen, anders ausgedrückt, für unglückliche Entscheidungen des Managements. Alle zusammen summieren sich in den vergangenen Jahren auf nahezu drei Milliarden Euro. Thomas Rabe, der neue Vorstandschef, hat sie in seiner Funktion als Finanzvorstand nach außen hin mitgetragen.

Zählt man auch die 4,5 Milliarden Euro hinzu, die Bertelsmann vor einigen Jahren dafür aufwandte, einen Minderheitsaktionär auszuzahlen, bekommt man eine Vorstellung davon, wie viele Chancen dieses Unternehmen ausgelassen hat. Auch diesen Vorgang hat Rabe, damals ganz frisch in den Vorstand berufen, exekutiert.

Wenn sich der neue Vorstandschef nun, wie angekündigt, fünf bis zehn Jahre Zeit lassen will, bis der Konzern wieder so wachstumsstark ist wie zuletzt in den 1980er und 1990er Jahren, dann ist das realistisch, vorsichtig und klug. Rabe wird diese Zeit brauchen, um Investoren eine überzeugende Perspektive zu bieten.

Zu seiner Strategie gehört, so viel ist schon klar, eine Expansion außerhalb von Europa , wo Bertelsmann bis heute 80 Prozent seines Umsatzes erwirtschaftet. Und wie andere Manager setzt auch Rabe auf die wirtschaftliche Entwicklung Asiens . Nur ist das Mediengeschäft ein anderes als etwa das Automobilgeschäft. Beispiel China : Für den Bertelsmann-Verlag Gruner+Jahr ist China bereits einer der größten Auslandsmärkte geworden, mit beeindruckenden Wachstumsraten zwischen zehn und zwanzig Prozent pro Jahr. Jedoch hängt dieser Umsatz vollständig an einer Lizenzvergabe durch die kommunistische Bürokratie. Im Verlagsvorstand selbst schätzt man die Lage als so instabil ein, dass man zwar auf Bilanzpressekonferenzen die telefonbuchstarken Zeitschriften für den chinesischen Markt stolz präsentiert, über Details aber seit Jahren eisern schweigt. Wie willkürlich China mit ausländischen Medien- und Internetunternehmen umgeht, mussten in den vergangenen fünfzehn Jahren sowohl Medientycoon Rupert Murdoch als auch der Suchmaschinen-Konzern Google erfahren. Es kostete beide am Ende viel Geld.

Trotzdem, und das ist die gute Nachricht: Mit der Perspektive, Anleger am Kapitalmarkt überzeugen zu müssen, bekommt das Management von Bertelsmann mehr Freiheiten. Dann zählt eben nicht mehr nur der Wille der Familie und ihres Beraterkreises. Dem Konzern wird das helfen.