Führungsstil : Harte Schule

Manager führen Schweizer Firmen zunehmend mit amerikanischen Methoden. Ist das gut?
Der Amerikaner Brady Dougan, CEO der Credit Suisse, auf einer Pressekonferenz im November 2011 © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Der Unterschied zwischen Gut und Böse scheint glasklar. Hier die gute alte Schweizer Filzwirtschaft, wo man mit engen Beziehungen, Abschottung und Friedensverträgen ein gutes Auskommen für alle Beteiligten sucht. Dort die angelsächsische Form des Wirtschaftens, wo alles nach dem schnellen Deal strebt – und nach der höchsten Rendite. Hier der klassische Patron, verwurzelt im helvetischen Milizsystem; dort der Manager von irgendwo, der stets weiß, dass er irgendwann weiterziehen wird. Hier Old Europe, da Amerika.

Nirgendwo auf dem Kontinent war die Abkehr von einem alten, auf Konsens und Traditionen beruhenden Firmensystem in den vergangenen Jahren so radikal wie in der Schweiz.

So werden heute nur fünf der 20 Konzerne, die im Swiss Market Index versammelt sind, von einem Schweizer CEO geleitet – aber 15 von Männern aus fremden Ländern, insbesondere aus den USA, Frankreich und Großbritannien. Zum Vergleich: In Deutschland haben nur sechs der 30 Dax-Großkonzerne einen ausländischen Chef, und der kommt meist aus einem kulturell verwandten Nachbarland.

In der Schweiz hat man sich längst gewöhnt an die nomadisierenden Spezialisten aus aller Welt. Zu Beginn der neunziger Jahre trugen die Patrons der bedeutendsten helvetischen Unternehmen noch vertraute Namen, so der hemdsärmelige Helmut A. Maucher, CEO von Nestlé, dessen Vater im Allgäu eine Molkerei besaß. Oder Fritz Gerber an der Spitze von Roche, dessen Vater als Schreinermeister im Emmental seine Familie ernährt hatte. Jetzt, 15 Jahre später, scheint dieser Typus Chef der Geschichte anzugehören.

An den Unternehmensspitzen steht in der Schweiz eine Klasse von Managern und Spezialisten, die auf verschiedenen Kontinenten gearbeitet hat und sich in ihrem Lebens-, Sprach- und Denkstil ausschließlich an amerikanischen Vorbildern orientiert.

Wie kein anderer personifiziert diesen Kulturwandel Brady Dougan, der CEO der Credit Suisse. Bei seinem Amtsantritt 2007 machte ihm der damalige CS-Präsident Walter Kielholz, auch er ein old boy, ausdrücklich die Auflage: »Lernen Sie Deutsch!« Dougan hat diese Forderung nach fünf Jahren noch immer nicht beherzigt. Wieso auch? Schließlich besteht ein großer Teil seiner Entourage aus Amerikanern – und jeder Schweizer Chef, der nach höheren Weihen strebt, hat ein paar Semester an einer amerikanischen Uni studiert. Zumindest ein kostspieliges MBA-Diplom muss jeder, der wirklich etwas zu sagen haben will, aufweisen können. Brady Dougan selbst war an der Uni Chicago. Und wer nicht im angelsächsischen Raum studierte, der arbeitete zumindest dort. Fast alle Konzernchefs, die seit der Jahrtausendwende die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse leiteten, haben sich ihre Sporen entweder an der Wall Street oder in der Londoner City verdient; die einzigen Ausnahmen, Lukas Mühlemann und Peter Wuffli, arbeiteten für den US-Beratungskonzern McKinsey.

Ist das schlimm? Und was sind die Folgen dieser Amerikanisierung der Schweizer Großfirmen?

Auffallend ist bei den Amerikanern das scheinbar Legere, die gelassen gestellte Frage nach dem Befinden, was den trügerischen Eindruck erweckt, dass hier flache Hierarchien herrschen. Doch in Wirklichkeit kann es bei den smarten Chefs knallhart zugehen. Das erlebten etwa die Mitarbeiter der Credit Suisse hautnah, die mit der CS First Boston fusioniert hatte. Sie mussten innerhalb von zwei bis drei Jahren einen so radikalen Wandel durchmachen, dass manch einer heute sagt: »Wir erkennen die Bank nicht wieder.« Der bisher gepflegte paternalistische Stil, wo der Satz »In unserer Bank entlassen wir niemanden« großes Vertrauen schaffte, war mit dem Aufstieg von Dougan dahin. Nach der Fusion kam der Schock mit 4.400 Entlassungen, und es geht weiter. 2012 könnten nochmals 3.500 Mitarbeiter gefeuert werden.

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Kommentare

92 Kommentare Seite 1 von 14 Kommentieren

Meritokratie?

Nun, das ist wohl relativ. Wieviel Geld jemand tatsächlich "verdient" hat, ist wohl Ansichtssache. Wenn ein System es erlaubt, dass solche Summen ausbezahlt werden, so sagt das aber noch lange nichts darüber aus, ob das auch legitim ist und in irgendeinem Verhältnis zur Leistung steht.
Es gibt keine, aber auch wirklich gar keine gute Begründung dafür, dass jemand mehr als 100- bis 200-mal so viel verdient wie ein anderer. Wir sind alle in der Gesellschaft groß geworden, haben von ihr profitiert und können auch nur dadurch zu dem werden, was wir sind (oder auch nicht). Es gibt keine Über-Menschen, auch wenn einige dieser Manager-Soziopathen das von sich glauben mögen.

Nachtrag:

Ach ja, eigentlich sind schon diese 100- bis 200-mal verdammt viel.
Ich erinnere mich an einen Artikel über den großen Schweizer Taschenmesser-Hersteller (wie war noch gleich der Name?), bei dem die strikte Regel herrscht, dass selbst die Chefs nicht mehr als das 5-fache eines normalen Mitarbeiters verdienen. Ob das heute auch noch so ist, weiß ich nicht - klingt aber nach einer vernünftigen Regelung.

Analysieren statt (An-)Klagen

Diese Diskussionen um die Gehälter und die Methoden der Chefs der grossen Unternehmen haben mehr mit mittelalterlichem Glauben an gerechte Preise als mit Marx zu tun. Marx hätte analysiert. Und er hätte Folgendes festgestellt:
- die Gewinnverteilung bei Grossunternehmen schaut typischerweise wie folgt aus: 50% verbleibt bei der Firma, 1-3% geht an die oberste Leitung in Form von Löhnen und Boni, der Rest wird als Dividende ausgeschüttet
- heute werden die Aktien der Grossunternehmen im Durchschnitt weniger als ein Jahr gehalten. Die Perspektive der Unternehmensführung ist entsprechend kurzfristig. Die meisten Chefs verbleiben nur 2-3 Jahre in ihrer Position.
- der alte Patron, der in seine Firma investiert (wie die Familie Elsener beim Taschenmesserfabrikanten Victorinox) und eine Perspektive von über zehn Jahren hat, ist am Aussterben. Die Quellen des hochvolatilen Kapitals von heute sind: Grossunternehmen/reiche Einzelpersonen, die ihr Geld nicht mehr in eigene Geschäfte, sondern an der Böse anlegen; Pensionskassen; Kapital aus den rohstoffexportierenden Ländern (Naher Osten, Russland, Norwegen); Staatsfonds (China, Naher Osten).
Angesichts der kurzfristigen Perspektive dieser Anleger müssen auch die Chefs so reagieren. Auf diesen herumzuhacken macht keinen Sinn. Statt (An)Klage ist Analyse gefordert.

Ihre Analyse ist richtig,

aber es fehlt eine Schlussfolgerung. Sie haben die Situation analysiert, belassen es aber dabei, zu sagen, dass man die Chefs deswegen nicht anklagen dürfe. Das ist ja richtig: Die jetzigen CEOs sind nicht die Wurzel des Problems, sondern ein Symptom - aber sie zeigen eben, dass etwas fundamental falsch läuft.
Nur muss man dann eben sehen: Warum ist es so einträglich, nur noch "sein Geld arbeiten zu lassen"? (Übrigens eine völlig groteske Formulierung, wenn man einmal darüber nachdenkt.) Warum zieht das Wirtschaftsleben solche Blutsauger an? Warum wird nur noch kurzfristig gedacht?

Ich kann jedem nur empfehlen, sich mit unserem Geldsystem auseinanderzusetzen. Sicherlich liegt hier nicht die einzige Ursache dieser Misstände, aber doch ein gewichtiger Teil davon. Zur Einführung:
http://www.youtube.com/wa...