Der Unterschied zwischen Gut und Böse scheint glasklar. Hier die gute alte Schweizer Filzwirtschaft, wo man mit engen Beziehungen, Abschottung und Friedensverträgen ein gutes Auskommen für alle Beteiligten sucht. Dort die angelsächsische Form des Wirtschaftens, wo alles nach dem schnellen Deal strebt – und nach der höchsten Rendite. Hier der klassische Patron, verwurzelt im helvetischen Milizsystem; dort der Manager von irgendwo, der stets weiß, dass er irgendwann weiterziehen wird. Hier Old Europe, da Amerika.

Nirgendwo auf dem Kontinent war die Abkehr von einem alten, auf Konsens und Traditionen beruhenden Firmensystem in den vergangenen Jahren so radikal wie in der Schweiz.

So werden heute nur fünf der 20 Konzerne, die im Swiss Market Index versammelt sind, von einem Schweizer CEO geleitet – aber 15 von Männern aus fremden Ländern, insbesondere aus den USA, Frankreich und Großbritannien. Zum Vergleich: In Deutschland haben nur sechs der 30 Dax-Großkonzerne einen ausländischen Chef, und der kommt meist aus einem kulturell verwandten Nachbarland.

In der Schweiz hat man sich längst gewöhnt an die nomadisierenden Spezialisten aus aller Welt. Zu Beginn der neunziger Jahre trugen die Patrons der bedeutendsten helvetischen Unternehmen noch vertraute Namen, so der hemdsärmelige Helmut A. Maucher, CEO von Nestlé, dessen Vater im Allgäu eine Molkerei besaß. Oder Fritz Gerber an der Spitze von Roche, dessen Vater als Schreinermeister im Emmental seine Familie ernährt hatte. Jetzt, 15 Jahre später, scheint dieser Typus Chef der Geschichte anzugehören.

An den Unternehmensspitzen steht in der Schweiz eine Klasse von Managern und Spezialisten, die auf verschiedenen Kontinenten gearbeitet hat und sich in ihrem Lebens-, Sprach- und Denkstil ausschließlich an amerikanischen Vorbildern orientiert.

Wie kein anderer personifiziert diesen Kulturwandel Brady Dougan, der CEO der Credit Suisse. Bei seinem Amtsantritt 2007 machte ihm der damalige CS-Präsident Walter Kielholz, auch er ein old boy, ausdrücklich die Auflage: »Lernen Sie Deutsch!« Dougan hat diese Forderung nach fünf Jahren noch immer nicht beherzigt. Wieso auch? Schließlich besteht ein großer Teil seiner Entourage aus Amerikanern – und jeder Schweizer Chef, der nach höheren Weihen strebt, hat ein paar Semester an einer amerikanischen Uni studiert. Zumindest ein kostspieliges MBA-Diplom muss jeder, der wirklich etwas zu sagen haben will, aufweisen können. Brady Dougan selbst war an der Uni Chicago. Und wer nicht im angelsächsischen Raum studierte, der arbeitete zumindest dort. Fast alle Konzernchefs, die seit der Jahrtausendwende die beiden Großbanken UBS und Credit Suisse leiteten, haben sich ihre Sporen entweder an der Wall Street oder in der Londoner City verdient; die einzigen Ausnahmen, Lukas Mühlemann und Peter Wuffli, arbeiteten für den US-Beratungskonzern McKinsey.

Ist das schlimm? Und was sind die Folgen dieser Amerikanisierung der Schweizer Großfirmen?

Auffallend ist bei den Amerikanern das scheinbar Legere, die gelassen gestellte Frage nach dem Befinden, was den trügerischen Eindruck erweckt, dass hier flache Hierarchien herrschen. Doch in Wirklichkeit kann es bei den smarten Chefs knallhart zugehen. Das erlebten etwa die Mitarbeiter der Credit Suisse hautnah, die mit der CS First Boston fusioniert hatte. Sie mussten innerhalb von zwei bis drei Jahren einen so radikalen Wandel durchmachen, dass manch einer heute sagt: »Wir erkennen die Bank nicht wieder.« Der bisher gepflegte paternalistische Stil, wo der Satz »In unserer Bank entlassen wir niemanden« großes Vertrauen schaffte, war mit dem Aufstieg von Dougan dahin. Nach der Fusion kam der Schock mit 4.400 Entlassungen, und es geht weiter. 2012 könnten nochmals 3.500 Mitarbeiter gefeuert werden.