FührungsstilHarte Schule
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Kommen Mitarbeiterbewertungen in Ranglistenform wie in den USA?

Was für die Schweizer Öffentlichkeit und Politik zum Skandal taugt, ist für die Firmen selbst ein konsequenter Schritt. Ein Mitarbeiter ist ein Mitarbeiter, egal, wo auf der Welt er sein Büro hat. Großkonzerne wie Novartis, ABB, Nestlé, UBS und Credit Suisse sind durch und durch globalisiert. Der weitaus größte Teil ihrer Mitarbeiter ist im Ausland tätig. Für Novartis arbeiten weltweit 123.686 Menschen – in der Schweiz sind es bloß rund 13.550. Noch krasser stellt sich die Lage bei ABB dar: Rund um den Globus arbeiten 135.000 Mitarbeiter, in der Schweiz nur 6.600. Und bei der Credit Suisse stehen international 80.538 Mitarbeiter auf der Lohnliste, davon 28.235 in der Schweiz. Doch die Amerikanisierung reicht tiefer. »Wer heute entlassen wird, bekommt manchmal zu hören, er habe selber Schuld und sich selbst vernachlässigt«, sagt Soziologieprofessor Franz Schultheis von der Universität St. Gallen. Die amerikanische Managementphilosophie verlangt, dass Arbeitnehmer ständig an sich selbst arbeiten, ständig beweisen, dass sie eine Pflicht gegenüber dem Unternehmen haben. Vorher war es umgekehrt, das Unternehmen hatte gegenüber den Mitarbeitern anerkannte Pflichten. Life long learning hat das frühere Selbstverständnis, bis zur Rente im Unternehmen zu bleiben, ersetzt. »Heute sind wir dabei, das Humankapital wie eine Ware zu sehen, austauschbar, für eine bestimmte Zeit gedacht. Und wenn es nicht mehr funktioniert, heißt es: Adieu!«, sagt Franz Schultheis.

Für die Global Player gilt die Devise: Es ist egal, woher der Chef kommt, wenn er nur das Unternehmen profitabler macht. Diese Managerelite fühlt sich in erster Linie dem Aktionär verpflichtet.

Franz Schultheis vergleicht die globalen Firmen mit dem globalisierten Spitzensport. Auch da spielten verschiedene Nationalitäten, die besten aus aller Welt messen sich gegenseitig. Doch der Idee, nur die Besten der Welt an die Spitze der Schweizer Großkonzerne zu holen, kann der Soziologe nichts abgewinnen. Schließlich führt ein CEO das Unternehmen nicht alleine zum Erfolg: »Er muss sehen und spüren, wie er den Konzern mit allen Mitarbeitern führt, denn Mitarbeiter sind keine Rohstoffe. Das Wichtigste besteht darin, dass er es fertigbringt, die Mitarbeiter so zu motivieren, dass diese sich mit ihrer Firma identifizieren und in der zur Verfügung stehenden Zeit das Maximum geben – zum Wohle aller.«

Dazu gehört auch eine Anpassung des Führungsstils. Was in Großbritannien oder den USA Erfolg hat, stößt hierzulande nicht zwingend auf Gegenliebe.

»Ganz wesentlich ist, dass man in der Schweiz nicht hart kritisiert wird«, sagt Franz Schultheis, es herrsche bis heute eine sehr konsensuale Kultur. Man gehe zurückhaltend miteinander um: »Ein Chef sollte auch Anerkennung aussprechen können und immer noch eine soziale, paternalistische Tendenz erkennen lassen.« Aber die Top-Cracks der Schweizer Manager treiben die Amerikanisierung sichtbar auf die Spitze. Etwa mit der Bonus-Kultur, einem weiteren erfolgreichen US-Import.

So kassierten auch im abgelaufenen Jahr einige Manager gewaltige Summen. Angeführt wird die Liste von Joe Jimenez von Novartis (15,4 Millionen Franken Gesamtvergütung), Severin Schwan bei Roche (12,3), Paul Bulcke von Nestlé (10,3) und ABB-Chef Joe Hogan (9,37).

Doch den höchsten je in einem Schweizer Unternehmen ausbezahlten Bonus heimste 2010 CS-Konzernchef Brady Dougan ein: 70 Millionen Franken. Es folgte ein Aufschrei in Medien, Politik, aber auch unter den Kunden. Dougan selbst soll reichlich pikiert auf die Kritik reagiert haben, sagen Vertraute.

Trotzdem wäre es falsch, zu behaupten, nur Amerikaner hätten hohe Lohnansprüche. Roche-CEO Schwan ist Österreicher, Nestlé-Bulcke ist Belgier, und die legendärsten Großverdiener des letzten Jahrzehnts waren ein Bündner und ein Basler: Daniel Vasella und Marcel Ospel. Beide Manager zeigen: Man muss keinen US-Pass besitzen, um seine Firma auf amerikanische Art zu führen – es ist eher eine Frage des state of mind.

Wer will, kann Vasella, intern »Super-Dan« genannt, sogar als den amerikanischsten Manager der Schweizer Wirtschaft bezeichnen: Er führte Englisch als Konzernsprache ein, er setzte durch, dass das Basler Haus Novartis in Dollar abrechnet. Konfrontiert man ihn mit der Kritik an den Managerlöhnen, so spürt man vor allem Unverständnis: Die Schweiz, so Vasella, sei eben eine Neidgesellschaft, während in den USA eine Meritokratie herrsche. Selbst im Gespräch mit Deutschsprachigen fällt er gern ins Englische.

Stellt sich die Frage: Was droht den Angestellten Schweizer Großunternehmen als Nächstes?

Etwa Mitarbeiterbewertungen in Ranglistenform, wie sie in den USA seit 20 Jahren üblich sind? Darauf werden die Angestellten in drei Kategorien eingeteilt: A für die Top-Leute, die mit allen Mitteln gefördert werden, als »Bodenpersonal« wird die Kategorie B geduldet, und jene in C – die gehören zum Ausschuss. Soziologieprofessor Schultheis sagt: »Dieses System ist mit der Schweizer und der deutschen Mentalität nicht kompatibel.«

Wenn er da nur mal nicht irrt und die Amerikanisierung der Schweizer Wirtschaft unterschätzt.

 
Leserkommentare
  1. Nein!

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    ...einfach kein Englisch mehr zu sprechen. Hilfreich ist hier der Hinweis auf die wahrhaft "grandiosen Erfolge" US-Wirtschaft in den vergangenen vier Jahren zu verweisen.

    Ich meine, wir Europäer sind aufgerufen, uns der "Globalisierung" komplett verweigern.

    ...einfach kein Englisch mehr zu sprechen. Hilfreich ist hier der Hinweis auf die wahrhaft "grandiosen Erfolge" US-Wirtschaft in den vergangenen vier Jahren zu verweisen.

    Ich meine, wir Europäer sind aufgerufen, uns der "Globalisierung" komplett verweigern.

  2. Auf keinen Fall gut, eher bescheiden!

  3. Nun, das ist wohl relativ. Wieviel Geld jemand tatsächlich "verdient" hat, ist wohl Ansichtssache. Wenn ein System es erlaubt, dass solche Summen ausbezahlt werden, so sagt das aber noch lange nichts darüber aus, ob das auch legitim ist und in irgendeinem Verhältnis zur Leistung steht.
    Es gibt keine, aber auch wirklich gar keine gute Begründung dafür, dass jemand mehr als 100- bis 200-mal so viel verdient wie ein anderer. Wir sind alle in der Gesellschaft groß geworden, haben von ihr profitiert und können auch nur dadurch zu dem werden, was wir sind (oder auch nicht). Es gibt keine Über-Menschen, auch wenn einige dieser Manager-Soziopathen das von sich glauben mögen.

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    Ach ja, eigentlich sind schon diese 100- bis 200-mal verdammt viel.
    Ich erinnere mich an einen Artikel über den großen Schweizer Taschenmesser-Hersteller (wie war noch gleich der Name?), bei dem die strikte Regel herrscht, dass selbst die Chefs nicht mehr als das 5-fache eines normalen Mitarbeiters verdienen. Ob das heute auch noch so ist, weiß ich nicht - klingt aber nach einer vernünftigen Regelung.

    Ach ja, eigentlich sind schon diese 100- bis 200-mal verdammt viel.
    Ich erinnere mich an einen Artikel über den großen Schweizer Taschenmesser-Hersteller (wie war noch gleich der Name?), bei dem die strikte Regel herrscht, dass selbst die Chefs nicht mehr als das 5-fache eines normalen Mitarbeiters verdienen. Ob das heute auch noch so ist, weiß ich nicht - klingt aber nach einer vernünftigen Regelung.

  4. Ach ja, eigentlich sind schon diese 100- bis 200-mal verdammt viel.
    Ich erinnere mich an einen Artikel über den großen Schweizer Taschenmesser-Hersteller (wie war noch gleich der Name?), bei dem die strikte Regel herrscht, dass selbst die Chefs nicht mehr als das 5-fache eines normalen Mitarbeiters verdienen. Ob das heute auch noch so ist, weiß ich nicht - klingt aber nach einer vernünftigen Regelung.

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    Antwort auf "Meritokratie?"
  5. Diese Diskussionen um die Gehälter und die Methoden der Chefs der grossen Unternehmen haben mehr mit mittelalterlichem Glauben an gerechte Preise als mit Marx zu tun. Marx hätte analysiert. Und er hätte Folgendes festgestellt:
    - die Gewinnverteilung bei Grossunternehmen schaut typischerweise wie folgt aus: 50% verbleibt bei der Firma, 1-3% geht an die oberste Leitung in Form von Löhnen und Boni, der Rest wird als Dividende ausgeschüttet
    - heute werden die Aktien der Grossunternehmen im Durchschnitt weniger als ein Jahr gehalten. Die Perspektive der Unternehmensführung ist entsprechend kurzfristig. Die meisten Chefs verbleiben nur 2-3 Jahre in ihrer Position.
    - der alte Patron, der in seine Firma investiert (wie die Familie Elsener beim Taschenmesserfabrikanten Victorinox) und eine Perspektive von über zehn Jahren hat, ist am Aussterben. Die Quellen des hochvolatilen Kapitals von heute sind: Grossunternehmen/reiche Einzelpersonen, die ihr Geld nicht mehr in eigene Geschäfte, sondern an der Böse anlegen; Pensionskassen; Kapital aus den rohstoffexportierenden Ländern (Naher Osten, Russland, Norwegen); Staatsfonds (China, Naher Osten).
    Angesichts der kurzfristigen Perspektive dieser Anleger müssen auch die Chefs so reagieren. Auf diesen herumzuhacken macht keinen Sinn. Statt (An)Klage ist Analyse gefordert.

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    aber es fehlt eine Schlussfolgerung. Sie haben die Situation analysiert, belassen es aber dabei, zu sagen, dass man die Chefs deswegen nicht anklagen dürfe. Das ist ja richtig: Die jetzigen CEOs sind nicht die Wurzel des Problems, sondern ein Symptom - aber sie zeigen eben, dass etwas fundamental falsch läuft.
    Nur muss man dann eben sehen: Warum ist es so einträglich, nur noch "sein Geld arbeiten zu lassen"? (Übrigens eine völlig groteske Formulierung, wenn man einmal darüber nachdenkt.) Warum zieht das Wirtschaftsleben solche Blutsauger an? Warum wird nur noch kurzfristig gedacht?

    Ich kann jedem nur empfehlen, sich mit unserem Geldsystem auseinanderzusetzen. Sicherlich liegt hier nicht die einzige Ursache dieser Misstände, aber doch ein gewichtiger Teil davon. Zur Einführung:
    http://www.youtube.com/wa...

    aber es fehlt eine Schlussfolgerung. Sie haben die Situation analysiert, belassen es aber dabei, zu sagen, dass man die Chefs deswegen nicht anklagen dürfe. Das ist ja richtig: Die jetzigen CEOs sind nicht die Wurzel des Problems, sondern ein Symptom - aber sie zeigen eben, dass etwas fundamental falsch läuft.
    Nur muss man dann eben sehen: Warum ist es so einträglich, nur noch "sein Geld arbeiten zu lassen"? (Übrigens eine völlig groteske Formulierung, wenn man einmal darüber nachdenkt.) Warum zieht das Wirtschaftsleben solche Blutsauger an? Warum wird nur noch kurzfristig gedacht?

    Ich kann jedem nur empfehlen, sich mit unserem Geldsystem auseinanderzusetzen. Sicherlich liegt hier nicht die einzige Ursache dieser Misstände, aber doch ein gewichtiger Teil davon. Zur Einführung:
    http://www.youtube.com/wa...

  6. aber es fehlt eine Schlussfolgerung. Sie haben die Situation analysiert, belassen es aber dabei, zu sagen, dass man die Chefs deswegen nicht anklagen dürfe. Das ist ja richtig: Die jetzigen CEOs sind nicht die Wurzel des Problems, sondern ein Symptom - aber sie zeigen eben, dass etwas fundamental falsch läuft.
    Nur muss man dann eben sehen: Warum ist es so einträglich, nur noch "sein Geld arbeiten zu lassen"? (Übrigens eine völlig groteske Formulierung, wenn man einmal darüber nachdenkt.) Warum zieht das Wirtschaftsleben solche Blutsauger an? Warum wird nur noch kurzfristig gedacht?

    Ich kann jedem nur empfehlen, sich mit unserem Geldsystem auseinanderzusetzen. Sicherlich liegt hier nicht die einzige Ursache dieser Misstände, aber doch ein gewichtiger Teil davon. Zur Einführung:
    http://www.youtube.com/wa...

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  7. ihre wohlverdienten Boni kassieren dürfen, nachdem sie Unternehmen zerschlagen, Kunden verprellt und Kollegen in Nervenanstalten verschlagen bzw. zu Hartz IV-Empfängern gekrönt haben.

    Wettbewerb und noch mehr Wettbewerb, das eigene Ego überzüchtend bis allenthalben die Finanzkrisen, Bankkrisen, Staatsschuldenkrisen, Arbeitsmarktkrisen oder eben neue Kriege alles wieder zunichte machen.

    Ist das gut genug?

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  8. »Dieses System ist mit der Schweizer und der deutschen Mentalität nicht kompatibel.«

    Daran hat sich schon der Riese Walmart die Zähne ausgebissen.

    5 Leserempfehlungen
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    Und die Bewegung verläuft nur in eine Richtung, nämlich in die des amerikanischen Wirtschaftens. Dass Walmart sich die Zähne ausgebissen hat, mag ja stimmen, aber dennoch kommen ja in der Schweiz und in Deutschland immer mehr mit diesen verbrecherischen Methoden durch. Scheint sich also doch halbwegs zu vertragen - oder zumindest ist der Widerstand nicht groß genug, dass sich die anderen auch "ihre Zähne ausbeißen"...

    Und die Bewegung verläuft nur in eine Richtung, nämlich in die des amerikanischen Wirtschaftens. Dass Walmart sich die Zähne ausgebissen hat, mag ja stimmen, aber dennoch kommen ja in der Schweiz und in Deutschland immer mehr mit diesen verbrecherischen Methoden durch. Scheint sich also doch halbwegs zu vertragen - oder zumindest ist der Widerstand nicht groß genug, dass sich die anderen auch "ihre Zähne ausbeißen"...

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