Der gummibärchenfarbige Hörsaal an der Uni Zürich ist gut gefüllt. »EDA – Quo vadis?« lautet der Titel der Veranstaltung. Ein Altbotschafter, ein Thinktank-Gründer und ein Uni-Professor parlieren, ganz gesittet, über die Schweiz, ihre Rolle in Europa, in der Welt. Doch dann, in der Fragerunde mit dem Publikum, entflammt die Debatte. »Die Schweizer Außenpolitik ist eine Katastrophe!«, ruft ein altgedienter Diplomat in den Saal. Zustimmendes Nicken. Betretenes Schweigen.

Ist die Schweizer Diplomatie tatsächlich im Niedergang? Und was bedeutete das für den Kleinstaat, der mit den USA und der EU im Steuerstreit liegt, also stark unter Druck steht – und dabei immerfort Zugeständnisse machen muss?

Ein paar Wochen später, in der Au Premier Bar im Zürcher Hauptbahnhof. Christian Blickenstorfer, graue Haare, dünne Brille, trägt einen schwarzen Rollkragenpullover, ein schwarz-weiß gestreiftes Jackett. Eben ist er aus seinem Zweitwohnsitz im Engadin an den Zürichsee zurückgekehrt. Als Botschafter war er für die Schweiz in Saudi-Arabien, Washington und Deutschland. Im vergangenen Sommer, nach seiner Pensionierung, gründete Blickenstorfer einen Klub ehemaliger Diplomaten, die Swiss Diplomats – Zurich Network. An der Uni Zürich saß er mit auf dem Podium.

Seine Kritik äußert der 67-Jährige sachlich. Er ist kein Gekränkter wie Carlo Jagmetti, der ehemalige Botschafter in Washington, den der Bundesrat 1997 fallen ließ, weil in der Affäre um die Holocaust-Gelder eine seiner geharnischten Depeschen an die Öffentlichkeit gelangte. Er ist keiner wie Thomas Borer, der letzte Star der Schweizer Diplomatie, der als Botschafter in Berlin sogar bei Wetten, dass..? auf dem Showsofa saß, das Opfer einer Medienkampagne wurde und schließlich das Eidgenössische Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) im Streit verließ.

Aber auch Christian Blickenstorfer findet, auf ihn und seine Botschafterkollegen werde zu wenig gehört. Etwa in der Debatte ums Bankgeheimnis. Seit Jahren hätten sie die Zentrale in Bern darauf aufmerksam gemacht, dass die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug außerhalb der Schweiz nicht verstanden werde. »Die Schweiz hätte für die Aufgabe des Bankgeheimnisses von den USA eine Gegenleistung aushandeln können, wenn Bern früher die Warnungen der Diplomaten auf den Außenposten gehört hätte.«

Doch geht es den Altbotschaftern wirklich nur darum, endlich Gehör zu finden, endlich befreit vom Maulkorb, den sie von Amtes wegen trugen, ihre Meinung zu sagen?

An diesem Montagmorgen, beim Espresso mit Christian Blickenstorfer, kriegt man den Eindruck, dass es um mehr geht. Die Diplomaten mussten hautnah erfahren: Ihr Metier ist eine sunset industry. Dieser ehemals so stolze Berufsstand hat allmählich alles Elitäre verloren. Das Schicksal der Diplomaten erinnert an jenes der Swissair-Piloten. Einst Helden über den Wolken, wurden sie nach dem Grounding der nationalen Airline zu Busfahrern der Lüfte.

Aus einer Berufung wurde ein Job.

»Früher hatte man die Karriere sicher. Es war wie ein Lift, der langsam nach oben fährt«, sagt Blickenstorfer. Die Aufnahme ins diplomatische Corps war wie ein Eintritt ins Kloster – raus kam man mit den Füßen voran. Micheline Calmy-Rey, die streitbare Außenministerin, schickte sich an, diese Tradition zu beerdigen. Sie wollte die vorgezeichneten Karrieren brechen, mehr Quereinsteiger rekrutieren, Konkurrenz schaffen, eine Reform durchpauken, von oben beordert – so wie es der Stil von la cheffe war. Das führte letzten Sommer zur Palastrevolution. Unter Applaus ihrer Angestellten verkündete die Bundesrätin auf einer Informationsveranstaltung im Bernerhof das Übungsende.