Cellist M. Hornung: Begabung als Verpflichtung
Der Cellist Maximilian Hornung ist Hoffnungsträger einer neuen Musikergeneration.
© Sony Music

Der Cellist Maximilian Hornung
Warum wird einer Musiker? Der Saxofonist Sonny Rollins hat gesagt, es sei das Instrument gewesen, so glänzend und kunstvoll metallverschlungen schön im Koffer, wie es darin lag – da habe er sich einfach verliebt. Der Dirigent Pierre Boulez antwortete: »Je veux dominer«, und wenn man ihn so anschaut und ihm als immer noch genialem Erkenntniserheller zuhört, war damit natürlich auch nicht alles, aber doch eine ganze Menge gesagt.
Der Cellist Maximilian Hornung hingegen, 25 Jahre alt, also jung und frisch wie der Frühling, erinnert zuallererst an einen Blick aus seiner Kinderzeit auf vier gesetzte Herren, die sich in einem Augsburger Wohnzimmer über Streichquartettliteratur beugten. Einer davon war sein Vater. Die Wangen am Holz, prüften und berieten sie, lachten, stritten, disziplinierten sich und ließen sich gehen – und hatten am Ende der Probe zwar nicht unbedingt die Werke neu erfunden und die Welt verändert, aber zumindest einen Standpunkt bezogen und Freude gehabt und das Gemeinschaftsglück genossen.
Wer ernsthaft hören möchte, wie das Glück der musikalischen Gemeinsamkeit klingt, muss den letzten Take auf Maximilian Hornungs neuer CD mit Dvořáks Cellokonzert und Stücken von Camille Saint-Saëns wählen. Opus 36 ist eine kleine Romanze des Franzosen, keine hundert Takte, ursprünglich einmal geschrieben für Horn und Klavier, und, wie oft bei Saint-Saëns, herzlich dem Solisten gewidmet. Nichts Bahnbrechendes. Keine neue Weichenstellung in der Musikgeschichte. Eine Melodie, easy going, aber: Sie will getragen werden. Maximilian Hornung und die Bayerische Staatsphilharmonie unter Sebastian Tewinkel nehmen dazu alle Hände, die sie haben, bis das Stück scheinbar abhebt und sich akademische Fragen nicht mehr stellen, die Saint-Saëns ohnehin ungern in Betracht zog.
Als Jules Massenet starb, dessen Erfolgsopern er selber gerne geschrieben hätte, erschien in Saint-Saëns’ Nachruf recht unverklausuliert seine eigene Standortbestimmung, auch wenn der Kollege gemeint war: »Er ist oberflächlich, heißt es, er hat keine Tiefe. Das stimmt: Er hat keine Tiefe, aber das ist auch völlig bedeutungslos. So wie des Herrn Haus viele Wohnungen hat, gibt es auch viele im Hause Apolls. Das Reich der Kunst ist so unermesslich groß.«
Maximilian Hornung hat dieses Kunst-Haus zunächst über einen kleinen Umweg, aber mit rasanter Zielstrebigkeit betreten. Es ist nämlich das Cello gewesen, für das er prädestiniert war, nicht die Geige, und Hornung hat gelernt, was das Zeug hielt – für das Musikerleben, nicht für die Schule. Mit 16 ist er raus aus dem Gymnasium, auch weil seine Eltern schließlich ihren Segen dazu gaben. Und auf einmal habe er richtig viel Zeit gehabt, sagt Maximilian Hornung bei einem Gespräch in München. Heute ist Hornung Erster Solocellist im Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, einem der besten Orchester der Welt. Er gehört zu einer jungen neuen Generation von Musikern, und wenn es weiterhin gut geht, wird sie womöglich ein neues Publikum erschließen.
Detailgenaue Ausleuchtung einer verletzten Seele
Die alten Abonnenten kennen noch die Zelebritäten: Menschen wie aus einem anderen Jahrhundert, Kunstmönche und Hohepriester der strengen und anstrengenden Sorte. Dann kamen Epigonen, etliche nicht ganz durch die Bank legitimierte Exzentriker – und manches schwer medienmanipulierte Blendwerk war auch dabei. Hornung zählt zu einer Handvoll Hochbegabungen, die einerseits die üblichen Pfade gegangen sind (2005 Gewinn des Deutschen Musikwettbewerbs, 2007 Erster Preis beim ARD-Musikwettbewerb mit dem Tecchler Trio), andererseits eigene Wege im Sinn haben.
Nach Aufnahmen mit Kammermusik debütierte Hornung im vergangenen Jahr bei Sony Classical mit einer CD, die programmatisch auf den ersten Blick ein wenig konfettihaft wirkte: Boulanger-Zuckerstückchen, ein bisschen Debussy, ein wenig Schubert und sogar ein Arrangement von Bachs Air. Dies nun aber waren nur die (fabelhaft gespielten) Lockmittel für Herausforderndes: zwei Stücke von Anton Webern zum Beispiel oder Mahlers Lieder eines fahrenden Gesellen, ohne Worte. Nach der glänzenden Oberflächenpolitur kam Hornung solcherart problemlos am Kommerzgeschnipsel vorbei. »Jump!« hatte, abgesehen vom Titel, der einen nun mal unweigerlich an die unselige Band Van Halen denken lässt, etwas Einladendes: Hereinspaziert!, und Hornung hat überhaupt nichts dagegen, wenn man auch die Saint-Saëns/Dvořák-CD in diesem Sinn versteht. Wiewohl Dvořáks h-Moll-Konzert diesmal die mögliche romantische Doppelrahmstufe ausspart. Hornungs Adagio ist hier kein kurzer Besuch im Krankenzimmer der Spätromantik, sondern eine detailgenaue, sehr tief gehende Ausleuchtung einer verletzten Seele. Man hört, wo es wehtut, das soll man auch. Im Epilog des dritten Satzes jedoch schließt Hornung märchenhaft weich und virtuos mitleidend die Wunde. Keiner stirbt für sich allein.








Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren