Der Rabbiner Paul Moses Strasko hackt auf einem halben Dutzend Zwiebeln herum, aus denen er einen Borschtsch à la Strasko machen wird. Dabei schwärmt er von Berlin : wie verrückt die Stadt ist und wie lebendig! Und jüdisch dazu. Er schiebt die letzte Zwiebel unter das Messer, da kommt ein ungeheuerlicher Satz: "Vielleicht gibt es kein besseres Land für Juden als Deutschland."

Das Echo der Worte hängt in der Genfer Küche, und es schweigt der Rabbi, als habe er sich selber erschrocken. Eigentlich ist das nicht der Moment für Wahnwitz – Strasko hat noch zwei Stunden bis zum Freitagabendgebet, er muss noch an seiner Predigt feilen, den Borschtsch fertig kochen für die Freunde, die nachher zum Sabbatmahl vorbeischauen.

Ein fröhliches Essen wird das sein, voller Diskussion und Gelächter, voller Freundschaft und Musik. Irgendwann wird Strasko sich ans Klavier setzen und im Duett mit seiner Frau ein selbst komponiertes Lied über ein altes jüdisches Ehepaar singen, in dem der Mann seine Frau plötzlich fragt: "Do you love me?" – Sie antwortet: "Do I – what?"

Doch noch reibt Strasko die Bete, und während er das tut, spricht er über das Judentum in Deutschland, dem Land, in dem er ausgebildet wurde. Altes Judentum, zerstörtes Judentum und neues Judentum. Er spannt den Bogen, stellt Zusammenhänge her, verwirft sie wieder, auf These folgt Antithese, Synthese. Dialektik, sagt Strasko, das sei typisch jüdisch – und sehr rabbinerisch.

Paul Moses Strasko ist 39 Jahre alt, ein freundlicher Mann, und auch was er über Deutschland und das Judentum sagt, ist freundlich. Dabei ist die Reporterin doch innerlich gewappnet gegen Klagen über die Deutschen und ihre schlau übertünchte Judenfeindlichkeit . Fremdheit und Befremdung hatte sie erwartet, Apokalyptisches und Apologetisches.

Wohl auch einen Rabbiner, der die Toten mit sich trägt, dessen ganze Sehnsucht Israel gilt und den an Deutschland das Anbiedernde oder das verkappt Faschistoide abstößt. Und jetzt das! Ein Loblied auf die Zukunft, die Juden heute in Deutschland haben. Raum zum Wachsen ist da, heißt es. Liberalität. Freiheit. Straskos grauer Kopf mit der Kippa, die mit zwei silbernen Mädchenspangen befestigt ist, nickt heftig dazu: "Es gibt ein großes Potenzial."

Die Kartoffeln sind geschält, da mäandert das Gespräch schließlich doch zum Antisemitismus. Schale um Schale kringelt sich auf dem Schneidebrett, und darunter kriecht das Gespenst einer globalen Christenheit hervor, die den Judenhass in sich trägt, trug und immer tragen wird. Die es wieder wagt, ungeschminkt antisemitisch zu sein und Juden den Raum zu nehmen. Strasko sagt so etwas wie, die Zeit der Ruhe für die Juden sei vorbei, die Juden seien weltweit wieder auf Wanderschaft. Doch kaum einer wolle sie haben – bloß Deutschland.

Dort, sagt Strasko, herrscht Religionsfreiheit, und die Türen stehen uns weit offen. Und dann formuliert er diese Gedanken, die allen Wahn der Vergangenheit heraufbeschwören und alle Hoffnung der Gegenwart. Plötzlich ist es, als stünden die Toten in der Küche, voller Abwehr. Hinter ihnen marschieren grölend die neuen Nazis, Polizisten halten vor Synagogen Wacht. Ist das nicht die Wirklichkeit? Ja, auch. Doch darüber breitet Strasko das Bild einer Gemeinde, in der das Schma Jisrael, das jüdische Glaubensbekenntnis, kein Trauergesang mehr ist, sondern ein Jubellied: Höre, Israel, unser Gott, der Ewige, ist einzig!

In Deutschland werden wieder Rabbiner ausgebildet. Nicht Rauschebärte mit finsterem Blick, sondern jugendliche Männer wie Paul Moses Strasko, der seinen Master der Jüdischen Studien an der Universität von Potsdam gemacht hat und am liberalen Abraham Geiger Kolleg in Berlin alles lernte, was ein moderner Rabbiner braucht: Thora- und Talmudwissen, Hebräisch, Psychologie, Sozialkunde, Menschenführung.

Seit ein paar Monaten ist er jetzt Assistenz-Rabbiner in der liberalen Jüdischen Gemeinde in Genf . Einer von inzwischen vier in Deutschland ausgebildeten Export-Rabbinern, die nun jüdische Gemeinschaften im Ausland leiten.

Strasko ist ein cooler Rabbiner. Zu seinen Lieblingsfilmen gehören Kill Bill, Black Hawk Down und andere Schocker, er liebt die Musik des Antisemiten Richard Wagner, kocht unerhört gut und mag exzellenten Wein. Er kann Deutsch, Hebräisch, Aramäisch, Englisch, seit Januar lernt er auch noch Französisch und spricht es schon leidlich. Seine Frau Sandra schreibt ein Blog über Schokolade. Die Wohnung in Genf teilen sich die beiden mit Sandras Mutter und einer Katze. Kinder wollen sie nicht.

Die jungen Rabbiner wie Paul Moses Strasko sind nicht mehr, wie der jüdische Journalist Michel Friedman es einmal formulierte, "auf Gräbern geboren". Sie sind Rabbiner ohne rabbinische Tradition, nicht die Söhne oder Enkel anderer Rabbiner, keine Träger eines in Jahrzehnten angehäuften Wissens. Sie sind klug, aber ihnen fehlt die Weisheit der vorangegangenen Generationen und der bittere Geschmack der Vernichtung. Sie sind Rabbiner ohne eigene Holocaust-Erfahrung.

Man muss weit ausholen, will man die Geschichte der neuen Rabbiner in Deutschland erzählen. Warum das Land sie braucht, warum sie die Verkörperung der Hoffnung auf ein neues deutsches Judentum sind und warum diese Hoffnung vielleicht bloß eine Illusion ist.

Es ist eine Geschichte über Empfindlichkeiten, die so umfassend sind, dass man nur etwas Falsches fragen, sagen oder schreiben kann. Grabenkämpfe unter den Juden spielen in diese Geschichte hinein, Feindseligkeiten, schwierige Verhältnisse zwischen Deutschen und Israelis. Und die Fragen: Braucht dieses Land wieder Rabbiner? Was sind das für Menschen, die heute mitten unter den Tätern von gestern lernen und lehren? Was ist das für ein grotesker Slogan, unter dem sie angepriesen werden: Made in Germany? Soll das nach Qualität klingen? Auch Kruppstahl war "made in Germany".

Lange Zeit hat es so ausgesehen, als könnte das Judentum nie wieder zu Deutschland gehören. Viele Gemeinden, die gleich nach dem Krieg entstanden, haben nicht überlebt. Zu alt, zu verstört, zu verarmt, um den Glauben mit Leben zu füllen. Und selbst dort, wo es gelang, eine kleine Flamme des Glaubens am Schwelen zu halten, waren die Gemeinden das, was Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden , "Trauer- oder Liquidationsgemeinden" nennt: Holocaust-Überlebende und ihre Angehörigen, im Schmerz erstarrt, ihre Gebete galten den Toten.

Die Glaubensfreude, der jüdische Witz und die Lust an der Kritik, die Wonne an Streit und Widerspruch, alles war verloren gegangen in den Gaskammern, in den Flammen der Krematorien. Hätte man diejenigen, die den Rauch der Vernichtungslager an sich trugen, gefragt, ob deutsches Judentum je wieder heiter und hoffnungsvoll sein könne, ob sich die Opfer im Land der Täter je wieder daheim fühlen würden – sie wären fassungslos gewesen. Was ihnen blieb, war, Mahner und Wächter der Erinnerung zu sein.

Erst die Zuwanderung von fast 200.000 Juden aus Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus änderte alles. Nirgends in Europa wuchs die jüdische Gemeinschaft so schnell wie in Deutschland, nirgends hieß man jüdische Zuwanderer so freundlich willkommen. Aus schlechtem Gewissen vielleicht, aus Kalkül, Sentimentalität, dem Wunsch nach Normalität – es hatte viele Gründe.

108 jüdische Gemeinden entstanden, mit rund 100.000 praktizierenden Mitgliedern. Und plötzlich brauchte man Synagogen, Glaubensbegleitung – und Rabbiner. Wanderrabbiner kamen ins Land, Fly-in-fly-out-Personal aus Israel, den USA , England. Sie reisten von Gemeinde zu Gemeinde, sie taten ihr Bestes – es war nicht genug. Weder kannten sie die deutsche Kultur und Sprache, noch hatten sie Antworten auf die Lebensprobleme der hiesigen Juden. Sie taten, was Rabbiner tun: Sie gaben rabbinischen Rat und unterrichteten. Aber sie trösteten nicht. Und waren den Heimatlosen keine Stütze.