Der Rabbiner Paul Moses Strasko hackt auf einem halben Dutzend Zwiebeln herum, aus denen er einen Borschtsch à la Strasko machen wird. Dabei schwärmt er von Berlin : wie verrückt die Stadt ist und wie lebendig! Und jüdisch dazu. Er schiebt die letzte Zwiebel unter das Messer, da kommt ein ungeheuerlicher Satz: "Vielleicht gibt es kein besseres Land für Juden als Deutschland."

Das Echo der Worte hängt in der Genfer Küche, und es schweigt der Rabbi, als habe er sich selber erschrocken. Eigentlich ist das nicht der Moment für Wahnwitz – Strasko hat noch zwei Stunden bis zum Freitagabendgebet, er muss noch an seiner Predigt feilen, den Borschtsch fertig kochen für die Freunde, die nachher zum Sabbatmahl vorbeischauen.

Ein fröhliches Essen wird das sein, voller Diskussion und Gelächter, voller Freundschaft und Musik. Irgendwann wird Strasko sich ans Klavier setzen und im Duett mit seiner Frau ein selbst komponiertes Lied über ein altes jüdisches Ehepaar singen, in dem der Mann seine Frau plötzlich fragt: "Do you love me?" – Sie antwortet: "Do I – what?"

Doch noch reibt Strasko die Bete, und während er das tut, spricht er über das Judentum in Deutschland, dem Land, in dem er ausgebildet wurde. Altes Judentum, zerstörtes Judentum und neues Judentum. Er spannt den Bogen, stellt Zusammenhänge her, verwirft sie wieder, auf These folgt Antithese, Synthese. Dialektik, sagt Strasko, das sei typisch jüdisch – und sehr rabbinerisch.

Paul Moses Strasko ist 39 Jahre alt, ein freundlicher Mann, und auch was er über Deutschland und das Judentum sagt, ist freundlich. Dabei ist die Reporterin doch innerlich gewappnet gegen Klagen über die Deutschen und ihre schlau übertünchte Judenfeindlichkeit . Fremdheit und Befremdung hatte sie erwartet, Apokalyptisches und Apologetisches.

Wohl auch einen Rabbiner, der die Toten mit sich trägt, dessen ganze Sehnsucht Israel gilt und den an Deutschland das Anbiedernde oder das verkappt Faschistoide abstößt. Und jetzt das! Ein Loblied auf die Zukunft, die Juden heute in Deutschland haben. Raum zum Wachsen ist da, heißt es. Liberalität. Freiheit. Straskos grauer Kopf mit der Kippa, die mit zwei silbernen Mädchenspangen befestigt ist, nickt heftig dazu: "Es gibt ein großes Potenzial."

Die Kartoffeln sind geschält, da mäandert das Gespräch schließlich doch zum Antisemitismus. Schale um Schale kringelt sich auf dem Schneidebrett, und darunter kriecht das Gespenst einer globalen Christenheit hervor, die den Judenhass in sich trägt, trug und immer tragen wird. Die es wieder wagt, ungeschminkt antisemitisch zu sein und Juden den Raum zu nehmen. Strasko sagt so etwas wie, die Zeit der Ruhe für die Juden sei vorbei, die Juden seien weltweit wieder auf Wanderschaft. Doch kaum einer wolle sie haben – bloß Deutschland.

Dort, sagt Strasko, herrscht Religionsfreiheit, und die Türen stehen uns weit offen. Und dann formuliert er diese Gedanken, die allen Wahn der Vergangenheit heraufbeschwören und alle Hoffnung der Gegenwart. Plötzlich ist es, als stünden die Toten in der Küche, voller Abwehr. Hinter ihnen marschieren grölend die neuen Nazis, Polizisten halten vor Synagogen Wacht. Ist das nicht die Wirklichkeit? Ja, auch. Doch darüber breitet Strasko das Bild einer Gemeinde, in der das Schma Jisrael, das jüdische Glaubensbekenntnis, kein Trauergesang mehr ist, sondern ein Jubellied: Höre, Israel, unser Gott, der Ewige, ist einzig!

In Deutschland werden wieder Rabbiner ausgebildet. Nicht Rauschebärte mit finsterem Blick, sondern jugendliche Männer wie Paul Moses Strasko, der seinen Master der Jüdischen Studien an der Universität von Potsdam gemacht hat und am liberalen Abraham Geiger Kolleg in Berlin alles lernte, was ein moderner Rabbiner braucht: Thora- und Talmudwissen, Hebräisch, Psychologie, Sozialkunde, Menschenführung.

Seit ein paar Monaten ist er jetzt Assistenz-Rabbiner in der liberalen Jüdischen Gemeinde in Genf . Einer von inzwischen vier in Deutschland ausgebildeten Export-Rabbinern, die nun jüdische Gemeinschaften im Ausland leiten.

Strasko ist ein cooler Rabbiner. Zu seinen Lieblingsfilmen gehören Kill Bill, Black Hawk Down und andere Schocker, er liebt die Musik des Antisemiten Richard Wagner, kocht unerhört gut und mag exzellenten Wein. Er kann Deutsch, Hebräisch, Aramäisch, Englisch, seit Januar lernt er auch noch Französisch und spricht es schon leidlich. Seine Frau Sandra schreibt ein Blog über Schokolade. Die Wohnung in Genf teilen sich die beiden mit Sandras Mutter und einer Katze. Kinder wollen sie nicht.

Die jungen Rabbiner wie Paul Moses Strasko sind nicht mehr, wie der jüdische Journalist Michel Friedman es einmal formulierte, "auf Gräbern geboren". Sie sind Rabbiner ohne rabbinische Tradition, nicht die Söhne oder Enkel anderer Rabbiner, keine Träger eines in Jahrzehnten angehäuften Wissens. Sie sind klug, aber ihnen fehlt die Weisheit der vorangegangenen Generationen und der bittere Geschmack der Vernichtung. Sie sind Rabbiner ohne eigene Holocaust-Erfahrung.

Man muss weit ausholen, will man die Geschichte der neuen Rabbiner in Deutschland erzählen. Warum das Land sie braucht, warum sie die Verkörperung der Hoffnung auf ein neues deutsches Judentum sind und warum diese Hoffnung vielleicht bloß eine Illusion ist.

Es ist eine Geschichte über Empfindlichkeiten, die so umfassend sind, dass man nur etwas Falsches fragen, sagen oder schreiben kann. Grabenkämpfe unter den Juden spielen in diese Geschichte hinein, Feindseligkeiten, schwierige Verhältnisse zwischen Deutschen und Israelis. Und die Fragen: Braucht dieses Land wieder Rabbiner? Was sind das für Menschen, die heute mitten unter den Tätern von gestern lernen und lehren? Was ist das für ein grotesker Slogan, unter dem sie angepriesen werden: Made in Germany? Soll das nach Qualität klingen? Auch Kruppstahl war "made in Germany".

Lange Zeit hat es so ausgesehen, als könnte das Judentum nie wieder zu Deutschland gehören. Viele Gemeinden, die gleich nach dem Krieg entstanden, haben nicht überlebt. Zu alt, zu verstört, zu verarmt, um den Glauben mit Leben zu füllen. Und selbst dort, wo es gelang, eine kleine Flamme des Glaubens am Schwelen zu halten, waren die Gemeinden das, was Dieter Graumann, Präsident des Zentralrats der Juden , "Trauer- oder Liquidationsgemeinden" nennt: Holocaust-Überlebende und ihre Angehörigen, im Schmerz erstarrt, ihre Gebete galten den Toten.

Die Glaubensfreude, der jüdische Witz und die Lust an der Kritik, die Wonne an Streit und Widerspruch, alles war verloren gegangen in den Gaskammern, in den Flammen der Krematorien. Hätte man diejenigen, die den Rauch der Vernichtungslager an sich trugen, gefragt, ob deutsches Judentum je wieder heiter und hoffnungsvoll sein könne, ob sich die Opfer im Land der Täter je wieder daheim fühlen würden – sie wären fassungslos gewesen. Was ihnen blieb, war, Mahner und Wächter der Erinnerung zu sein.

Erst die Zuwanderung von fast 200.000 Juden aus Osteuropa nach dem Zusammenbruch des Kommunismus änderte alles. Nirgends in Europa wuchs die jüdische Gemeinschaft so schnell wie in Deutschland, nirgends hieß man jüdische Zuwanderer so freundlich willkommen. Aus schlechtem Gewissen vielleicht, aus Kalkül, Sentimentalität, dem Wunsch nach Normalität – es hatte viele Gründe.

108 jüdische Gemeinden entstanden, mit rund 100.000 praktizierenden Mitgliedern. Und plötzlich brauchte man Synagogen, Glaubensbegleitung – und Rabbiner. Wanderrabbiner kamen ins Land, Fly-in-fly-out-Personal aus Israel, den USA , England. Sie reisten von Gemeinde zu Gemeinde, sie taten ihr Bestes – es war nicht genug. Weder kannten sie die deutsche Kultur und Sprache, noch hatten sie Antworten auf die Lebensprobleme der hiesigen Juden. Sie taten, was Rabbiner tun: Sie gaben rabbinischen Rat und unterrichteten. Aber sie trösteten nicht. Und waren den Heimatlosen keine Stütze.

 2010 wurde die erste Frau nach dem Holocaust als Rabbinerin ordiniert

Deshalb wuchs der Wunsch nach eigenen Rabbinern. Nicht herkömmlichen, wie es sie in Israel und wie es sie schon seit Jahrhunderten gibt. Nein, mit dem neuen Deutschland versöhnte Rabbiner sollten es sein. Das Judentum sollte eine Zukunft in Deutschland haben, und die verlorenen Gemeinden brauchten wieder festen Boden unter ihren Füßen.

Juden in Israel und in den USA diskutierten über diese Fragen, in Deutschland interessierte sich niemand dafür. Die säkulare, globalisierte deutsche Gesellschaft des neuen Jahrtausends hatte viele Ziele – wieder Heimat für Juden zu werden gehörte nicht dazu. Vielleicht war der Gedanke immer noch undenkbar. Doch auch unter den Juden glaubten viele, ein Jude dürfe deutschen Boden nicht mehr betreten, und tue er es doch, dann aus einer seltsamen Perversion heraus, einer Art Stockholm-Syndrom – nur ins Sechsmillionenfache multipliziert.

Viele Rabbiner sind Juden durch Übertritt, nicht durch Geburt

Trotzdem entstand 1999 an der Universität Potsdam das liberale Abraham Geiger Kolleg, eine Ausbildungsstätte für Rabbiner und seit 2009 auch für Kantoren. Einer der zwei Gründer des Geiger-Kollegs ist Walter Homolka , Träger vieler akademischer Titel, Oberstleutnant und Rabbiner, früher auch mal Geschäftsführer bei Greenpeace und im Vorstand der Kultur-Stiftung der Deutschen Bank. Urkunden und Ehrenbezeugungen tapezieren die Wände seines Arbeitszimmers, Fotos zeigen Homolka mit VIPs aus Kirche und Politik. Die "Ach, das ist doch gar nichts"-Geste, mit der er darüber hinwegfuchtelt, zeigt: Der Mann hält was von sich.

Homolka hat Gewicht in jüdischen und nichtjüdischen Kreisen, trotzdem gab es einen Aufschrei, als er seine Idee des Geiger-Kollegs öffentlich machte. "Auf diese Emotionen und das Ausmaß der Vorbehalte gegen Deutschland war ich nicht gefasst", sagt er noch heute, und es ist nicht ganz klar, ob sich die Vorbehalte tatsächlich auf Deutschland oder eher auf Homolka selbst bezogen. Denn das Kolleg ist von der Persönlichkeit seines Gründers bis in die letzte Faser durchdrungen.

Bei der Diskussion "Rabbiner in Deutschland, ja oder nein?" ging es nicht nur um das komplizierte Verhältnis zwischen Juden und Deutschen, sondern auch um die Frage, wie viel Liberalität dem neuen Rabbinertum gestattet sein sollte. Es sei ein steiniger Weg gewesen, sagt Homolka, bis sein Kolleg in der Hierarchie der jüdischen Akademikerzirkel die für die Ausbildung erforderliche Anerkennung gefunden habe: "Doch heute tragen wir zum Aufbau der jüdischen Weltgemeinschaft bei und haben einen hervorragenden Ruf. Unsere Rabbiner sind begehrt."

An dieser Stelle ist es Zeit für Henryk M. Broder . Autor und Journalist. Jude ohne Religion. Außerdem Provokant aus Überzeugung und so etwas wie ein Berufsquerulant unter den Juden. Einer, der Freunde und Feinde hat und kaum was dazwischen. Broder hat in einem Interview vor vielen Jahren gesagt: "Es gibt keine Normalität für die Juden in Deutschland. Und es gibt auch keine Normalität für die Deutschen in Deutschland. Auschwitz hat beide Seiten geprägt, nur haben es die Deutschen leichter, diese Erfahrung zu verdrängen oder mit ihr fertigzuwerden, sie von sich zu schieben. Diese Möglichkeit haben die Juden nicht."

Über das Verhältnis des heutigen Deutschland zu seinen Juden hat Broder viele harte und böse Theorien aufgestellt. Auch über die neuen Rabbiner hat er nichts Gutes zu sagen. Leider dürfen aber die Gründe, warum Broder findet, niemand brauche Rabbiner aus Deutschland, in dieser Geschichte nicht erzählt werden. Er hat zwar lange mit der ZEIT geredet, wollte dann aber lieber nicht zitiert werden. Broder hat nämlich "keine Lust, den kritischen Appendix für einen Clown wie Homolka zu spielen".

Diese Andeutung zeigt schon, dass man in Deutschland nicht einfach Rabbiner ausbilden und glauben kann, damit sei ein neues Kapitel aufgeschlagen. Nicht für jene, die Kinder traumatisierter Überlebender sind und in der Grauzone zwischen Vernichtung und Versöhnung aufwuchsen.

Nicht solange die Angst vor dem Bösen in den Deutschen nicht gewichen ist. Für Rabbiner scheint der einzige Weg auf diesem schmalen Grat zwischen dem Trauma und der Hoffnung darin zu bestehen, Jude ohne Störpotenzial zu werden. Oder Jude durch Übertritt zu sein, nicht durch Geburt.

Paul Moses Strasko wuchs als Sohn gläubiger Christen in Montana, USA, auf. Er studierte Musik, er war ein Jazzprofi, machte seinen Bachelor in den Fächern Klarinette und Komposition. Er war gut, wie er in allem gut ist. Irgendwann ging ihm das Geld für das Studium aus, und er arbeitete für eine Computerfirma.

Irgendwo auf seinem Weg kam Strasko zum Judentum, oder das Judentum kam zu ihm, wer kann das schon wissen. Jedenfalls fand er sich wieder: in den Gesetzen, den Regeln, in der Hingabe an einen allmächtigen Gott, in der strengen Abfolge der jüdischen Gebetszeiten und Festtage. Irgendwann fasste Strasko den Gedanken, Rabbiner zu werden. Irgendwann hielt er vor Freunden eine Predigt – alle waren begeistert. Und irgendwann packte seine Frau Sandra ihn am Revers und sagte: Paul, die Zeit ist da.

Strasko hätte sich auch in Amerika zum Rabbiner ausbilden lassen können. Aber so eine Ausbildung ist teuer, Kosten: bis zu 100000 Euro. Strasko hätte sich in Israel ausbilden lassen können. Dann hätte er auf das Liberale verzichten und einen Haufen Kinder kriegen müssen.

Für eine Rabbinerausbildung in Deutschland gibt es Stipendien und wenig Konkurrenz. Strasko fand das Abraham Geiger Kolleg im Internet. Das Curriculum, die Selbstpräsentation, alles gefiel ihm. Als er vorsprach, erklärte man ihn für verrückt. Ein Amerikaner! Einer, der daheim ein Judentum hat, das nicht in der Traumaschleife hängt, nicht um seine Existenz kämpfen muss! Ob er überhaupt wisse, dass er in die Wüste komme, fragte man ihn.

2010 wurde die erste Frau nach dem Holocaust als Rabbinerin ordiniert

Aber Strasko mochte das jüdische Establishment der USA nicht, er wollte "Pionier" sein. Gleich denkt man an abenteuerlustige Voortrekker und furchtlose Landeroberer, an Menschen, die sich durch den afrikanischen Busch oder die amerikanische Prärie schlagen. An Synagogen denkt man nicht. Deutschland, sagt Strasko, fühlte sich für ihn vom ersten Moment an wie Heimat an. "Als ich in Berlin stand, da war es, als sei ich angekommen. Die lange jüdische Geschichte, die Spuren des liberalen Judentums in der deutschen Kultur, ich konnte das förmlich spüren."

Strasko wurde am Geiger-Kolleg angenommen. Seine Frau verkaufte ihr kleines Unternehmen und ihre Rentenansprüche. 2007 begann Straskos Ausbildung zum Geiger-Rabbiner mit einem Jahr am Hebrew Union College in Israel und endete im November 2011 in der Bamberger Synagoge Or Chajim mit einer bewegenden Ordinationsfeier mit Händels Feuerwerksmusik und einer Rede des Zentralratsvorsitzenden Graumann zum Thema "Lasst hundert neue Rabbiner blühen". Neue Rabbiner, sagte er, seien wie ein frischer Regen der Hoffnung. So etwas Frohes aus dem Munde eines Juden hatte man in Deutschland lange nicht gehört.

Früher Christ, heute Jude zu sein bereitet keine Schwierigkeiten.

Graumann sagte, es brauche eine Vielfalt im jüdischen Glauben und unter den Rabbinern – "es soll jeder auf seine Fasson fröhlich und jüdisch und glücklich sein können". Er stellte progressives und orthodoxes Judentum auf eine Stufe – eine Revolution. Zumal auf einer Feier, bei der auch eine Frau ordiniert wurde.

Noch Ignatz Bubis, Graumanns Vorvorgänger, hatte sich über Rabbinerinnen empört. Die Gründung des Geiger-Kollegs hatte den Zentralrat der Juden seinerzeit aufgebracht, er stemmte sich gegen den Wind der Freiheit, der durch diese staatliche Bildungsstätte pfeift, und vor allem gegen den Wind der Gleichberechtigung.

Für die Ausbildung von Rabbinerinnen hat Homolka hart kämpfen und sich den Vorwurf gefallen lassen müssen, das wahre Judentum zu verraten. 2010 wurde mit Alina Treiger zum ersten Mal nach dem Holocaust in Deutschland eine Rabbinerin ordiniert. Damit, so schrieben die Medien damals, stehe die 30-jährige Ukrainerin in der direkten Nachfolge der ersten jemals in Deutschland ordinierten Rabbinerin, Regina Jonas.

Ein unglücklicher Vergleich: Regina Jonas wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Ein Schicksal, das Alina Treiger nicht droht, das aber zeigt, wie schwierig der rechte Begriff, wie unmöglich die Nachfolge ist. Nachfolge setzt Kontinuität voraus: Wo einer aufhört, fängt der andere an. Wo aber ein Loch klafft, auf dessen Grund sechs Millionen Tote liegen, wo der Vorgänger nicht aufhörte, sondern gewaltsam starb, ist Nachfolge das falsche Wort.

Auch Treiger ist eine, die dem neuen Typ Rabbiner angehört. Schön, klug und voller Selbstvertrauen. Mit ihrem Bild könnte man Titelblätter zieren. Ungewollt wurde sie nach ihrer Ordination zum Stern am Himmel des neuen deutschen Judentums. Was über sie geschrieben wurde, klang, als habe man eine schreckliche Hexe mit verwarztem Gesicht erwartet und sei nun mit dieser feenhaften Erscheinung beschenkt worden.

Gut ein Jahr später sitzt Alina Treiger elegant gekleidet auf einer Bank ihrer Synagoge in Oldenburg und – anders kann man es nicht ausdrücken – singt wie ein Engel. Sie hat 2010 sofort eine Anstellung beim Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen erhalten.

In der Synagoge haben sich rund zwanzig Menschen zum Freitagabendgebet versammelt, ein Mann und eine Frau sind an diesem Abend Vorbeter. Treigers Stimme leitet sie. Auf den Bänken hinter ihr brummen einige ältere Herren mit, gegenüber sitzt die Gemeinde gemischt. Die Synagoge ist eine ehemalige Baptistenkapelle, die der Jüdischen Gemeinde Oldenburg überlassen wurde, als diese 1992 neu entstand.

Man hat eine Zwischendecke eingezogen, im Obergeschoss hat die Synagoge ihren Platz, im runden Fenster unter dem Dach ist jetzt der Davidstern in das Glas gesetzt, und an einer Wand steht der Schrank mit den Thorarollen. Die alten Synagogen sind zerstört, und die neuen jüdischen Gemeinden kommen in Kirchen unter.

Alina Treiger ist erschöpft an diesem Abend. Sie erwartet ein Kind, das Kind hat viel getreten, der Tag war lang. Vor dem Gebet hat sie Gläubige über das Tempelopfer belehrt. Treiger würde gerne einiges an den konservativen Abläufen in ihrer Gemeinde ändern, dafür aber müsste sie Erklärungen abgeben, die belegen, dass diese Änderungen kein Verstoß gegen die Vorschriften sind. Auch nach dem Gottesdienst wird die Rabbinerin noch nicht nach Hause gehen, sondern mit anderen die Lesung aus dem hebräischen Thoratext für den nächsten Morgen üben.

Treiger ist keine Konvertierte. Aber sie wuchs auch nicht als gläubige Jüdin auf. Ihre Kindheit war eher ein religiöses Vakuum, das Judentum ein Begriff ohne Inhalt. Erst als die Sowjetunion zerbrach, wurde aus der Ukrainerin Treiger eine Jüdin. Sie war 21 Jahre alt, als sie in ihrer Heimatstadt Poltawa eine liberale jüdische Gemeinde gründete. Sie hat sich nicht für Deutschland entschieden, sondern wurde von der World Union for progressive Judaism fürs Rabbineramt ausgewählt und – "aufgrund meiner guten Leistungen" – nach Berlin geschickt.

Wenn Homolka von der Qualität seiner Rabbiner spricht, dann meint er vor allem deren Kompatibilität mit den besonderen Anforderungen in Deutschland. Dass sie auch die Verhältnisse in den ehemaligen Sowjetstaaten kennt, macht Treiger für ihre Gemeinde zur idealen Besetzung. Denn wie sie selbst kommen die meisten der 314 Oldenburger Juden aus dem Osten – aus Russland, Weißrussland, der Ukraine . Ohne Zuwanderer gibt es kein deutsches Judentum. Doch auch mit ihnen gibt es nur einen Abglanz.

"Es sind gebrochene Gemeinden", sagt Walter Homolka. "Schwierige Klientel, psychisch schwankend." Die "Neuen" kennen Gesetze und Rituale kaum. Hebräisch sprechen sie auch nicht, und viele können nicht einmal im Siddur, dem Gebetbuch der Juden, lesen. Wenig wissen sie von der Thora (den fünf Büchern Mose) und dem Talmud (der Niederschrift der mündlichen Überlieferungen). Treiger versteht das. Als sie klein war, riefen ihre Verwandten auf Familienfeiern "Mazel tov", das war das ganze Judentum. Mehr gab es nicht. Als man sich nach dem Ende des Kommunismus zum Sabbatgebet versammelte, wusste niemand, welche Worte zu sprechen waren.

Alina Treiger teilt sich ihre Stelle mit ihrem Ehemann, dem Rabbiner Tobias Jona Simon, ebenfalls ein Absolvent des Geiger-Kollegs. Treiger betreut Oldenburg und Delmenhorst, Simon Hameln, Hildesheim und Göttingen.

Simon hat, ähnlich wie Paul Moses Strasko, eine christliche Vergangenheit. Er wuchs als Pastorensohn auf, doch bewusst las er die Bibel erst als Konfirmand. Dabei stellte er fest: Er fand das Alte Testament faszinierend, das Neue dagegen langweilig.

Früher Christ, heute Jude zu sein bereitet Simon keine Schwierigkeiten. "Mit dem Übertritt war es, als sei da keine andere Vergangenheit mehr." Doch seinen Gemeindemitgliedern könnte diese Metamorphose missfallen, und dann hätte Simon doch ein Problem. Der Druck, ein guter, also ein der Gemeinde angemessener Rabbiner zu sein, ist groß. Die Gemeinden bezahlen ihre Rabbiner direkt. Schon im Vor-Nazi-Deutschland war Rabbiner ein Hire-and-fire- Job, das zumindest hat sich nicht geändert.

"Wir Juden haben unsere Koffer in Deutschland längst ausgepackt"

Es wäre vermessen, ausloten zu wollen, welche innere Zerrissenheit Simon bewog, mit der Tradition einer Pastorenfamilie zu brechen und Jude zu werden. Er ist kein Schwärmer, kein Wankelmütiger. Er erklärt es mit der "Logik des Glaubens". Mit Vorschriften und Regeln, die nicht beliebig sind, die nicht den Launen und der täglichen Lust oder Unlust unterworfen werden. Das fände man konsequent, käme einem nicht schon wieder Broder in den Sinn, der einmal einen Artikel mit dem Titel Zur Hölle mit den Konvertiten geschrieben hat.

Darin heißt es: "Jude kann man nur sein, man kann es nicht werden." Broder nennt die Konvertiten Instant-Juden, die das Judentum als Selbstbedienungsladen verstünden, als eine Art Diners Club, für den man nur eine gewisse Bonität brauche. Sie nerven ihn, weil sie "die Rebellion als Teil des Systems" nicht begriffen und hundertprozentig sein wollten, während ein echter Jude doch immer schummle und mit Gott Geschäfte mache.

Nichtjuden könnten sich zwar jüdisches Wissen aneignen, Passah statt Ostern, Chanukka statt Weihnachten feiern. Ein jüdischer Kopf lässt sich laut Broder aber so nicht herstellen. "Das wesentliche Element des jüdischen Denkens und Handelns war immer der Protest gegen die Regeln, das Ringen mit Gott und der Versuch, auf Distanz zur jüdischen Überlieferung zu gehen." Echtes Judentum sei "eine Mischung aus Frechheit und Paranoia, schlechten Manieren und gutem Essen".

Auch orthodoxe Rabbiner sind Teil des neuen Judentums

Dieter Graumann ist ein Mensch mit einem stillen Gesicht und ausgezeichneten Manieren. Seine Mimik zeigt Beherrschung und Bescheidung, seine Sätze kommen stimmlich genau richtig temperiert. Er empfängt in seinem Büro in der Frankfurter Innenstadt, denn wenn er nicht gerade dem Zentralrat vorsitzt, ist er Immobilienverwalter.

Graumann spricht wie einer, der weiß, dass die Liste der Dinge, die falsch formuliert oder falsch verstanden werden können, endlos ist. Daher pflegt er die feine Diplomatie. Graumann muss vielen Seiten gerecht werden: jenen Juden, die auf die Reinheit der jüdischen Tradition Wert legen, und jenen, die hoffnungsvoll die heile Welt eines unkomplizierten Neuanfangs beschwören. Und auch solchen wie dem Zyniker Broder.

Dabei bestand Graumanns (wie Broders) Kindheit aus Schmerzen und Ängsten der Eltern – Überlebenden, die sich für eine Existenz unter den Tätern entschieden hatten. Eine gespenstische Kindheit im Schatten der Vernichtungslager. "Die Schoah ist immer in mir." Niemand würde ihm bittere, anklagende Sätze verdenken. Wenn er den deutschen Antisemitismus geißelte oder in Broders Verachtung verfiele.

Aber Graumann, seit 2010 Stimme der deutschen Juden, hat sich entschlossen, der Depression keinen Platz zu gönnen. "Wenn die Juden den Deutschen ihr Schicksal wieder anvertrauen, dann ist das ein Kompliment." Es sei nicht gewollt, sagt er, dass die Schoah, die Vernichtung, die jetzige jüdische Identität bestimme, auch wenn mancher sie zu einer Ersatzreligion mache. Judentum soll wieder positiv sein. "Es gibt einen Hunger nach Spiritualität. Die Rabbiner sollen der Religion neue Kraft verleihen." Und dann sagt er noch einen Satz, der ungeheuerlich daherkommt: "Wir Juden haben unsere Koffer in Deutschland längst ausgepackt."

Rabbiner ist Aramäisch und bedeutet "mein Herr, mein Meister". Anfangs waren die Rabbiner einfach Gelehrte, deren Aufgabe es war, die Thora und den Talmud auszulegen, erst im 19. Jahrhundert mit der Entwicklung des liberalen europäischen Judentums wurden sie auch Seelsorger und Prediger, gaben Religionsunterricht und halfen bei der Klärung religionsgesetzlicher Fragen.

Heute aber sind Rabbiner hauptsächlich Seelsorger, Jugenderzieher und Sozialfürsorger – dort, wo Gemeinden sich einen leisten können. Selbst wenn es einen Ansturm auf das Geiger-Kolleg gäbe, wäre für die meisten Gemeinden ein Rabbi zu teuer. Auch für Freizeitangebote, Bildungsarbeit, Jugendprojekte fehlt vielen von ihnen das Geld. Vor allem junge Juden beklagen, ihre Gemeinden seien heute vor allem Interessenvertretungen, und fordern, kostspielige Synagogen-Neubauten müssten zugunsten eines florierenden Gemeindelebens eingestellt werden.

Gegen die Behauptung, das neue Rabbinertum sei bloß ein Konvertitenklub und damit eine Art Judentum aus der Retorte, abgekoppelt von der Vergangenheit und deshalb bequem in die Gegenwart zu integrieren, verwahrt sich Graumann. Jude oder konvertierter Jude – das ist für ihn kein Unterschied. Kein Blut sei röter als das andere. Es steht geschrieben, wer konvertiert, ist ein Jude.

So echt, als sei er selbst dabei gewesen, als Moses am Berg Sinai die Zehn Gebote empfing. Doch auch Graumann weiß: "Ein Riss geht durch die Geschichte des Judentums in Deutschland, und er wird immer sichtbar sein. Wir können nie wieder anknüpfen an das Vergangene. Das Schweigen wird nie wieder vollkommen beredt sein, und die Rabbiner werden nicht wieder das sein, was sie einmal waren."

Das Rabbinerseminar zu Berlin versteckt sich in einer unauffälligen Straße in Berlin-Mitte hinter einer schlichten Mauer, die nur deshalb auffällt, weil davor ein Polizist steht. Es ist die Ausbildungsstätte für orthodoxe Juden, der Gegenentwurf zum Geiger-Kolleg. Durch die Tür in der Mauer kommt man nur nach Anmeldung, dann steht man in einem Hof, in dem Kinder toben. Manchmal schreiten auch junge Männer mit Bart und sinistrem Blick vorbei.

Neben dem Seminar sind hier auch ein jüdischer Kindergarten und eine Jeschiwa, also eine Talmudschule, untergebracht. Das Rabbinerkolleg ist eine Welt in der Welt oder vielleicht sogar hinter der Welt, das kommt auf den Standpunkt des Betrachters an. Hier werden ernste junge Männer unterrichtet, die fast ausnahmslos aus Osteuropa und Russland stammen. Sie haben bereits jahrelang an der Jeschiwa die Thora und den Talmud studiert und sich schon dort als besonders gelehrt hervorgetan. Nur die besten unter ihnen werden für die Rabbinerausbildung ausgewählt. Angeblich studieren die jungen Männer manchmal die ganze Nacht und fallen erst im Morgengrauen mit dem Kopf aufs Pult.

Im Interview sind sie ziemlich verhalten, man kommt nicht so recht an sie heran. Sie schütteln keiner fremden Frau die Hand.

Auch diese Rabbiner sind trotz der Lichtjahre, die sie von der säkularen und emanzipierten deutschen Gesellschaft trennen, Teil des neuen Judentums. Und auch diese Rabbiner haben keine vergiftete Tradition. Er mache sich über die Geschichte Deutschlands keine Gedanken, sagt ein junger Student – die sei Vergangenheit, nicht Gegenwart.

Der Student, aufgewachsen in Russland, hatte jüdische Eltern, die ihr Judentum nie auslebten und nach der Wende nach Deutschland auswanderten. Mit 16 Jahren fand er zu den Wurzeln zurück und begeisterte auch seine Familie für den neuen, alten Glauben. Fast alle Studenten erzählen solche Geschichten: Erst in einer jugendlichen Phase der Selbstfindung wurden sie gläubige Juden. Alle sind an einem Punkt ihrer Biografie heimatlos geworden, mussten ein neues Land, eine neue Kultur verkraften. In den strengen Regeln der Orthodoxie fanden sie ihre Heimat.

Sind sie sichtbar, die neuen Juden? Ist es besser für sie, unsichtbar zu bleiben?

Von Berlin geht es mit dem Zug nach Bamberg . Übersensibilisiert durch die Beschäftigung mit dem Thema, drängt sich der reisenden Reporterin plötzlich die Frage auf, wer im Abteil wohl aus einer Täterfamilie kommt. Und wer sich wohl interessiert für die neuen Juden in der deutschen Mitte, für die neuen Synagogen, die neuen Hoffnungen, wer überhaupt davon weiß. Sind sie sichtbar, diese Neuen? Ist es besser für sie, unsichtbar zu bleiben?

In Bamberg steht Antje Yael Deusel noch im Mantel im Vorhof der Synagoge. Sie kommt gerade aus der Klinik, jetzt muss sie noch ein paar administrative Dinge regeln, dann ist sie bereit für ein Gespräch. Deusel, von Beruf Ärztin und seit einem halben Jahr Rabbinerin der Israelitischen Kultusgemeinde in Bamberg, fällt aus der Reihe der Geiger-Absolventen.

Als sie ordiniert wurde, war sie schon 51 Jahre alt, und einen Medienhype wie die fotogene Alice Treiger verursachte sie nicht. Dafür heißt es über sie: Sie ist die größte unter den Pionieren. Denn sie ist Rabbinerin einer Einheitsgemeinde, also von altmodischen Juden, die Frauen nur auf der Empore dulden, sie niemals zur Thora rufen und schon gar nicht ordinieren würden. "Vor denen steht sie mit ihrer Kippa und dem Gebetsschal und sagt, wo es langgeht", sagt jemand. Rabbinerin Deusel traut sich was.

Und sie ist eine Brücke. Sie verbindet Vergangenes und Gegenwärtiges. Geboren als Kind von Juden, die in einer Nische den Nazis entgingen. Jüdisch aufgewachsen. Was einfach klingt, aber auch schon wieder kompliziert ist. "Ich bin Nachkomme einer jüdischen Familie, deren Angehörige in Mischehen überlebten", sagt sie. Ihre Kommilitonen schildern sie als herzlich und lustig, als Fränkin durch und durch. Sie stammt aus Nürnberg, studierte in Erlangen. Medizin, Spezialgebiet Urologie.

"Die Herren Ärzte sagten, ich solle lieber Krankenschwester werden." Deusel lacht grimmig. Man ahnt, da hat jemand früh Vergnügen an Kampfansagen gefunden. "Diskriminierungen ziehen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Als Jüdin, als Urologin und auch als Rabbinerin. Ich musste immer besser sein, mir mehr Mühe geben, höhere Ansprüche erfüllen." Kein Selbstmitleid schwingt mit. Es befriedige sie, fügt sie hinzu, dass diejenigen, die ihr keine Chance gaben, immer unrecht hatten. Ärztin in leitender Position ist sie heute und Rabbinerin auch.

Anders als Simon, Treiger und Strasko, die Israel erst bei ihrer Ausbildung kennenlernten, verbindet Deusel mit dem "Land der Väter" eine frühe Kindheitssehnsucht. Als Mädchen sammelte sie die Bildchen, die damals in den Kisten der Jaffa-Orangen lagen, Bilder vom Land Israel. Und weil sie den Geruch dieser Früchte liebte, wollte sie eines Tages hin. Seither ist Israel für sie gleichbedeutend mit Orangenduft. Jahre später, als Deusel ihren Schrank aufräumte, fand sie die Bildchen wieder, und der Geruch haftete ihnen immer noch an.

Sie folgte der Sehnsucht und dem Duft nach Jerusalem. Und reist seither immer wieder dorthin. Dreimal arbeitete sie als Ärztin in Israel, jeweils für einige Monate. Inzwischen hat sie dort eine feste Bleibe und dank ihrer jüdischen Herkunft, die sie berechtigt, Israel als Heimat zu bezeichnen, auch eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Dass sie dennoch in Deutschland bleibt, begründet sie mit ihrer Bodenständigkeit und auch mit dem Benehmen der ultraorthodoxen Israelis.

"Ich bin keine, die sich im Bus nach hinten setzt, nur weil jemand sagt, da gehören die Frauen hin." In Bamberg, in einer Gemeinde mit 900 Mitgliedern, wollte sie nicht nur zur Thora gerufen werden, sondern als Rabbinerin einen ganzen Gottesdienst leiten. Sie belegte Seminare, sie arbeitete, sie kämpfte. Wurde Kulturreferentin ihrer Gemeinde, zweite Vorsitzende – für jede durchschnittliche Frau wäre jetzt der Weg zu Ende gewesen: Deusel war zu alt für ein Stipendium, sie musste Geld verdienen, Berlin und das Geiger-Kolleg waren weit weg. "Und dann mit all den jungen Leuten...", sagt sie kokett.

Sie hat es trotzdem geschafft. Mit einer halben Stelle als Fachärztin. Sie pendelte wöchentlich nach Berlin. Wie alle anderen musste sie neben der Rabbinerausbildung in Potsdam ihren Master in Jüdischen Studien machen und in ihrer Gemeinde als "Praktikantin" arbeiten. Deusel lernte und las im Zug, sie schlief wenig. Wie viel Fleiß und Disziplin das forderte – Rabbinerin Deusel wischt solche Nachfragen fort: "Jetzt bin ich hier, alles andere ist nicht mehr wichtig."

Wichtig sind die Leute aus der Gemeinde, die draußen vor der Tür warten, die ihre Rabbinerin sprechen wollen. In Ruhe. Unter vier Augen.

In Bamberg ist es kalt. Menschen hasten durch den schneidenden Wind. Steht man wieder auf der Straße und blickt zurück zur Synagoge, steht da bloß ein schlichtes Gebäude, an dem der Uneingeweihte achtlos vorübergeht. Sie bleiben verborgen: der Mut, die Mühe, die glühende Zuversicht der neuen deutschen Juden.

Richtigstellung:

In dem obigen Artikel hieß es ursprünglich, das Rabbinerseminar zu Berlin werde "ohne öffentliche Unterstützung bloß aus privaten Mitteln finanziert". Wir stellen hierzu richtig, dass das Rabbinerseminar zu Berlin zwar keine direkte staatliche Unterstützung bekommt, jedoch überwiegend vom Zentralrat der Juden in Deutschland finanziert wird, der die Mittel aus dem Bundeshaushalt erhält und an das Rabbinerseminar weiterleitet.

Weiter hatten wir geschrieben, dass die Studenten am Rabbinerseminar zu Berlin ausnahmslos aus Osteuropa und Russland stammen. Es gibt aber einige wenige Ausnahmen. Deshalb stellen wir das hier ebenfalls richtig.

Die Redaktion