Urban Gardening : Die Dschungelkönigin

Tita Giese bepflanzt deutsche Großstädte mit Bambus, Yuccas und Rhabarber – gegen allerlei Widerstände.
Weiße Jeans, rote Lippen und an den Ohren Perlenclips: Die Künstlerin Tita Giese © Tillmann Franzen

Tita Giese kennt viele Schimpfwörter. Und sie benutzt sie gerne. Die meisten kann man hier nicht wiederholen. Die drei aber, die Tita Giese besonders abfällig ausspricht – sie schüttelt dann den Kopf, kneift die Augen zusammen und spitzt die Lippen, als wolle sie die Worte angeekelt ausspucken –, die kann man getrost aufschreiben. Sie lauten Landschaftsarchitekt, Gartenbauamtsangestellter und Profigärtner.

Seit dreißig Jahren bepflanzt die Düsseldorferin europäische Großstädte. Es sind die Restflächen, die Architektur im urbanen Raum hinterlässt , die Giese interessieren: Verkehrsinseln wie etwa die zwischen der Markthalle und den Deichtorhallen in Hamburg . Dort hat Giese Palmen, Bambus und Gräser gepflanzt und abgesägte Pappelstämme mit Austernpilzen geimpft. Oder der Düsseldorfer Stresemannplatz: Hier umfahren Autofahrer im Kreisverkehr nun eine Insel aus gestapelten Autoreifen. Die Besonderheit: Aus den Reifen wachsen Yuccas. Selbst des Kottbusser Tors in Berlin will sich Giese bald annehmen. Verschönern will sie es aber nicht, sondern bloß neu gestalten. Geplant ist ein Sumpfbecken mit Schilf hinter Glaswänden unter der Hochbahn. Auch Sprayer lädt sie ein, sich mit ihren gesprühten Namenskürzeln auf der Glasfassade zu verewigen. Tags wirkten im Kontext von Schilf und Bambus immer wie asiatische Schriftzeichen, findet Giese. Dass sie mit dieser Assoziation allein ist, stört Giese nicht. Im Gegenteil.

ZEITmagazin: Frau Giese, von anderen Pflanzenfreunden halten Sie nicht viel. Was machen Sie richtig, was die falsch machen?

Tita Giese: Ich gestalte nicht, das ist schon mal das Wichtigste. Ich hasse Gestalterei. Was ich mache, sind Tapeten.

ZEITmagazin: Was bedeutet das?

Giese: Denken Sie an ein klassisches Musikstück; das hat einen Anfang, einen Höhepunkt und ein Ende. Alle Instrumente werden ganz gezielt eingesetzt, um Highlights zu setzen. So verfahren Landschaftsgärtner mit Flächen – und dabei sind sie nicht mal originell in der Auswahl der Pflanzen. Sie verpflanzen ein paar Dickmännchen, ein bisschen Kirschlorbeer, ein, zwei Bäume und dazwischen Gras. So was lehne ich ab. Ich mag monochrome Pflanzenflächen. Die Spannung entsteht dann durch die Rapporte, die ich herstelle. Das kann sehr aufregend sein.

ZEITmagazin: Was wäre denn eine solche aufregende Mischung?

Giese: Ich arbeite gerne mit Pflanzen, zu denen man sehr konventionelle Bilder im Kopf hat. Ich habe beispielsweise mal etwas mit tränenden Herzen gemacht, das sind klassische Friedhofsblumen. Und ich stelle sie dann in einen anderen Kontext. Die Erinnerung der Betrachter an die Pflanze, wie sie sie kennen, erzeugt eine Spannung.

ZEITmagazin: Bei welchem Projekt ist Ihnen das zuletzt besonders gut gelungen?

Giese: Auf dem Berliner Moritzplatz möchte ich mit Essigbäumen arbeiten. Die standen früher in den fünfziger Jahren in jedem Vorgarten. Meistens in Kombination mit einem Bambus und einem großen Stein. Heute verwenden die Landschaftsarchitekten sie nicht mehr, deswegen ist es schwer, sie in Baumschulen zu bekommen. Ich finde sie toll. Auf dem Moritzplatz sehe ich einen Wald aus Essigbäumen, die wie Palmen beschnitten sind und aus hohem Gras und Fenchel herausschauen – absolut exotisch. Dem Bauherren, der dort ein tolles Betongebäude hingesetzt hat, habe ich schon einen Entwurf gemailt, und er findet es auch gut.

ZEITmagazin: Suchen Sie sich die Flächen, die Sie bepflanzen wollen, immer selbst aus?

Giese: Ja. Selbst bei meinem ersten Projekt 1978 habe ich den Ort selbst ausgewählt. Das war eine Straßenzunge im Düsseldorfer Industriegebiet. Schon damals versuchten die Leute vom Gartenamt meine Arbeit zu verhindern, und weil sie das nicht geschafft hatten, wurde nachts alles mit Unkrautvertilgungsmitteln bespritzt. Sogar angezeigt haben sie mich, weil ich die Baumbügel entfernt habe. Inzwischen bin ich aber in Düsseldorf weitgehend etabliert. Meine Arbeit firmiert jetzt häufig unter dem Begriff »Kunst«, das macht es den Leuten leichter, zu akzeptieren, dass sie es nicht verstehen.

ZEITmagazin: Aufträge wie die von den Fotokünstlern Andreas Gursky und Thomas Ruff, ihre Gärten zu entwerfen, haben Ihre Arbeit geadelt. Lassen Sie sich überhaupt Vorgaben machen?

Giese: Natürlich. Bei Thomas Ruff ist alles symmetrisch, da stehen die Palmen alle in einer Reihe, und bei Gursky , der übrigens gleich nebenan wohnt, wächst alles wild durcheinander. Neulich rief mich eine Dame an, die wollte ihren Garten weiß bepflanzt haben. Ich fand diese Vorstellung grauenhaft und spießig. Aber ich habe mich drauf eingelassen, und jetzt kommen Madonnenlilien, weiße Clematis und riesige weiße Krokusse in eine Fläche aus weißem Kies hinein.

ZEITmagazin: Sie haben an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf zur Zeit Joseph Beuys’ studiert. Sehen Sie sich selbst als Künstlerin?

Giese: Nein. Die Leute sagen immer, ich sei Grünkünstlerin. Das ist so ein schlimmes Wort. Was ich mache, ist Arbeit mit Pflanzen.

ZEITmagazin: Sie haben Ihren eigenen Job selbst erfunden. Wie kam es dazu?

Giese: Ich bin eigentlich zufällig drauf gekommen. Anfang der Siebziger habe ich hier in Düsseldorf in einer WG gewohnt. In unserem Hinterhof lag Kopfsteinpflaster, und ich habe immer beobachtet, was zwischen den Steinen wächst. Im Grunde war das im Kleinen ein Modell für das, was ich jetzt mache. Nämlich die Lücken in einer asphaltierten Stadt bepflanzen. Das Wissen über all die Pflanzen musste ich mir natürlich erst aneignen.

Kommentare

15 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Provozierende Worte ...

Na ja, da gebe ich Ihnen schon recht – ihre Pflanzungen (z. B. in Düsseldorf)überzeugen besser als ihre gesprochene Kommunikation. Betr. Köder zur Rattenvernichtung: „Das heißt: Die Ratten fressen sie an der Kö und sterben dann woanders.“ Aber wo sterben sie denn dann, in einem nicht so feinem Stadtviertel?
Und wie kann man diese dann gezielt beseitigen?

Oh je

Madame le Cultre. Weisse Clematis muss leuchten können, je nach Standort wunderschön. Aber auf weiss? Aber wenn jemand Spass dran hat?

Alles wachsen lassen ist genauso schlecht, je nach Boden setzt sich nur eine Pflanze durch wie übertriebene Schneiderei. Und leider ist ads ergenis von Kreativität muss nicht immer optimal.

Aber in Deutschland gehts nicht ohne Englisch, Provokationen mit selbsternannter Heilsbringerattitude "Guerilla", Polarisierung oder Beschimpfung anderer Konzepte.

Selbst bei einem so schönen Gebiet wie Pflanzen und Blumen. Trend muss sein. Zur Identitätsfindung, zur Absicherung, oder zum Geldverdienen wie das Image beim Künstler? Furchtbar.