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Wer lange drinnen war, dem erscheint das Draußen unwiderstehlich verlockend. Wenn der Winter endet, endet auch die Geduld mit dem Leben in geschlossenen Räumen, dann fliegen die Fenster auf und die Dächer von den Autos. Landpartien, Tage am Meer, im Frühtau zu Berge – ab und zu sehen wir die alte Natur ganz gern.

Aber sie kann auch anders, auch daran erinnern wir uns. Die Sonne brannte mitleidlos, der Wind rieb uns gelben Staub in die Haut, dann wieder goss es in Strömen, das Wasser stand in den Schuhen, wir stolperten durch Geröll und Matsch. Mancher erinnert sich an Momente echter Verzweiflung dort draußen. Als die Tanknadel sich der Null näherte, aber der einsame Weg nicht dem Ziel. Als die Nacht über die exotische Insel kam, aber nicht das versprochene Boot, um uns abzuholen. Als der Mut sank und die Dunkelheit voller Stimmen war. Nun lockt gar nichts mehr. Nun liegt da draußen die Hölle.

Draußen, das ist immer die nächste Unendlichkeit. Aus dem häuslichen Fenster betrachtet, ist der gepflegteste Garten eine kleine Wildnis. Aus dem Flugzeug gesehen, ist die Welt eine Mondlandschaft. Aus dem Weltgeschäft aufblickend in einer sternklaren Nacht, werden wir für Sekunden des unbegreiflichen, den Verstand überfordernden Großen Draußens gewahr, das wir – ehrfürchtig, einsilbig, nichtssagend – das All nennen.

Das alles sind Bilder, nur Bilder, die wir uns machen, solange wir drinnen sind. Draußen ist gar nichts unendlich. Draußen, das ist ein Haus: das wirkliche, nicht imaginierte, nicht von fern betrachtete – das reale, uns in diesem Augenblick umgebende Draußen. Ein luftiger Raum, nur etwas höher und weiter gebaut als die Räume, in denen wir gewöhnlich leben. Ein Haus, gemacht aus etwas Zeit und Licht und Wind. Dieser Moment jetzt unter diesem Himmel. Diese Straße hier, gehüllt in nichts als Jetzt.

Zuletzt überwältigte mich diese Einsicht, als ich – nach drei Flügen, nach vielen Stunden in Greyhound-Bussen, nach Monaten über Büchern und Bildern daheim – mit einem Mal in der eisigen, gegen Unendlich sich erstreckenden nordamerikanischen Prärie stand. Ich dachte, vielleicht liegt es an der dämpfenden Wirkung des Schnees, die aus der Welt ein Tonstudio macht – dieser trockene, echolos räumliche Klang von allem, was knirscht, knallt, bellt. Ein Wintertag ist so viel räumlicher als ein weit ausschwingender, in blaue Horizonte sich auffächernder Sommertag.

Aber dann fiel mir ein, dass es mir bei der sommerlichen Wanderung nach Moskau zehn Jahre zuvor ganz genauso ergangen war. Ich ließ Berlin hinter mir, bog um die letzte Kurve, war nun ganz draußen – und betrat doch nur einen anderen Raum, einen aus Straße, Himmel, Wald.

Nur von drinnen betrachtet ist das Draußen uferlos, wild, gefährlich. Wir bestaunen es, oder wir fürchten es. Drinnen kann man sich solche Betrachtungen leisten, es tut ja nicht weh. Gehen wir aber hin und sind für eine Weile wirklich dort draußen, passiert etwas Seltsames: Wir richten uns darin ein. Wir können gar nicht anders, wir können nicht den lieben langen Tag Philosophen sein. Wir können die Welt nur Raum für Raum erobern, durchleben, was auch immer. Unsere sinnliche Konstitution ist nun einmal so.

Ich beschließe eines Tages, in die eurasische oder in die nordamerikanische Weite hinauszulaufen, ein wahnwitziges Unterfangen, und was geschieht? Ich finde mich in einer Flucht aus Räumen wieder, sie reicht von Berlin bis Moskau, sie reicht von Norddakota bis zum Rio Grande. Jetzt gehe ich diese Straße, dann steige ich jene Höhe dort hinauf zur kleinen Stadt auf dem Plateau, und morgen durchquere ich die Niederung, die laut Karte dahinter liegt. Wir ertragen das große Ganze nur in seltenen großen Momenten. Wir sind so gemacht, dass wir es in Räume zerlegen, uns Räume schaffen, in Räumen leben, in Räumen denken. Selbst der Nomade tut es, er lebt in Zyklen, sie sind seine Häuser, er schreitet oder reitet immer dieselben Wege ab.

Wenn aber das Draußen ein Raum ist – warum ihn dann nicht ein bisschen möblieren? Mit einem Windfang aus Laub, mit einem Lagerfeuer fing es an.