Energieriese TotalDesaster mit Ankündigung

Total ist mit der nun havarierten Bohrinsel "Elgin" bewusst ein Risiko eingegangen. Der Energieriese wollte waghalsiger sein als die Konkurrenz.

»Elgin-Franklin wird Geschichte schreiben.« Als der damalige Total-Explorationsvorstand Christophe de Margerie das vor zehn Jahren sagte, kannte er die Risiken wahrscheinlich, die mit der Ausbeutung eines Gasvorkommens 5.500 Meter unter dem Meeresgrund einhergehen würden. Aber damals ging es darum, die Fähigkeiten des französischen Ölkonzerns zu loben und sich von der Konkurrenz abzuheben. Deshalb fehlte es in der 2002 veröffentlichten Firmenbroschüre auch nicht an weiteren Superlativen: Die Bohrung sei eine nie da gewesene Herausforderung mit Bedingungen jenseits der üblichen Normen, hieß es da.

Inzwischen ist Christophe de Margerie Chef von Total – und schweigt. Bei Redaktionsschluss war nicht klar, wann und wie der Ölkonzern das Leck schließen will, aus dem seit dem 25. März giftiges und explosives Gas strömt. Seit dem Unglück hat Total mehrere Milliarden Euro Börsenwert eingebüßt, täglich entgehen dem Konzern Millionen Euro an Einnahmen. Die Reparaturen werden je nach Ausmaß zwischen einigen Hundert Millionen und mehreren Milliarden Euro kosten. Und die Debatte um die Gefahren der Tiefseeförderung von Gas und Öl geht von vorne los.

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Man könnte auch sagen: De Margeries Worte lesen sich heute nicht mehr wie eine Werbekampagne, sondern wie die Ankündigung eines Desasters.

Gas aus fünf Kilometer Tiefe zu holen wäre ein paar Jahre zuvor noch als hanebüchenes Vorhaben verlacht worden. Erst die Kombination von steigender Nachfrage und sinkendem Angebot aus vergleichsweise leicht ausbeutbaren Quellen – und den damit einhergehenden höheren Preisen – machen es lukrativ, dieses hohe Risiko einzugehen.

Tief unter der Erdoberfläche müssen Drücke von rund 1.100 Bar und Temperaturen um die 190 Grad Celsius beherrscht werden. HP-HT heißt so etwas im Fachjargon, für »High Pressure, High Temperature«. Um diese Bedingungen für den Laien verständlich zu machen, griffen französische Zeitungen in den vergangenen Tagen zu einfachen Vergleichen: Das sei, als wolle man ein Loch in einen Schnellkochtopf bohren – oder das Gewicht von mehr als einer Tonne auf einem Daumennagel platzieren. Total selbst wies darauf hin, dass ab einer Temperatur von 180 Grad Celsius die Geräte zur Echtzeitmessung an den Bohrstellen versagten.

Zwischenfälle bleiben bei solchen Bedingungen nicht aus. Auf Nachfrage bestätigte ein Total-Sprecher Berichte, wonach allein zwischen 2009 und 2010 insgesamt 4.600 Kilogramm Öl und Gas aus Elgin-Franklin entwichen sind. Daraus habe das Unternehmen aber nie ein Geheimnis gemacht. An die große Glocke werden solche Pannen freilich nicht gehängt. Nach Recherchen des britischen Guardian kommen sie in der Nordsee dauernd vor. Als Ursache des jetzt aufgetretenen Lecks hat Total ein vor einem Jahr stillgelegtes Bohrloch in 4.000 Meter Tiefe ausgemacht. Nach einer »Anomalie« sei es verstopft worden.

Welcher Art diese »Anomalie« war, wollte er nicht konkretisieren. Keine Angaben machte er zu einem Bericht der norwegischen Umweltorganisation Bellona, wonach ein Gewerkschaftsvertreter Elgin-Franklin eine Häufung von Problemen attestierte – in einem solchen Maß, dass Total vor einigen Wochen sogar überlegt habe, das Tiefseeabenteuer aufzugeben.

Total war bislang nicht als besonders skrupellos bekannt. Firmenchef De Margerie will zwar die Ausbeutung von Ölschiefer in Frankreich durchsetzen; Total war auch in Korruptionsaffären verwickelt und hat in Birma angeblich mit der früheren Militärjunta gemeinsame Sache gemacht – aber all das ist nach Einschätzung von Experten fast schon normal für die Branche. Am Pranger stand Total zuletzt nur, weil es – wie viele andere französische Großunternehmen – trotz Rekordgewinnen kaum Steuern bezahlte. Zwischen 2008 und 2010 nicht einen Cent und 2011 gerade einmal 300 Millionen Euro. Aber diese Diskussion war schon nach wenigen Tagen wieder verpufft.

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Leserkommentare
  1. Logische Konsequenz muss nun lauten: Wir erhöhen die Spritpreise um die Plattform zu retten und Verschmutzung euer Nordsee/Küstengebiete zu verhindern.

    Oder:

    Wir lassen die Verschmutzung stümperhaft und achselzuckend die nächste Zeit vonstattengehen, zahlen ein paar Millionen Strafe und führen die Bohrung nach ein paar Monaten Sperre weiter. Die Spritpreise erhöhen wir trotzdem. Wil wir es können.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • joG
    • 05.04.2012 um 14:18 Uhr

    ....aus der Russischen Föderation, den USA und Kanada.

    • joG
    • 05.04.2012 um 14:18 Uhr

    ....aus der Russischen Föderation, den USA und Kanada.

    • joG
    • 05.04.2012 um 14:18 Uhr

    ....aus der Russischen Föderation, den USA und Kanada.

    • 15thMD
    • 05.04.2012 um 14:29 Uhr

    Jeder von diesen Konzernen sollte die Kosten für solch ein Unglück selbst übernehmen, ob durch Versicherung oder dem eigenen "Ersparnissen". Ob es Öl- oder Chemiekonzerne etc. sind, ist hier völlig egal.

    Oder, noch besser: Die EU/USA sollten soche Bohrungen nicht mehr genehmigen.

  2. wo bleibt nur die Redaktion und löscht wenigstens die Überschrift wegen Unterstellung?

  3. Konventionelle Gas und Ölquellen, die leicht erschließbar sind sind weltweit weitgehend abgeerntet. Peak oil , Cruide Oil, das historisch 95% unseres Rohöls ausmachte liegt seit 2004 hinter uns. Der wachsende Bedarf wird aus Ölsanden, Natural Gas Liquids, Schweröl und eben auch aus Tiefseeöl gewonnen. Und das bei weiter Exponentiell weltweit steigender Nachfrage.

    Nun liegen die kleinen, scher zugänglichen, Kompliziert und teuer zu erschließenden Öl und Gasfelder vor uns.

    Bei dem Thema... Fracking ist nichts als die Kunst den letzten Tropfen aus dem Boden zu quetschen. Niemand käme auf die Idee das Zeug anzufassen, wenn es einfacher ginge.

    Und.. Die Legenden, zb. Amerika habe ja nun für 100 Jahre Gas sind absoluer Unsinn. Man verwechselt dort Resourcen und jenen kleinen Bruchteil an Fossilen Energien die sich technisch und finanziell abbauen lassen... sprich Reserven. Die sind aber nur für wenige Jahre gesichert.

    Was uns bevorsteht ist ein umfassender und epochaler Umbau unserer gesamten Energieversorgung und unseres Lebensstiles.

    Wir haben die Wahl. Lassen wir es unkontrolliert mit möglicher weise verheerenden Auswirkungen geschehen, oder wollen wir das Thema ENDLICH beim Namen nennen und realistische Ziele formulieren, damit der Übergang wenigstens halbwegs geordnet ablaufen kann.

    Deep water Horizon, Total.. übrigens ein Konzern der als einer der wenigen sorgen über Peak Oil äußert... Wir werden weitere Unfälle sehen.

    Eine Leserempfehlung
  4. es wird nur immer teurer und gefaehrlicher diesen Treibstoff der Weltwirtschaft zu produzieren bzw. zu ernten und dies bei steigender Nachfrage. Was geschieht, wenn die Nachfrage durch das Angebot nicht mehr ausreichend gedeckt werden kann, muss jedem klar sein: Die Preise schiessen durch die Decke. Und dann ist Feierabend mit unseren voellig irrationalen Kunsum- und Wegwerfgesellschaften. Sicherlich spielen da Spekulation und Raffgier der Konzerne auch eine gewichtige Rolle, aber wir sollten uns nichts vor machen. Das Ende einer (recht kurzen) Epoche der Menschheit ist eingeleautet und die Folgen sind nicht absehbar und kaum vorstellbar. Bisher gibt es nichts, aber auch gar nichts, was diesen "Superstoff" auch nur annaehernd ersetzen koennte. Dies faengt bei der landwirtschaftlichen Produktion unserer Nahrungsmittel und dem Transport an und hoert mit der Verpackung noch lange nicht auf. Erdoel ist die Basis von so gut wie allen Guetern unseres heutigen, taeglichen Lebens, nur viele von uns wollen es immer noch nicht wahr haben.

    Eine Leserempfehlung

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