Dezentes Auftreten und Desinteresse sind mitunter schwer voneinander zu unterscheiden. Wenn es in der Vergangenheit darum ging, in der EU einen Spitzenposten zu besetzen, hat sich die deutsche Regierung meist fahrlässig zurückgehalten. Oder sie hat Günther Oettinger als Kommissar geschickt. Umso unverständlicher ist es, dass sie nun ausgerechnet auf einen Posten drängt, mit dem sie wenig gewinnen kann.

Die Frage ist, wer künftig die Euro-Gruppe führen soll. Die Amtszeit des bisherigen Präsidenten Jean-Claude Juncker endet im Sommer; der Luxemburger hat mehrfach erklärt, er höre auf, wenn sich ein anderer finde. Dieser andere könnte Wolfgang Schäuble heißen . Ganz offensichtlich hat der deutsche Finanzminister Ambitionen.

Man kann die persönlichen Einwände, die nun hier und da gegen den Deutschen vorgebracht werden, getrost ignorieren. Etwa seine vermeintlich mangelhaften Englischkenntnisse, die so mangelhaft nicht sind – außerdem gibt es Übersetzer. Oder sein Alter. Schäuble wird im September 70 und muss selbst entscheiden, was er sich noch zumutet. Schließlich gibt es auch keine zwingende Logik, wonach Vertreter aus kleinen Ländern die Interessen innerhalb der EU per se besser ausbalancieren können als ein Deutscher, Italiener oder Franzose.

Gegen Schäubles Ambitionen spricht etwas anderes, Härteres: die deutschen Interessen. Die Bundesregierung würde, wenn sie den Euro-Gruppen-Chef stellt, ihren politischen Handlungsspielraum in der EU massiv beschneiden – ohne dafür im Gegenzug besonders viel Einfluss zu gewinnen.

Gewiss, die Euro-Gruppe ist derzeit neben den Staats- und Regierungschefs das zweitwichtigste Gremium innerhalb der EU. Doch die Macht ihres Präsidenten ist begrenzt: Die Finanzminister der 17 Euro-Länder müssen einstimmig entscheiden. Und jeder von ihnen muss darauf achten, dass die Beschlüsse, die er in Brüssel trifft, auch zu Hause, in Paris , Wien oder eben Berlin , Bestand haben.

Wolfgang Schäuble hat in der Euro-Gruppe auch deshalb zuletzt oft besonders harte Positionen formuliert. Das war so, als über die Bedingungen für das zweite Griechenlandpaket verhandelt wurde oder in der vergangenen Woche über die Höhe des künftigen Euro-Rettungsfonds. Oft hat Schäuble sich durchsetzen können, weil er als deutscher Finanzminister sprach und die anderen 16 akzeptiert haben – oder akzeptieren mussten –, dass sie gegen das größte und finanzstärkste Mitgliedsland keine Entscheidung erzwingen können. Hätte Schäuble hingegen die Positionen aller 17 Euro-Länder als Präsident moderieren müssen, hätte er die deutschen Interessen niemals so hart vertreten können. Klingt paradox, ist aber so: Manchmal bedeutet weniger Amt mehr Einfluss.