Es gehört zur kulturkritischen Litanei, die Schnelllebigkeit unserer Zeit zu beklagen. Doch gibt es einen erstaunlichen Anker der Kontinuität: das Fernsehen. Entgegen seinem Ruf, institutionalisiertes Dauerrauschen ohne Langzeitwirkung zu sein, war es sehr lange ein Medium der Treue und der Anhänglichkeit. Auch wenn ständig Neues in der Welt geschah, blieben die Gesichter auf dem Bildschirm die alten. Der Rhythmus des Livetickers war nur in die Welt der Nachrichten eingezogen, in der Welt der Unterhaltung herrschte das Gesetz der longue durée, der langen Dauer.

Diese Epoche geht jetzt zu Ende. Selten gab es in der Fernsehgeschichte so viel Abschied: Sat.1 trennt sich von Harald Schmidt und seiner Late-Night-Show. Das ZDF verkündete das Ende für das Philosophische Quartett mit Rüdiger Safranski und Peter Sloterdijk . Thomas Gottschalk kämpft um die Rettung seiner Talkshow Gottschalk live. Und auch dass Johannes B. Kerner einmal der Igel unter den Moderatoren war, der auf jedem Sendeplatz immer schon da war, gehört bereits der Vorzeit an. So unterschiedlich diese Figuren, durch ihre schiere Beharrlichkeit waren sie Identitätsstützen der Gesellschaft. Man musste sich nicht überall auf Neues einlassen. Das ewig Jungenhafte Gottschalks drückte das vollkommen aus.

Man kann sich über das Phänomen gar nicht genug wundern. Es war, als ob die Gesellschaft ihre ganze Sehnsucht nach Kontinuität in die Fernsehgesichter projizierte. Die Fernsehstars wurden zu Gegenfiguren der Politik. In der Politik herrscht das Amtsprinzip, also die verlustfreie Ersetzbarkeit des Amtsträgers. Im Fernsehen aber gönnte sich die Gesellschaft die Illusion der Unersetzbarkeit. Während Politiker in immer kürzeren Rhythmen über immer marginalere Verfehlungen stürzten, wehte hier ein Hauch von Ewigkeit. Das politische System war demokratisch und flüchtig, das Fernsehsystem monarchisch und ehern.

Das Fernsehen als Konservierungsmedium wird mit dem Abschied von Harald Schmidt , Thomas Gottschalk, Peter Sloterdijk und Rüdiger Safranski endgültig vergehen. Noch 2004 erschien ein Buch der Genervtheit mit dem Titel Meine Sonntage mit Sabine Christiansen. Heute, wo allein bei der ARD sich fünf Talkmaster abwechseln , wäre die beklagte Gleichschaltung der Bewusstseine nicht mehr denkbar. Damit geht aber auch das wohlige Gefühl der Kontinuität zu Ende. Jetzt, da Günther Jauch nur noch ein Moderator unter vielen ist und kein letztinstanzlicher Sinnvermittler mehr, dürfte er auch nicht mehr zum Bundespräsidenten der Herzen ausgerufen werden.

Um aus ihren Fernsehstars monarchischen Trost zu ziehen, hatte die Öffentlichkeit vorauseilend alle Steine aus dem Weg geräumt, über die ihre Heroen hätten stürzen können. Während jede Diätenerhöhung für Politiker Volkes Zorn hervorruft, waren die Millionengehälter der Stars (selbst wo sie von Zwangsgebühren bezahlt wurden) nie Gegenstand der Empörung. Harald Schmidt durfte sogar darüber witzeln, dass er deutlich mehr Millionen verdiene, als er Zuschauer habe. Nicht nur im Vergleich mit Politikern haben Fernsehstars überraschend skandalfreie Lebensläufe. Es ist völlig unwahrscheinlich, dass das nur mit ihrer charakterlichen Superiorität zu tun hat. Die Öffentlichkeit gewährte ihnen einen Raum, in dem moralische Fehltritte nicht vorgesehen waren. Thomas Gottschalk schmiss nicht zufällig Wetten, dass..? in dem Moment, in dem seine Unbescholtenheit, ja die moralische Unangreifbarkeit des Formats in Gefahr war, zweifelhaft zu werden.