Helen MirrenHere she comes

Sexy? Witzig? Klug? Alle Vorurteile über Helen Mirren stimmen. Ein Treffen mit der Queen des britischen Kinos, deren neuer Film jetzt zu uns kommt: "Hinter der Tür" von 

Helen Mirren

Helen Mirren im März auf der Deutschlandpremiere ihres jüngsten Films "Hinter der Tür" in Berlin  |  © Andreas Rentz/Getty Images

Nichts könnte das Erstaunen, die grenzenlose Erleichterung beschreiben, die einen beim Auftritt von Helen Mirren durchrieselt. Here she comes! Der Rücken gerade. Das weißgoldene Haar am Hinterkopf hochgesteckt. Stirn, Nase, Kinn – eine vollkommene Linie. Sie trägt ein tief dekolletiertes Top zu einem Tulpenrock aus grauem Flanell, sie kommt auf High Heels, über die Leopardenfell wuchert, sie schwebt durch ihr Publikum der Bühne zu, sie setzt sich, und man kann den Ansatz ihrer Brüste sehen. Dame Helen Mirren, geboren 1945, geadelt 2003, Commander of the Order of the British Empire. Mirren lächelt ein rotes Lipglosslächeln, keinen Wimpernschlag lang sieht sie aus wie Emerenc, es wirkt fast so, als wolle sie uns versichern, dass sie im wirklichen Leben kein bisschen so aussieht wie diese Kreatur, die sie in dem Film Hinter der Tür von István Szabó spielt, der hier in Berlin Premiere hat, mit Mirren als eine vom Schicksal grau geschleuderte Person, eine Haushälterin im Budapest der sechziger Jahre.

Der Film folgt einem Roman der ungarischen Autorin Magda Szabó (1917–2007). Hinter der Tür (Suhrkamp Verlag) ist eine Erzählung über Distanz und Nähe zwischen zwei Frauen, einer Romanautorin Magda, von Martina Gedeck voluptuös gespielt, und ihrer Hauhälterin Emerenc, einer Alten in Kittelschürze. Der Film konzentriert sich auf Emerenc, die im Schatten einer Schuld lebt, vor der sie sich versteckt, unter Kopftuch und Kittel, sie ist eine hart wirkende, innerlich brodelnde, furchterregende Person. Was man von Emerenc sieht, ist das Gesicht. Ausdruck: wie verstummt. Mimik: minimal. Welche Herausforderung! Für eine Schauspielerin wie Mirren, die alles geben muss, um dieser Gestalt Kontur zu geben. Unter der Regieanweisung: nicht spielen!

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Er habe, sagt der Regisseur István Szabó , der mit seinem Film Mephisto 1981 einen Oscar gewann, er habe Mirren immer wieder gesagt: nur leben! Szabó: "Nur sie kann das. Helen Mirren kann alles, was sie will. Sie ist ein Mensch ohne Angst. Sie ist eine präzise Schauspielerin, aber es sind vor allem Haltung und Würde, mit denen sie spielt. Wir sehen es nicht, aber wir spüren es."

Helen Mirren hat ihre Kunst bei Shakespeare gelernt. Als sie 20 war, wurde sie das bis dahin jüngste Mitglied der Royal Shakespeare Company . Helen Mirren war Kleopatra und Ophelia, sie war Julia und Cressida, sie gilt als eine der großen Shakespeare-Interpretinnen, Julie Taymor hat vor zwei Jahren die Hauptrolle im Sturm für Mirren von männlich Prosperus in Prospera umschreiben lassen. Mirren beherrscht das Repertoire, das der größte Dichter aller Zeiten für die Frauen aufgefächert hat, die herzzerreißenden Monologe, das Verzücken von Verliebtheit, die Tiefe des Leidens, den Zugriff des Wahnsinns. Sie hat Racines Phädra gegeben und John Websters verzweifelte Herzogin von Malfi. Sie hat für Peter Brook vor Nomaden in der Sahara experimentelles Theater ausprobiert, sie war jahrzehntelang Detective Chief Inspector Jane Tennison in der Kultserie Prime Suspect und hat sich gegen Prostitution, Pädophilie, Einsamkeit und Alkohol gestemmt. Sie war ein " Calendar Girl" , nackt hinter der Saftpresse, sie war Elizabeth of Windsor im grünen Kaschmir-Twinset, sie war die Queen. Und jetzt: nicht schauspielern…?

Wir sitzen uns in ihrem Hotel gegenüber, welch ein Strahlen, ist es gespielt? Oder echt?

DIE ZEIT: Wieso sind Sie nicht geflohen vor Emerenc, dieser unmöglichen, harschen Rolle?

Helen Mirren: O, ich weiß. Leute haben mich gewarnt, im Stile von "Ob das so eine gute Idee ist?" Vermutlich dachten sie, ich sollte große Filme machen. Aber ich liebe kleine, interessante Filme.

ZEIT: Woher weiß man, was im Herzen einer alten, verbitterten Frau vorgeht, in Ungarn , vor 50 Jahren, inmitten des Kommunismus?

Mirren: Man muss sich in sie hineinbohren – und am anderen Ende wieder herauskommen. Es geht um dieses Wiederherauskommen. Ich habe viel gelesen. Geschichte Ungarns, Zweiter Weltkrieg. Und nachgedacht, vor allem nachgedacht. Ich habe ja öfter im Osten gedreht, in Prag, in Vilnius ...…

ZEIT: ...in Vilnius standen die Sets für Tudor England , in denen Sie Elisabeth I. spielten...

Mirren: Ja. Wann immer ich in diesen Ländern bin, besuche ich alte Friedhöfe, Orte, an denen Synagogen standen oder Konzentrationslager. Ich wurde nach dem Krieg geboren, aber ich habe das Gefühl, Geschichte liegt in meiner DNA.  

Leserkommentare
  1. Wenn ich mir das oberste Foto ansehe, muss ich bewundernd anerkennen, wie schön eine Frau auch im Alter noch aussehen kann. Das sollten sich all die Botox-Zombies und chronisch Operierten mal anschauen. Die sehen nämlich allesamt gruselig aus. Geschweige denn, dass diese noch so etwas wie eine Mimik haben.

    Über ihre schauspielerischen Fähigkeiten, ihren Witz und Charme braucht man eh nicht mehr zu diskutieren. Die Frau hat echt Klasse!

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