KanadaDie Gräber der "Titanic"

Ein Leuchtturm, ein Hafen, ein Friedhof in Kanada: Wo noch heute Spuren der Schiffskatastrophe zu finden sind. von 

Blick auf den Hafen von St. John’s vom Signal Hill aus. Von hier gelang 1901 die erste transatlantische Funkübertragung nach Europa.

Blick auf den Hafen von St. John’s vom Signal Hill aus. Von hier gelang 1901 die erste transatlantische Funkübertragung nach Europa.  |  © Peter Kümmel

In der Nacht zum 15. April 1912, fünfzehn Minuten nach Mitternacht, geht auf einem Leuchtturm am östlichsten Rand des amerikanischen Kontinents ein Funkspruch ein. Ein kurzes Notsignal, gefolgt von der Botschaft: »Have struck iceberg« – Haben einen Eisberg gerammt. Absender ist die Titanic. Aufgefangen wird die Nachricht nicht von dem Leiter der Station, sondern einem Halbwüchsigen: Jimmy Myrick, 14 Jahre alt.

»Er hat über die Sache sein Leben lang geschwiegen«, sagt David Myrick, Jimmys Großneffe. »Erst kurz vor seinem Tod hat er uns davon erzählt. Er wollte nicht, dass herauskommt, dass der Funker nicht auf seinem Posten war.«

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Ich bin nach St. John’s gereist, in die Hauptstadt der kanadischen Insel Neufundland, um mich mit David zu treffen. Ein Ire im Herzen, der gleichwohl Neufundland nie verlassen hat. 73 Jahre alt, Jazzfan und Charmeur, dessen Familie seit Generationen auf der legendären Funkstation in Cape Race lebt, gut 150 Kilometer von hier entfernt. Alle Titanic- Besessenen haben den Klang dieses Ortes im Ohr: Cape Race, das letzte Stück Festland, mit dem der Ozeandampfer Kontakt hatte. Eine nebelige Felsküste mit einem einsamen Leuchtturm. Von hier aus ging die Katastrophennachricht um die Welt.

Wie kam es, David, dass ein Junge das Notsignal empfing? »Der Leiter der Station war kurz hinausgegangen, um nach dem Leuchtfeuer zu sehen. Und mein Großonkel setzte sich an das Gerät«, sagt David. »Als der Funkspruch kam, rannte er ins Freie und rief alle Erwachsenen zusammen.«

Schon in den Stunden vor der Kollision mit dem Eisberg war die Titanic im regen Kontakt mit Cape Race gewesen: Der Funker des Schiffs, Jack Phillips, hatte die Aufgabe, für wohlhabende Passagiere Feriengrüße zu versenden, die von der Station weiter nach New York geschickt wurden. Für Warnungen hatte Phillips keine Zeit. Und so kam es auf dem Nordatlantik zu einem ungeheuerlichen Funkdialog: Die S. S. Californian sandte der wenige Meilen südlich von ihr reisenden Titanic die Nachricht: »Say, old man, we are stopped and surrounded by ice.« Zu Deutsch: Leute, wir stecken fest, wir sind umgeben von Eis. Jack Phillips erteilte, von der Brücke des sichersten Ozeandampfers aller Zeiten, dem Mann im Eis eine kalte Abfuhr: »Shut up, shut up, I am busy. I am working Cape Race« (Geh mir aus der Leitung, ich bin in Funkkontakt mit Cape Race). Das war um 23.05 Uhr. Die Titanic fuhr mit voller Kraft weiter. Es blieben noch 35 Minuten, bis sie den Eisberg rammte, und noch 3 Stunden und 15 Minuten, bis ihr aufgerichtetes Heck in den Fluten versank.

Die Tragödie beschäftigt David Myrick bis heute: In der Nacht vom 14. auf den 15. April 2012 wird er in Cape Race sitzen und jenen letzten Funkverkehr der Titanic noch einmal führen, kleines Detail einer weltweiten Beschwörung der Katastrophe. Man nennt das Reenactment : Alle Beteiligten sollen vom Unglück der Titanic- Passagiere ergriffen werden, ohne dass sie es bis zum Ende erleiden müssten. »Von Southampton und New York aus werden Kreuzfahrtschiffe aufbrechen, um sich an der Unglücksstelle zu treffen«, sagt David. »Am frühen Morgen gibt es einen Gottesdienst. Die BBC sendet live. Und ich halte als Funker alles zusammen.«

Wer sich zum 100. Jahrestag auf die Spur des Titanic- Unglücks machen möchte, hat viele Möglichkeiten: Man kann nach Belfast reisen , dort wurde das Schiff gebaut. Nach Southampton, von dort stammten die meisten Besatzungsmitglieder. Oder nach New York, wo die Titanic ankommen sollte. Ich aber, als alter Melancholiker, habe mich entschlossen, dorthin zu fahren, wo die letzten Funksprüche empfangen wurden. Und dann weiter nach Halifax in Nova Scotia, wo die Toten der Titanic begraben liegen.

Leserkommentare
    • aneka
    • 08. April 2012 10:36 Uhr

    Ein sehr schön geschriebener und lesenswerter Artikel.

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    Dem kann ich mich nur anschließen.

  1. Dem kann ich mich nur anschließen.

    Antwort auf "Faszination Titanic"

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