Eine Wunschkoalition, die sich nichts mehr zu sagen hat. Eine Regierung, deren liberaler Teil in zweieinhalb Jahren auf ein Siebtel seiner Ausgangsgröße geschrumpft ist. Ein Vizekanzler ohne Autorität: Schwarz-Gelb ist im April 2012 längst als Chaostruppe gebrandmarkt, als ein Missverständnis vermeintlicher Traumpartner, denen partout aus Ich und Ich kein Wir gelingen will. Doch nun wird der Wahnsinn noch einmal potenziert – weil ein Partner in eine Existenzkrise gefallen ist, in der Politik nicht mehr die Kunst des Kompromisses ist, sondern nur mehr Zwang zur Konfrontation. Während sich der andere Partner schon mal umschaut, wer denn sonst so zu ihm passt. Warum aber bleiben sie überhaupt zusammen?

Zweieinhalb Jahre lang haben zwei Großkonflikte das Regierungshandeln überlagert, in Teilen blockiert: der Streit um die Steuersenkung und der Streit um die Euro-Rettung. Beide waren sinnlos. Weil Steuersenkungen in keinem Fall möglich waren, die Euro-Rettung in jedem Fall nötig war. Einziger Ertrag der Konflikte ist der Absturz der FDP.

Jetzt, da die Liberalen ums politische Überleben kämpfen, brechen neue Konflikte auf, vom Betreuungsgeld über die Finanztransaktionssteuer bis zur Pendlerpauschale. Sie kommen nicht, wie Steuern und Euro, im Gewand der Großthemen daher, werden aber härter ausgetragen – und vor allem: Sie sind inhaltlich aufgeladen. Profilierungsgehabe und plumper Populismus mischen sich in ihnen mit echtem Einsatz für das, was man für richtig hält. Die Verwerfungslinien verlaufen dabei in zwei Richtungen: entlang der Parteigrenzen – und quer durch Union und FDP hindurch. Die ohnehin labile Koalition wird dadurch weiter destabilisiert. Sie hat bis heute nicht gelernt, aus Partei-Egos ein Regierungsteam zu formen.

Die interne Verwerfungslinie bei der FDP trennt die Moderaten von den Radikalisierten, die Konsens- von den Konfliktsuchern, trennt Christian Lindner von Philipp Rösler. Während sich Lindner, liberaler Spitzenwahlkämpfer in NRW , von der Bundes-FDP eine solide, geräuscharme Regierungsarbeit wünscht, um das größte Manko der Liberalen, das Seriositätsdefizit, zu lindern, setzt Parteichef Rösler auf FDP pur, auf Profilierung gegen den Partner. Was zweimal gut gegangen ist, soll jetzt zum Erfolgsrezept werden.

Die Liberalen haben zuerst den Bundespräsidenten Joachim Gauck möglich gemacht und dann eine staatliche Auffanglösung für die 11000 entlassenen Schlecker-Frauen verhindert. Das Erste gegen den Widerstand der Kanzlerin, das Zweite gegen den der CSU . "Wir können nur wieder erfolgreich werden, wenn wir eigenständige FDP-Politik machen und diese durchsetzen", sagt Parteivize Jörg-Uwe Hahn. Die Fliehkräfte bei Schwarz-Gelb nehmen zu.

Der Konfrontationskurs ist das eine Problem, Rösler selbst das größere.

Bei Gauck und Schlecker hat Rösler gepunktet – und dann den Sieg hergeschenkt, einmal leichtfertig, einmal aus Verkrampfung. Seinen Triumph bei der Präsidentenkür stellte der FDP-Chef derart demonstrativ zur Schau, dass kein geschickter Taktiker erkennbar wurde, sondern ein aufgeblasener Bubi. Und das Schlecker-Nein begründete Rösler so herzverhärtend bürokratisch ("Es gilt jetzt, dass die mehr als 10.000 Frauen, alleinerziehende Mütter und ältere Frauen, eine Anschlussverwendung selber finden"), dass der Bubi als eiskalter Bengel rüberkam. Rösler ahnt, dass er auch nach Gauck und Schlecker ein Parteichef auf Abruf bleibt – und greift nun nach allem, was populär scheint. Mit seinem Plädoyer für eine Erhöhung der Pendlerpauschale befeuert er die "Mehr Netto vom Brutto"-Seligkeit jenes Vulgärliberalismus, der die FDP ins Verderben gestürzt hat.